
Thomas Raab: "Die beiden Karlis, die nun gemeinsam auf der Regierungsbank sitzen müssen, weil ein Karli allein dort viel zu gefährlich ist, spielen trotzig mit ihren Tixos, piesacken einander aufs Primitivste mit ihren Zirkeln und treten sich, um Zentimeter ringend, gegenseitig in die Weichteile, bis es einem ans Herz oder einer in die Knie geht."
Wenn man von der verbreiteten Theorie ausgeht, dass erst nach einer Vermählung mit den wirklich groben Sticheleien begonnen wird, war das Anbringen dieses selbstklebenden Plastikstreifens wohl das Band der Ehe zwischen Karl und mir. Denn von diesem Moment an amüsierte es Karl ungemein, mit einer Seelenruhe seinen bereitgelegten Zirkel in die linke Hand zu nehmen, um mit dessen Metallspitze jenem Teil meines rechten Ellenbogens, der über diesen beinah unsichtbaren Grenzzug ragte, einige tiefgehende Lektionen zu erteilen. Jedes Mal wortkarg kommentiert mit: "Meine Seite!"
Also was tun?
* Ihn verpetzen, den Karl, damit er strafversetzt hinter mir seine Bank für sich allein und mich von nun an während so mancher Pause in einem hintersten Winkel zwischen seine Finger bekommt?
* Das Tixo abziehen und somit den Kampf um ein paar Zentimeter eröffnen? Einen Kampf, der unterschwellig zwischen zwei sich auf derselben Armlehne aufstützenden Sitznachbarn im Kino, Theater oder einem Waggon der ÖBB beheimatet ist, der bei jedem Anstellen am Skilift, diesem jämmerlichen Strategiespiel mit Skistöcken und kleinen unauffälligen Schritt-Rutsch-Bewegungen, seine Spur hinterlässt, gar nicht zu reden von der Frage: Wer der beiden Liftbenutzer hält sich wo am orangen Mittelstück des Schlepperbügels an? Ein Kampf, der Bauern und Kleingärtner vollzeitbeschäftigt, auf Staatsebene leichtfüßig existenzbedrohliche Dimensionen erreicht und für mich unbestritten abermals in einem hintersten Winkle zur jämmerlichen Kapitulation geführt hätte?
* Oder es weiterhin zulassen, das Piesacken, bis mir der von Karl unverrückbar legitimierte Vermessungsfehler endlich in Fleisch und Blut übergeht?
Letzteres also.
Diese Tixo-Grenzerfahrung hätte im Grunde für sich allein schon unvergesslich sein können. Einfacher, auffälliger und eindeutiger kann ein Reizauslöser nämlich kaum sein, vor allem, wenn es so ein Zirkel erschreckend geradlinig auf die Spitze treibt, obwohl er eigentlich nur für Bögen gedacht ist. In diesem speziellen Fall allerdings ging es bei der Frage, welcher Reiz was auslöst, nicht um die leicht vorhersehbare Beobachtung eines Blutegels, einer Kakerlake oder eines amerikanischen Präsidenten, sondern um mich. Und wenn es um einen selbst geht, bleiben für das Einfache oft dermaßen auffällig und eindeutig alle Türen zu, als würde ein Joachim-Ferdinand, Sohn einer angesehenen Juristenfamilie, wohnhaft in einer 400-m²-Villa in Döbling, dem Herrn Papa endlich seine Geliebte vorstellen wollen, eine Jennifer ohne Zweitnamen, Tochter eines Busfahrers, wohnhaft in einer 50-m2-Gemeindebauwohnung in Favoriten – was das Türenöffnen betrifft, ist ein Busfahrer in diesem Zusammenhang wahrlich ein Aushängeschild an Liberalität.
Nun sind wir Männer bei oberflächlichen Verletzungen wehleidig und zickig wie ein vom Posten des Bundeskanzlers zum Posten des Klubobmanns abgewähltes Exregierungsmitglied, nicht jedoch, wenn es sich um Einstiche handelt, die zu Herzen gehen. Bis da überhaupt ein Schmerzempfinden registriert wird, müssen wir uns schon mehrmals genau an derselben Stelle den Schädel anschlagen, und das muss nicht unbedingt nur die Lottostelle sein.
