Rundschau: Gott grüßt zurück

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coverfoto: heyne

Sascha Mamczak & Wolfgang Jeschke (Hrsg.): "Das Science Fiction-Jahr 2008"

Broschiert, 1493 Seiten, € 22,70, Heyne 2008.

In seiner eigenen Liga spielt wie gehabt der traditionelle Jahresrückblick des Heyne-Verlags auf das Thema Science Fiction in all seinen Erscheinungsformen. Dem 1493 Seiten langen (bzw. satte 0,9 Kilogramm schweren) Kompendium ist fast nur mit einer quantitativen Beschreibung gerecht zu werden:

An die 320 Seiten sind dem Schwerpunkthema des Jahres gewidmet: Der Utopie und ihrer düsteren - aber deutlich beliebteren - Schwester, der Dystopie. Die Zugänge reichen vom semi-belletristischen "Besuch im Museum des Neuen Menschen" Uwe Neuholds bis zu einer Reihe akribischer Aufarbeitungen der Literaturgeschichte der Utopie, unvermeidliche Überschneidungen inklusive. Zum Motto passend auch Peter Kempins & Wolfgang Neuhaus' Aufsatz "Invasion der Cognoiden" und zwei ausführliche Interviews mit visionären SF-AutorInnen: Ursula K. Le Guin, der gewohnt souveränen Doyenne der Science Fiction und Fantasy ("Sie [die Verleger, Anm.] wollen immer, dass man den letzten Erfolgsroman noch einmal schreibt. Man muss sie ignorieren."), sowie dem auch als Interviewpartner mitreißenden "Accelerando"-Autor Charles Stross.

Die frühen Jahre des umstrittenen Robert A. Heinlein und schriftstellerische Reflexionen des Tunguska-Ereignisses von 1908 sind Teil des 170 Seiten langen Literatur-Abschnitts. Auf über 400 Seiten wird SF in Medien wie Comics, Computerspielen und - vor allem natürlich - Film behandelt (eine wahre Tour de Force: Peter M. Gaschlers "The Remake Game" über die Wiederverwertung alter Stoffe durch Hollywood), gefolgt vom für den Geldbeutel notorisch gefährlichsten Teil: den Buchrezensionen, insgesamt 28 Stück quer durch die deutschsprachige Verlagsszene. Fast genauso viel Platz nehmen interessanterweise die Besprechungen zu wissenschaftlichen Sachbüchern ein, ergänzt um zwei lange Artikel über 1) Wurmlöcher, Paralleluniversen und Pseudowissenschaft sowie 2) das allgegenwärtige Thema Klimawandel (inklusive einer gewagten Punktevergabe für die Argumente von Warnern und Skeptikern ... würden wir so etwas bei uns im Wissenschaftsressort tun, bräche der Große Forenkrieg aus!).

Den Abschluss machen Fakten, Fakten, Fakten: Aktuelle Zahlen vom deutschsprachigen, amerikanischen und britischen Phantastik-Markt sowie (augenbetäubend!) Auflistungen erschienener oder geplanter Titel. - All das ergibt ein hochwillkommenes Nachschlagewerk für alle, die über den reinen Lesespaß hinaus an Science Fiction & Co als Kulturform interessiert sind und sich den Luxus gönnen, im SF-Buchschrank ein Sekundärliteratur-Regal zu führen. Welches angesichts des alljährlichen Heyne-Wälzers allerdings auf Tragfähigkeit angelegt sein sollte. Sehr empfehlenswert - wie immer.

Und in der nächsten Rundschau reisen wir voraussichtlich mit Mungo Carteret zu exotischen Welten im All und mit Scott Sigler ins Innere unserer eigenen. Genauer wissen wir's in einem Monat - derzeit lässt sich echt aus dem Vollen schöpfen!
(Josefson)

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16 Postings
Danke...

...für die wie immer interessante Kolumne. Neal Asher ist höchst empfehlenswert. Technicolor-Space Operas mit gehörigem Zynismus und einem gerüttelt Maß an "gratitious violence".

Sehr gute Kolummne, bzw. Serie. Information ohne die hier sinnlose Diskussion, was nun davon "gute Literatur" ist und was nicht. Danke dafür.
Wie wärs mit einem "Klassiker" pro Kolummne, für die neuen Freunde des Genres?

