Diese Tixo-Grenzerfahrung hätte im Grunde für sich allein schon unvergesslich sein können. Einfacher, auffälliger und eindeutiger kann ein Reizauslöser kaum sein
"Es war ein Tixo quer über die Schulbank. Nicht unbedingt in der Mitte. Aufgeklebt von Karl als vergegenständlichte Reviermarkierung. Eine Markierung, die heute dermaßen krisenfest, um nicht zu sagen chronisch, in mir haftet, dagegen entspricht die Bindungsfähigkeit von Tixo am ehesten der Haltbarkeitsdauer eines Wahlversprechens nach einer politischen Zwangsvermählung nicht ohne, sondern Mitgift.
Wenn man von der verbreiteten Theorie ausgeht, dass erst nach einer Vermählung mit den wirklich groben Sticheleien begonnen wird, war das Anbringen dieses selbstklebenden Plastikstreifens wohl das Band der Ehe zwischen Karl und mir. Denn von diesem Moment an amüsierte es Karl ungemein, mit einer Seelenruhe seinen bereitgelegten Zirkel in die linke Hand zu nehmen, um mit dessen Metallspitze jenem Teil meines rechten Ellenbogens, der über diesen beinah unsichtbaren Grenzzug ragte, einige tiefgehende Lektionen zu erteilen. Jedes Mal wortkarg kommentiert mit: "Meine Seite!"
Also was tun?
* Ihn verpetzen, den Karl, damit er strafversetzt hinter mir seine Bank für sich allein und mich von nun an während so mancher Pause in einem hintersten Winkel zwischen seine Finger bekommt?
* Das Tixo abziehen und somit den Kampf um ein paar Zentimeter eröffnen? Einen Kampf, der unterschwellig zwischen zwei sich auf derselben Armlehne aufstützenden Sitznachbarn im Kino, Theater oder einem Waggon der ÖBB beheimatet ist, der bei jedem Anstellen am Skilift, diesem jämmerlichen Strategiespiel mit Skistöcken und kleinen unauffälligen Schritt-Rutsch-Bewegungen, seine Spur hinterlässt, gar nicht zu reden von der Frage: Wer der beiden Liftbenutzer hält sich wo am orangen Mittelstück des Schlepperbügels an? Ein Kampf, der Bauern und Kleingärtner vollzeitbeschäftigt, auf Staatsebene leichtfüßig existenzbedrohliche Dimensionen erreicht und für mich unbestritten abermals in einem hintersten Winkle zur jämmerlichen Kapitulation geführt hätte?
* Oder es weiterhin zulassen, das Piesacken, bis mir der von Karl unverrückbar legitimierte Vermessungsfehler endlich in Fleisch und Blut übergeht?
Letzteres also.
Diese Tixo-Grenzerfahrung hätte im Grunde für sich allein schon unvergesslich sein können. Einfacher, auffälliger und eindeutiger kann ein Reizauslöser nämlich kaum sein, vor allem, wenn es so ein Zirkel erschreckend geradlinig auf die Spitze treibt, obwohl er eigentlich nur für Bögen gedacht ist. In diesem speziellen Fall allerdings ging es bei der Frage, welcher Reiz was auslöst, nicht um die leicht vorhersehbare Beobachtung eines Blutegels, einer Kakerlake oder eines amerikanischen Präsidenten, sondern um mich. Und wenn es um einen selbst geht, bleiben für das Einfache oft dermaßen auffällig und eindeutig alle Türen zu, als würde ein Joachim-Ferdinand, Sohn einer angesehenen Juristenfamilie, wohnhaft in einer 400-m²-Villa in Döbling, dem Herrn Papa endlich seine Geliebte vorstellen wollen, eine Jennifer ohne Zweitnamen, Tochter eines Busfahrers, wohnhaft in einer 50-m2-Gemeindebauwohnung in Favoriten – was das Türenöffnen betrifft, ist ein Busfahrer in diesem Zusammenhang wahrlich ein Aushängeschild an Liberalität.
Nun sind wir Männer bei oberflächlichen Verletzungen wehleidig und zickig wie ein vom Posten des Bundeskanzlers zum Posten des Klubobmanns abgewähltes Exregierungsmitglied, nicht jedoch, wenn es sich um Einstiche handelt, die zu Herzen gehen. Bis da überhaupt ein Schmerzempfinden registriert wird, müssen wir uns schon mehrmals genau an derselben Stelle den Schädel anschlagen, und das muss nicht unbedingt nur die Lottostelle sein.
Folglich gesellte sich zu Tixo und Zirkel reizverstärkende Hilfe, und zwar durch eine, in gefrorenem Zustand vom eigenen Vater gesponserte und großherzig auf die Rückbank überreichte, eiskalte, trennende Verbundenheit für zwei. Auspacken durfte es der Bub, das Twinni, und wie ich vor der anstehenden Teilung die beiden Holzstäbchen in meinen kleinen Händen hielt, tauchte abermals von rechts eine noch kleinere Hand auf. Meine jüngere Schwester tatschte mit von bunten Filzstiften in ein höhnisch grinsendes Etwas verwandeltem Zeigefinger auf die begehrte orange Hälfte und quietschte: "Meine Seite!" Mein Ellenbogen zuckte. Leider hat sich, seit ich mir mein eigenes Twinni leisten kann, nicht nur manches Orange als ziemlich geschmacklos erwiesen.