Folglich gesellte sich zu Tixo und Zirkel reizverstärkende Hilfe, und zwar durch eine, in gefrorenem Zustand vom eigenen Vater gesponserte und großherzig auf die Rückbank überreichte, eiskalte, trennende Verbundenheit für zwei. Auspacken durfte es der Bub, das Twinni, und wie ich vor der anstehenden Teilung die beiden Holzstäbchen in meinen kleinen Händen hielt, tauchte abermals von rechts eine noch kleinere Hand auf. Meine jüngere Schwester tatschte mit von bunten Filzstiften in ein höhnisch grinsendes Etwas verwandeltem Zeigefinger auf die begehrte orange Hälfte und quietschte: "Meine Seite!" Mein Ellenbogen zuckte. Leider hat sich, seit ich mir mein eigenes Twinni leisten kann, nicht nur manches Orange als ziemlich geschmacklos erwiesen.
Mit diesem Sich-leisten-Können folgte der nächste Baustein, wie das Tixo ebenso aus Plastik. Ein kleiner Balken, der von Vordermann oder natürlich -frau in der Reihe der an einer Scannerkasse angestellten Schweiger meist mit missmutigem Blick auf das schwarze Laufband geknallt wird, ohne Kommentar. Den braucht auch keiner mehr, selbst ein Nomade in den Wasserkanälen der Westküste Patagoniens, der, das Ziehen betreffend, bisher garantiert noch nie an das angehäufte Warengut auf dahingleitendem Gummi dachte, versteht diese Botschaft ohne Dolmetscher einwandfrei: "Meine Seite!"
Und während Frau A mürrisch die grünen, sich über den Warentrenner rankenden Ausläufer des Frühlingszwiebels der Frau B wortlos mit dem Zeigefinger ins fremde Revier zurückschnippte, als würde sie Pfitschigogerln, stellte die nach rückwärts blickende Frau B selbst gerade einen solchen Plastikbalken für den sich am Ellenbogen reibenden Herrn C, also mich, auf.
Ein Laufband ist mehr oder weniger gerecht. Der Folgekonsument kann selbst bestimmen, wie viel Raum er für sich beanspruchen will, und es gibt, solange es in Verwendung ist, keinen Letzten, dem dann gerade noch ausreichend Platz für seinen Magenbitter, seinen (W)Underberg oder seinen Jägermeister bleibt. Auch wenn jene, die so ein Fläschchen kurz dem Laufband überlassen, meist sich selbst überlassen, ganz am Ende stehen. Beinah synchron stellte Frau B ihr Schildchen auf, und das Laufband den Betrieb ein. Die Kassa wurde geschlossen. So viel zur Gerechtigkeit.
Von da an kam er immer öfter, der Schmerz im rechten Arm, bei jedem Spurwechselversuch im Straßenverkehr, wenn das aufleuchtende Orange, schon wieder orange, meines Blinkers nicht die Spur einer Geschwindigkeitsreduktion auf der Nebenfahrbahn verursachte, später an der Seite einer Frau, die zum Einschlafen ihre Polstermassen auf dem ohnedies schon vorhandenen Matratzenspalt auftürmte und mir ein Lächeln über den Daunenwall schickte, das in Wahrheit dieselbe Botschaft vermittelte wie das Tixo, das Twinni, der Plastikbalken und dieses Rasen auf der Nebenspur: "Meine Seite!"
Dann wurde es chronisch. Mein Ellenbogen marterte mich im Zug, Theater, Kino, beim Ski- Auto- und Einkaufswagerlfahren, bei jeder Annäherung an irgendeine Grenze, beim Ausbreiten des Badetuches im überfüllten städtischen Strandbad oder nur am Strand und schließlich in der Wahlzelle.
Denn als ich ihn zwischen meine Finger nahm, diesen an einem grindigen Schnürl befestigten ebenso grindigen Kugelschreiber, den auch garantiert keiner geklaut hätte, wäre er dort deutlich beschildert zur freien Entnahme gelegen, zuckten erstmals beide Ellenbogen. Von allen Seiten, als wäre die Wahlzelle ein Gefängnis in Form eines Vielecks mit verschieden langen Seiten, gebildet durch die Tixostreifen aller am Wahlzettel stehenden Parteien, brüllten mir unzählige Karlis, manche aus ihrer Sandkiste, fordernd zu: "Meine Seite!" . Unmöglich, da ein Kreuzchen zu setzen.
