In der Sperrzone hat sich, von der Ukraine durchaus erwünscht, ein Katastrophentourismus entwickelt - EU hilft massiv bei der Beseitigung der Unglücksfolgen
Tschernobyl/Wien – "Das wird sicher ein neues Weltwunder." Mit sichtlichem Stolz beschreibt Alexander Novikov, der stellvertretende Sicherheitsdirektor des Reaktorkomplexes von Tschernobyl, die neue Schutzhülle, die in vier Jahren fertig sein soll: eine Bogenkonstruktion von 105 Meter Höhe, 20.000 Tonnen schwer. Sie wird in 120 Meter Entfernung zusammengebaut und dann über den sogenannten Sarkophag geschoben.
Der Sarkophag aus Stahlbeton wurde nach der Katastrophe vom 26. April 1986, der bisher größten in der zivilen Nutzung der Atomenergie, von rund 90.000 Arbeitern in wenigen Monaten hochgezogen. Er ist inzwischen brüchig geworden und wurde vor eineinhalb Jahren mit zwei seitlichen Stützelementen mühsam stabilisiert. Die neue Schutzhülle soll es ermöglichen, den Sarkophag zu öffnen und den geschmolzenen Brennstoff des Reaktors zu entfernen.
Auf mehr als eine Milliarde Euro werden die Kosten für die Beseitigung der Folgen der Atomkatastrophe geschätzt – falls dies überhaupt möglich ist. An die 400 Millionen kostet allein die neue Schutzhülle, finanziert von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), zu errichten von zwei französischen Firmen. Unklar ist, wo der geschmolzene Brennstoff dann gelagert werden soll.
Hingegen gibt es für den radioaktiven Abfall, der nach der Katastrophe geborgen wurde und noch wird sowie für jenen aus den seit Ende 2000 stillgelegten anderen Reaktoren von Tschernobyl inzwischen ein Endlager: den in der Sperrzone liegenden "Vektor-Komplex". Der riesige überirdische Betonbunker ist das letzte Glied in einer Kette, in der fester radioaktiver Abfall gesammelt, behandelt und dann sicher verwahrt wird – für die nächsten 300 Jahre, wie es offiziell heißt. Die EU-Kommission hat für das Projekt 43,6 Millionen Euro beigesteuert, das 13fache des ukrainischen Anteils. Derzeit läuft noch das Genehmigungsverfahren.
Die Europäische Union trage aktiv dazu dabei, die Umwelt in der Region Tschernobyl wieder sicher zu machen, sagte Ian Boag, Leiter der EU-Delegation in der Ukraine, jüngst vor der Presse in Kiew. Indirekt wird damit auch ein Katastrophentourismus gefördert, der sich bereits entwickelt hat – und seitens der ukrainischen Regierung durchaus erwünscht ist, wie Katastrophenschutzminister Volodymyr Shandra bei derselben Gelegenheit offen bekannte: Die Menschen sollten die Folgen der Fehler sehen, die im Atomkraftwerk Tschernobyl gemacht worden seien. Drei Millionen Menschen sind laut Shandra direkt oder indirekt Opfer der Katastrophe. Nach offiziellen Schätzungen starben mehr als 25.000 Menschen, die an den Aufräum- und Rettungsarbeiten beteiligt waren. Die UNO erwartet weitere 9300 Tote als Folge der freigesetzten radioaktiven Strahlung, die Umweltorganisation Greenpeace die zehnfache Opferzahl.
In der Geisterstadt
Ein "zehnstündiger Ausflug zur Umwelthölle und zurück", organisiert von einem Reisebüro in Kooperation mit einer Regierungsagentur, preist der Gratis-Führer für Kiew-Besucher an. Der Veranstalter organisiert die Zutrittsgenehmigung in die Sperrzone. Besichtigt werden der Sarkophag – "aus sicherer Entfernung" – und die "Geisterstadt" Pripjet (Pripyat) nordwestlich von Tschernobyl.
Pripjet, das knapp 50.000 Einwohner hatte, wurde nach der Katastrophe evakuiert. Heute ist es mit seinen von Vegetation überwucherten Plattenbauten und den verfallenden Repräsentationsgebäuden im Sowjet-Stil der 1960er-Jahre nicht nur ein Mahnmal für menschliche Hybris und menschliches Versagen. Es ist auch ein makabrer Abgesang auf ein menschenverachtendes System.
Die Strahlendosis eines kurzen Besuchs in Tschernobyl und Pripjet sei nicht größer als jene während eines Langstreckenfluges, sagen die Experten. Tatsächlich schlugen die Messgeräte am Checkpoint bei unserer Rückkehr nicht aus. Das im Führer versprochene "nuclear-free dinner" wollte uns trotzdem nicht so recht schmecken. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2008)