Au ja. Da bin ich auch dafür!
Auch für die alten Freunde des Genres:-)

J. Josefson
00
14.9.2008, 17:41

Daran hab ich auch schon gedacht - ebenso wie an englischsprachige Bücher. Vorläufig allerdings ist die Rubrik noch so jung, dass noch ein großer Bücherstapel aus 2007/2008 darauf wartet behandelt zu werden. Und mehr als 8 bis 10 Bücher pro Monat sind nicht drin - sonst dürfte ich nichts anderes machen.

melde mich freiwillig

An dieser Stelle eine kleine Bitte bzgl. englisch-sprachige Bücher:

Wäre es möglich, bei Titeln die ursprünglich auf Englisch erschienen sind, auch den Original-Titel zu nennen? Würde die Suche nach diesen Original-Versionen leicht abkürzen (auch wenn's natürlich kein allzu großes Problem ist, diese auch so zu finden).

Ansonsten wieder mal herzlichen Dank für diese Kolumne - habe schon einige interessante Tipps gefunden :)

Ich finde ja, dass in diesem Falle durchaus eine großzügie Projektförderung angebracht wäre!

Aber gut, man will immer gleich mehr als es eh schon gibt und neigt zur Unersättlichkeit. Daraus sind schon vielerlei Probleme entstanden, die auch machmal in besagter Literatur abgehandelt werden. Drum wollen wir uns sicher alle vorläufig mal mit den 8-10 neuen Büchern pro Monat zufieden geben und ziehen eine lange zuverlässig brennende gelbe Sonne einer rasch verglühenden Supernova freilich vor:-)

ich mag es nicht, dass diese bücher hier nicht gnadenlos verrissen werden.

Ganz ehrlich

mir gefallen solche Artikel. da findet man immer etwas neues! danke standard, weiter so!

lukianenko!

seine bücher gefallen mir sehr gut. vor allem "spektrum" lesend mt dem bus durchs australische outback. da kommt ein planet vor, der von wallabie ähnlichen wesen (die leider nicht alt werden) zivilisiert wurde....*ggg*. obwohl ich derzeit immer noch bei shadowmarch pt 2 von tad williams verweile, freue ich mich auf den "weltenträumer".
genial wäre mal ein band 9 von martins scott saga über turai. thraxas und makri gehen mir schon ab...

ad Frank Hebben: "Prothesengötter"

habe gerade letzte Woche wieder Mal Stanislaw Lems "Sterntagebücher" gelesen. im Vergleich mit dem obigen review bin ich froh, denn Lem scheint wesentlich witziger und weniger erdrückend zu sein.

Was ich damit sagen will: die düstere Zukunftsvision mag mich ja auch oft erdrücken. Aber mir ist mit einer Lektüre besser geholfen, die eine gewisse Leichtigkeit zuläßt, Ironie und Überleben, und nicht zu viel Endgültigkeit.
Das ist wie mit den hungernden Kindern in Afrika: wenn man dauernd davon schockiert ist, ist man irgendwann plötzlich nicht mehr schockiert...

Ein Monat zwischen den Bericht kann einem schon sehr lange vorkommen.

Empfinde die Berichte auch als eine Bereicherung des Online Standards.

Grendel werde ich mir wohl zu Gemüte führen, sonst scheint dieses Monat nichts für mich dabei zu sein.

Eine Frage an die anderen Leser dieses Beitrages.

Weiß jemand wo ich die mir fehlenden Bände des Bannsängerzyklus von Alean Dean Foster bekommen könnte? Irgendwie sind all meine Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt.:(

Bei Ebay ...

... habe ich schon so manches vergriffene Buch gefunden. Sucht man nach "Bannsänger", gibt´s auch ein paar Angebote.

Wieder einmal:

Vielen herzlichen Dank!

Es ist ein wirkliches Vergnügen diese Rezensionen zu lesen. Völlig unabhängig davon ob man das jeweilige Buch nun interessant findet oder nicht. So sollte es sein.

Aus dem Vollen schöpfen stimmt wohl, denn diesmal ist wirklich einiges dabei das sehr interessant klingt.

Ich werde mir mal folgendes näher anschauen:
Frank Hebben: "Prothesengötter"
Jeff Carlson: "Nano"
Frank Schweizer: "Grendl"
und vielleicht auch noch Brian Keene: "Der lange Weg nach Hause", ist eh so kurz.

tolle rundschau ...

... wird ja zu einem monatlichen genuss, danke!

Frank Schweizer - Gott

Also ich lese gerade ein komisches Fantasybuch

Frank Schweizer: Gott (im Blitz Verlag)

ich schmeiß mich weg vor Lachen. Danke ihr Götter, es gibt noch wirklich originelle Bücher mit witziger Story!!! Ich glaubs nicht. 5 Sterne plus plus!!!!

Grüßle
Katrin

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