Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf
Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886. In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf, überwarf sich früh mit seinen Eltern, brach eine Lehre in einer Lederhandlung ab und drängte erst nach München, Heidelberg, wo er Philosophie und Germanistik studierte, nachher ging er an eine Schauspielschule in Berlin. Der Ball war immer schon etwas atü, wollte gerne in den Mittelpunkt und Anstoß sein.
Er war nicht gerade groß und von der Statur wohl eher schmächtig, trotzdem stand er bald schon auf der Bühne und führte selbst Regie. Doch auch beim Ball lief nicht immer alles rund, 1915 floh er in die Schweiz, gründete da das Cabaret Voltaire und wurde ebenda Dadaist. Heute noch schwärmt man von seinen Lautgedichten, vom jolifanto bambla o falli bambla, wenn ihm die Luft entwich wie aus einem undichten Ventil, von seinen bischöflichen Auftritten im Pappkostüm.
Doch auch daran verlor er, der Flatterhafte, bald schon das Interesse, rollte weiter - auf den orthodoxen Katholizismus zu. Er heiratete eine Emmy und verbrachte seine letzten Lebensjahre im Tessin, wo ihm die Luft ausging, er an einem Magenkarzinom verstarb. Sein bester Freund war Hesse.
So viel zum Ball, der Hugo hieß - Ugo ausgesprochen ist es der rundeste Name überhaupt. Und dieser Hugo Ball hätte sich bestimmt nicht träumen lassen, dass in seinem Namen einmal Biennalen der Nationalitäten-Nostalgie stattfinden, wo ein Brasilianer für die Polen spielt, zwei Deutsche für die Türken, ein Kroate für Österreich, zwei Polen für Deutschland und der bekannteste Schwede Ibrahimovic heißt. In seinem Namen montieren sich die Menschen Fähnchen verschiedener Nationalitäten auf das Auto und feiern eine überkommene, ins Dadaistische verrückte Sentimentalität ihres sonst nicht mehr vorhandenen Patriotismus, wegen dem sie sich vor wenigen Jahren noch die Köpfe abgeschossen haben. Jetzt herzen und trösten sie die gegnerischen Fans, singen sie ihre Lieder mit. Es ist wie eine großdadaistische Veranstaltung, eine Feier des Nichts und Sinnlosen, eine Aufhebung des Nationalgefühls im absurd gemachten Patriotismus.
Fußball lebt das vor, was Europa sein könnte. Sogar die Türken wollten diesmal Griechen sein und hätten es wahrscheinlich auch geschafft, wenn sie nicht auf die Deutschen getroffen wären, die türkischer waren als sie selbst.
Das alles hätte sich der Ball wahrscheinlich nie gedacht. Er heißt jetzt übrigens Spielgerät - dafür werden die Ergebnisse nicht mehr erspielt, sondern verwaltet. Vielleicht ist dieser Fußball doch mehr EU-Projekt als Dada? (Franzobel/DER STANDARD; Printausgabe, 28./29.6.2008)
Franzobel, Schriftsteller in Wien, schreibt während der EURO wöchentlich im STANDARD.