Auf der Suche nach dem perfekten Wilden Westen verschlug es die Filmcrew der 1960er Jahre in den Wilden Südosten. Heute trifft man Cowboys und Indianer aber nur mehr selten
"Nun sehen wir sie endlich von Angesicht zu Angesicht – die schon fast legendären Blutsbrüder Old Shatterhand und Winnetou … Mit ihnen durchqueren wir die Höhen und Tiefen des gewaltigen Felsengebirges, mit ihnen reiten wir über die endlosen Weiten der amerikanischen Prärien, …" So beginnt "Der Schatz im Silbersee": Die beiden Helden reiten über ein Plateau, im Hintergrund die Prärie. Bekanntlich ist aber nicht alles Gold was glänzt, und in diesem Fall ist der Silbersee auch recht weit entfernt von den USA.
Zu finden ist der See mit oder ohne Schatz nämlich in Kroatien. Gute 100 Kilometer entfernt liegt auch die Westernstadt Tulsa, der Geister-Canyon und der Rio Pecos oder zumindest jene Bilder, die mit den Winnetou-Filmen verbunden sind und Kindheitserinnerungen oder das Fernweh wecken. Karl May, der geistige Vater von Winnetou, Old Shatterhand und ihren Freunden und Feinden, hat Kroatien wohl nie besucht. Aber schließlich hat er auch den echten Wilden Westen erst als Tourist in gehobenem Alter gesehen.
Als Anfang der 1960er Jahre erste Ideen zu einer erneuten Verfilmung der unsterblichen Karl-May-Geschichten aufkamen, war man auf der Suche nach geeigneten Drehorten. Was her musste, war eine Landschaft, die man gut und gerne als Präirie verkaufen konnte. Wild, ungezähmt, weit, das was sich Mitteleuropäer eben so unter dem Wilden Westen vorstellen. Fündig wurde man schließlich im Wilden Südosten. Filmproduzent Horst Wendtland verlegte Amerika kurzerhand in das kommunistische Jugoslawien. Was die Politik davon hielt, ist nicht überliefert. Jedenfalls begann so die jahrelang erfolgreiche Zusammenarbeit der deutschen Rialto Film mit der jugoslawischen (heute kroatischen) Jadran Film.
Als Drehorte für den "Schatz im Silbersee" wurden neben den Nationalparks Plitvicer Seen und Paklenica unter anderem auch ein Canyon nahe der Küste bei Starigrad/Paklenica gewählt. Unendliche Weiten, Wald und Wiese, dazwischen Karst, der unwirklich aus dem Boden ragt. Und irgendwo in weiter Ferne erahnt man das Meer, hinter dem Velebit-Gebirge. Was für die Filmemacher der 1960er die perfekte Kulisse für die Abenteuer des Häuptlings der Apachen und seines Blutsbruders Old Shatterhand war, ist auch heute noch eine beeindruckende Landschaft.
Die Wasserfälle von Slunj
Auf dem Weg von Karlovac Richtung Plitvicer Seen wandelt man schon knapp 35 Kilometer vor dem Nationalpark auf den Spuren eines anderen Literaten. In Slunj teilt sich die Slunjcica in viele kleinere Flussarme und rauscht geräuschintensiv über zahlreiche Kaskaden und kleinere Wasserfälle in die Korana. Alte Wassermühlen sind Zeugen einer lange vergangenen Ära der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Blüte. Heimito von Doderer setzte dem Naturschauspiel in seinem Spätwerk "Die Wasserfälle von Slunj" ein literarisches Denkmal. Aber auch hier kommt man nicht an Karl May vorbei. Interessanterweise findet man in Mitten einer Wiese einen Marterpfahl, angeblich ein Originalrequisit der Winnetou-Dreharbeiten aus dem 1960er Jahren. Ein Original-Drehort war es auf alle Fälle nicht.