Die beiden Karlis, die nun seit dieser Wahl gemeinsam auf der Regierungsbank sitzen müssen, weil ein Karli allein dort viel zu gefährlich ist, spielen trotzig mit ihren Tixos, piesacken einander aufs Primitivste mit ihren Zirkeln und treten sich, um Zentimeter ringend, gegenseitig in die Weichteile, bis es einem ans Herz oder einer in die Knie geht. Nur, wie gesagt, das dauert, und hätte da jemand von den beiden wirklich Eier, müsste es dem einen oder anderen längst den Anstand aus der Magengrube heraufwürgen wie ein abgelaufenes Beuschel. Ohne Magen, der reagiert, wenn etwas abgelaufen ist, und ohne das Wissen, das weiß, wann es Zeit ist zu gehen, also ohne Ge(h)wissen, lässt es sich sichtlich prächtig koalieren.
Übrigens: Da stell ich vor ein paar Tagen als Vorletzter an der Scannerkasse gerade mein Schildchen auf, völlig unnötig, denn der Letzte in der Reihe benutzt das Laufband gar nicht und hält, mit seiner ganzen Ausstrahlung am Ende, den (W)Underberg fest in der Hand, weil er den Berg voll Wunder nicht mehr zu greifen bekommt, wandert mir plötzlich das Zucken aus dem Ellenbogens ins Herz. Hinter mir steht Karl aus der Schulbank. Mitleidig lass ich ihn vor. Er erkennt mich nicht. Karl hat sich damals zwar auf meine Kosten amüsiert, dabei aber, nicht mich, sondern nur sich gefährdet, und das offenbar immer wieder.
Die zwei Karlis auf ihrer Regierungsbank amüsieren sich zwar auch ganz gewaltig auf meine Kosten, allerdings mit dem Unterschied, dass sie dabei nicht sich, sondern nur mich gefährden. Denn ganz im Gegensatz zum Karl von damals interessiert die Karlis von heute eines garantiert nicht: "Meine Seite!" (Thomas Raab, ALBUM/DER STANDARD, 05.07/06.07.2008)
Die Sprache enthält die Wendung: Grenzen setzen. Ich behaupte, dass der "Setzung" genannte Vorgang, der "die Welt" hervorgebracht hat, auf einem permanenten Prozess der Grenzsetzungen beruht
Im Kaffeehaus entdecke ich niemanden, der Peter Altenberg ähnlich sieht. Es sitzen nur Touristen herum, kichern und trinken aus Plastikflaschen
Der Bezirk hat kein eigenes Krankenhaus, wir müssen ins AKH oder auf die Baumgartner Höhe
Die Frau auf dem Rücksitz hatte sich geweigert, den Sicherheitsgurt anzulegen; die Augenlider geschlossen - Der Fahrer nähert sich der Grenze, die Ausfallsquote ist kalkulierbar
In den letzten paar Jahren hin und wieder - nur so blitzschnell zwischendurch - überlegt, wer zuerst sterben wird. Auf prägnant Wienerisch: wer überbleibt
Wir sind Berg- und Talpfleger, Markierungsmaler und Toteneinsammler, Schneeschaufler im Winter und Wasserspender im Sommer, auch Jodlercombo für Heimatabende
Geteiltes Haus, geteilte Katze. Stehen die beiden Haushälften zu unser aller Wohl fest zueinander, ist das mit einem gut einjähri-gen Miniaturtiger so eine Sache
Der Bauer füllte trüben Most in die Gläser. Da drüben bin ich in die Schule gegangen, erzählte er. Wenden an der tschechisch-österreichischen Grenze
Wir warten aber jetzt wirklich nicht mehr lange, hörst du, fang an mit deiner Vorstellung! Aber die Vorstellung hat bereits begonnen
Ein schäbiger, ungemein staubiger, einst schwarzer Mini-Pick-up hält - Der Lenker gefällt mir nicht - Clemens Berger
Immer neue Arbeitskräfte wurden angeworben. Die Löhne waren niedriger als versprochen, ein großer Teil wurde für Unterkunft und die Bahnfahrt abgezogen
Danke Österreich: Du hast mich zum Deutschen gemacht! Fortan erfülle ich mit Freuden sämtliche Nationaltugenden
Nachdem meine Schwester völlig erschöpft nach Hause gefahren war, war ich jetzt mit der Pflege meiner Mutter an der Reihe. Nach mir sollte mein Bruder kommen
Ich konnte nicht lokalisieren, woher die Quallaute stammten. Und nach wie vor war ich mir im Unklaren, was da hinter einer der Mauern vor sich ging
Diese Leseerfahrung von Begrenzung und Grenzenlosem, woher rührt sie, worauf läuft sie hinaus? Rührt sie von etwas Wirklichem her, läuft sie auf etwas Wirkliches hinaus?
du nichts! wortlos wertloses nichts. die mutter, wortwörtlich, fortrennen, nicht flennen, gehen bleiben gehen, wohin gehen, hart werden, härten, und GEHEN
Ihr Antrag wurde abgelehnt. Sie werden abgeschoben. Weil Sie barfuß sind. Weil in Ihrem Pass ein Stempel fehlt. Weil Sie stinken. Weil Sie auf dem Passfoto lächeln
Ich räkelte mich in der Sonne, gedanklich aufgehoben im derzeitigen Frieden, zumindest in Wien. Es geht mir gut, flüsterte die Gedankenstimme, und wieso geht es mir gut?