Mit diesem Sich-leisten-Können folgte der nächste Baustein, wie das Tixo ebenso aus Plastik. Ein kleiner Balken, der von Vordermann oder natürlich -frau in der Reihe der an einer Scannerkasse angestellten Schweiger meist mit missmutigem Blick auf das schwarze Laufband geknallt wird, ohne Kommentar. Den braucht auch keiner mehr, selbst ein Nomade in den Wasserkanälen der Westküste Patagoniens, der, das Ziehen betreffend, bisher garantiert noch nie an das angehäufte Warengut auf dahingleitendem Gummi dachte, versteht diese Botschaft ohne Dolmetscher einwandfrei: "Meine Seite!"
Und während Frau A mürrisch die grünen, sich über den Warentrenner rankenden Ausläufer des Frühlingszwiebels der Frau B wortlos mit dem Zeigefinger ins fremde Revier zurückschnippte, als würde sie Pfitschigogerln, stellte die nach rückwärts blickende Frau B selbst gerade einen solchen Plastikbalken für den sich am Ellenbogen reibenden Herrn C, also mich, auf.
Ein Laufband ist mehr oder weniger gerecht. Der Folgekonsument kann selbst bestimmen, wie viel Raum er für sich beanspruchen will, und es gibt, solange es in Verwendung ist, keinen Letzten, dem dann gerade noch ausreichend Platz für seinen Magenbitter, seinen (W)Underberg oder seinen Jägermeister bleibt. Auch wenn jene, die so ein Fläschchen kurz dem Laufband überlassen, meist sich selbst überlassen, ganz am Ende stehen. Beinah synchron stellte Frau B ihr Schildchen auf, und das Laufband den Betrieb ein. Die Kassa wurde geschlossen. So viel zur Gerechtigkeit.
Von da an kam er immer öfter, der Schmerz im rechten Arm, bei jedem Spurwechselversuch im Straßenverkehr, wenn das aufleuchtende Orange, schon wieder orange, meines Blinkers nicht die Spur einer Geschwindigkeitsreduktion auf der Nebenfahrbahn verursachte, später an der Seite einer Frau, die zum Einschlafen ihre Polstermassen auf dem ohnedies schon vorhandenen Matratzenspalt auftürmte und mir ein Lächeln über den Daunenwall schickte, das in Wahrheit dieselbe Botschaft vermittelte wie das Tixo, das Twinni, der Plastikbalken und dieses Rasen auf der Nebenspur: "Meine Seite!"
Dann wurde es chronisch. Mein Ellenbogen marterte mich im Zug, Theater, Kino, beim Ski- Auto- und Einkaufswagerlfahren, bei jeder Annäherung an irgendeine Grenze, beim Ausbreiten des Badetuches im überfüllten städtischen Strandbad oder nur am Strand und schließlich in der Wahlzelle.
Denn als ich ihn zwischen meine Finger nahm, diesen an einem grindigen Schnürl befestigten ebenso grindigen Kugelschreiber, den auch garantiert keiner geklaut hätte, wäre er dort deutlich beschildert zur freien Entnahme gelegen, zuckten erstmals beide Ellenbogen. Von allen Seiten, als wäre die Wahlzelle ein Gefängnis in Form eines Vielecks mit verschieden langen Seiten, gebildet durch die Tixostreifen aller am Wahlzettel stehenden Parteien, brüllten mir unzählige Karlis, manche aus ihrer Sandkiste, fordernd zu: "Meine Seite!" . Unmöglich, da ein Kreuzchen zu setzen.
Die beiden Karlis, die nun seit dieser Wahl gemeinsam auf der Regierungsbank sitzen müssen, weil ein Karli allein dort viel zu gefährlich ist, spielen trotzig mit ihren Tixos, piesacken einander aufs Primitivste mit ihren Zirkeln und treten sich, um Zentimeter ringend, gegenseitig in die Weichteile, bis es einem ans Herz oder einer in die Knie geht. Nur, wie gesagt, das dauert, und hätte da jemand von den beiden wirklich Eier, müsste es dem einen oder anderen längst den Anstand aus der Magengrube heraufwürgen wie ein abgelaufenes Beuschel. Ohne Magen, der reagiert, wenn etwas abgelaufen ist, und ohne das Wissen, das weiß, wann es Zeit ist zu gehen, also ohne Ge(h)wissen, lässt es sich sichtlich prächtig koalieren.
Übrigens: Da stell ich vor ein paar Tagen als Vorletzter an der Scannerkasse gerade mein Schildchen auf, völlig unnötig, denn der Letzte in der Reihe benutzt das Laufband gar nicht und hält, mit seiner ganzen Ausstrahlung am Ende, den (W)Underberg fest in der Hand, weil er den Berg voll Wunder nicht mehr zu greifen bekommt, wandert mir plötzlich das Zucken aus dem Ellenbogens ins Herz. Hinter mir steht Karl aus der Schulbank. Mitleidig lass ich ihn vor. Er erkennt mich nicht. Karl hat sich damals zwar auf meine Kosten amüsiert, dabei aber, nicht mich, sondern nur sich gefährdet, und das offenbar immer wieder.
Die zwei Karlis auf ihrer Regierungsbank amüsieren sich zwar auch ganz gewaltig auf meine Kosten, allerdings mit dem Unterschied, dass sie dabei nicht sich, sondern nur mich gefährden. Denn ganz im Gegensatz zum Karl von damals interessiert die Karlis von heute eines garantiert nicht: "Meine Seite!" (Thomas Raab, ALBUM/DER STANDARD, 05.07/06.07.2008)
Zur Person:
Thomas Raab, geb. 1970 in Wien, studierte Mathematik und Sportwissenschaften, übte lange Zeit parallel zur Laufbahn des Musikers, den Beruf des Pädagogen in diesen Fächern aus und lebt heute als freischaffender Autor, Komponist und Interpret in Wien. 2008 erschien sein Kriminalroman "Der Metzger sieht rot" im Leykam Verlag.