Als weitere "Original-Requisiten" der Filme gelten wohl die Drehorte und Landschaften selbst. Der Silbersee befindet sich auch heute noch im Nationalpark Plitvicer Seen. Unweit der Grenze zu Bosnien-Herzegowina erstreckt sich das knapp 30.000 Hektar große Gebiet. Charakteristisch sind nicht nur das glasklare, türkisfarbene Wasser der Seen, sondern auch die unzähligen Wasserfälle. Fast terrassenförmig angeordnet, ergießt sich ein Gewässer in das nächste. Plankenstege und Wanderwege führen die Besucher an den Rändern und quer über die Seen durch den Nationalpark.
Touristen auf Tagesausflügen, kroatische Schulklassen und die üblichen Busladungen voll Menschen unterschiedlicher Nationalitäten bevölkern die schmalen Holzstege und Wege im Nationalpark. Autos sind verboten, und müssen auf umliegenden Parkplätzen auf ihre Besitzer warten. Busse und Boote sind die einzigen erlaubten Transportmittel (außer den jeweils eigenen zwei Beinen).
Kurzerhand kürten die Filmschaffenden den Kaluderovac See zum weltberühmten Silbersee. Einer Legende nach stammt der reale Name des Sees vom kroatischen Wort für Mönch ab. Ein solcher soll einst in der Höhle über dem See gehaust haben soll. Womöglich war es jene Höhle, die für den "Schatz im Silbersee" auch als Unterschlupf der Schatzjäger diente. Nicht zuletzt für die doch immer wiederkehrenden Winnetou-Fans ist sie über steile Steinstufen zugänglich, und erlaubt den selben Blick auf den Silbersee, wie ihn einst der Kameramann haben musste. Nach dem Schatz tauchen darf man freilich nicht.
Winnetourismus
Aber die Drehorte beschränken sich nicht nur auf den Nationalpark Plitvicer Seen. Rund 120 Kilometer südwestlich, in Steinwurfnähe der Adria kommt immer wieder das Gefühl auf, mitten in der Kulisse zu Winnetou Reloaded gefangen zu sein. An den Kalksteinformationen hat das Rad der Zeit kaum gedreht. Der Zrmanja-Canyon bei Obrovac diente beispielsweise als "Tal der Toten" und kommt auch in zahlreichen der Verfilmungen als Kulisse vor. Die Banditen kommen mit ihren Geiseln auf dem Weg zum Silbersee ebenfalls an der Zrmanja vorbei. Heute ist der Fluss, den die Apachen Rio Pecos nannten, ein Eldorado für Rafting- und Freeclimbing-Fans.
Ganz in der Nähe baute ein Wiener bei der Stadt Obrovac ein Winnetoudorf auf. "Ich bin Winnetou-Fan von Kindheit an. Unweit von hier wurde ich geboren, bin aber schon seit 40 Jahren in Wien. Ich wollte das Dorf hier aufbauen, um einerseits an die großartigen Filme zu erinnern, aber auch auf die Schönheit dieser Landschaft aufmerksam machen", erklärt Hajduk Mrdalj. Schlafen in Tipis und Ponyreiten gehören hier zum täglichen Indianerleben, genauso wie Fantreffen. Derzeit laufen auch die Vorbereitungen für die 1. Winnetou-Festspiele in Kroatien auf Hochtouren.
Selbstverständlich ist die "Winnetou-Mania" nicht gänzlich spurlos an den Tourismusverantwortlichen des Landes vorübergegangen. Versuche, eine Art "Winnetoursimus" als Marke zu etablieren gibt es schon seit einigen Jahren. Gerade seitens der Ur-Fans kommen natürlich die üblichen "Ausverkauf"- und "Kommerz"-Rufe, aber das Kriegsbeil wird über kurz oder lang wohl begraben werden. Schon seit Jahrzehnten reisen schließlich Fans, alleine oder in Gruppen, in die Gegend und suchen akribisch nach Drehorten, Einstellungswinkeln und Steinformationen. Selbstgedrehte Fanfilme gehören ebenfalls zum Programm. Auch dem Ruf zu einer Winnetou-Convention im vergangenen Jahr folgten viele. Und: Winnetous Herz war froh, seine Freunde wieder zu sehen! (Daniela Rom, derStandard.at, 11.7.2008)