Als sie beim Schwanz des Pferdes angekommen war, trat es nach ihr, und die hölzerne Trennwand, die es an ihrer Stelle traf, krachte splitternd zusammen
Das innere Leben war aufregender als unsere registrierbaren Manifestationen. Die Barrikaden in Paris schienen die Welt in strahlende Rotation versetzt zu haben
Der Kellergang glich einem Stollen, in dem sich der Schimmel- und Modergeruch staute, der aus dem Boden und den unverputzten Wänden drang
Ich komme zur Wohnungstür um zwei Uhr früh, und da stehen meine Hausschuhe vor der Tür, sagt er. Ich will die Tür aufsperren, und da steckt der Schlüssel von innen
Mein Herz fängt an, langsamer zu schlagen. Ich habe um elf Uhr dreißig den Zug bestiegen mit voraussehbar pünktlicher Ankunft
Mir ist übel. Ich öffne das Fenster, um Luft hereinzulassen. Als ich mich umdrehe, höre ich ein langgezogenes Pfeifen; es prallt etwas gegen die Wand über meinem Tisch
manche wurden rasend vor wut, da sie glaubten, ich wolle ihnen die antwort auf die letzte frage vorenthalten. mein bruder erzählte der zeitung, ich wäre debil
Jubel empfing die einmarschierenden deutschen Truppen in Österreich. Nie wieder stieß die Wehrmacht bei Überschreitung nationaler Grenzen auf solche Begeisterung
Ich habe mich manchmal gefragt, ob und wie sich dieses Jahrhundert der Kriege, der Zwischen- und Nachkriegszeiten auf uns Nachgeborene ausgewirkt hat
Woher kannst du Albanisch? Es klingt, als frage er mich, wie ich die Reise vom Mars hierher auf die Erde überstanden habe. Du bist bestimmt ein Flüchtlingskind
In der Dunkelheit des Zimmers, was spielt sich da ab? Offenbar ist es dir ein Bedürfnis zu reden. Im Grunde möchtest du reden wie ein Kind zu Vater und Mutter. Voller Vertrauen
Er drehte sich um, ohne stehenzubleiben. Zwei Männer liefen hinter ihm her. Er konnte sie kaum erkennen. Außer, dass sie das Gleiche trugen. Uniformierte!
Das sind Geschichten, die diese Leute immer wieder erzählen, Geschichten, die wir glauben können oder auch nicht. Wir neigen dazu, solche Geschichten lieber nicht zu glauben
Luggis Arm hielt seinen Leib zusammen. Es tat wohl, zusammengehalten zu werden. Er setzte ihn auf den Rücksitz, und zu beiden Seiten saßen Schemen neben ihm
er durfte sich auf den sessel setzen und zuhören. zuhören, wie es da zugeht, wie sie das machen, wie er funktioniert, der finanzalltag und wir hören jetzt nachträglich zu
Ich beschloss, den 17. April zu meinem Todestag zu machen, wenn man sich schon in Bezug aufJesus Christus nicht einigen konnte. Und ich wollte unsterblich sein
Mir scheint, der in der Kurzbio "Zur Person" skizzierte "Kognitionsforscher, Schriftsteller und Übersetzer in Wien" Thomas Raab, "geb. 1968 in Odessa" und Autor u.a. von "Tropen", ist nicht ident mit Thomas Raab, Autor dieser Grenzerfahrungen, geboren 1970 in Wien, Studium der Mathematik und Sportwissenschaften, Singer-Songwriter, Pädagoge und Autor der - im Übrigen sehr lesenswerten - Kriminalromane "Der Metzger muss nachsitzen" und "Der Metzger sieht rot": siehe auch www.thomasraab.com
ein foto des kognitionsforschenden thomas raab (der übrigens, wenn ich mich recht erinnere, auch einmal standard-mitarbeiter war) gibt es z.b. <a href="http://lists.t0.or.at/wwsympa.f... lt;/a>.
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