Rundschau: Gott grüßt zurück

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coverfoto: droemer/knaur

Douglas Preston: "Credo. Das letzte Geheimnis"

Gebundene Ausgabe, 586 Seiten, € 17,50, Droemer/Knaur 2008.

Vor ein paar Tagen ist der Large Hadron Collider von CERN in den Testbetrieb gegangen: Ein reales Ereignis, das seine literarischen Schatten vorausgeworfen hat. In einer früheren Rundschau wurde bereits Robert Sawyers "Flash" rezensiert, nun ist der aktuelle Roman von Bestseller-Lieferant Douglas Preston an der Reihe. Und gleich die augenfälligsten Unterschiede sind bezeichnend: Während der Kanadier Sawyer seinen Roman am Schweizer CERN-Gelände mit internationaler Crew spielen lässt, wählt US-Autor Preston den fiktiven Teilchenbeschleuniger "Isabella" in Arizona als Schauplatz für das wichtigste Experiment in der Geschichte der Physik ... vielleicht um die Perspektive "richtig" zu rücken. Immerhin soll mit "Isabella" die amerikanische Führung in der Teilchenphysik (ähem) gewahrt bleiben und alle Hauptfiguren sind US-AmerikanerInnen. Zweitens: Während in "Flash" trotz seiner fundamentalen philosophischen Implikationen Religion keine Rolle spielt, wird sie in "Credo" zum Hauptaspekt der Handlung.

Aber das soll kein Anlass zur Häme sein, auch "Credo" kann was. Das Team um den charismatischen Forschungsleiter Gregory Hazelius hat gerade ganz CERN-gemäß die ersten Teilchen auf Kollisionskurs geschickt, da ergeben sich auf dem "Visualizer", der die Resultate zeigen soll (technische Einzelheiten vernebelt Preston großzügig) unerwartete Muster, die sich schnell als einfache Botschaft entschlüsseln lassen: "SEID GEGRÜSST." Die Suche, wer sich da in die superteure Anlage eingehackt haben kann, bleibt ergebnislos - die anfangs skeptischen WissenschafterInnen beginnen sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass jemand aus der Quantenwelt heraus mit ihnen kommuniziert. Jemand, der sich in Ermangelung eines besseren Wortes als "Gott" bezeichnen lässt und durchaus eine Botschaft an die Welt auszurichten hat: Wissenschaft ist Religion. Die eine, wahre Religion, lautet der Kernsatz des neuen Evangeliums.

Da sich das Team, von der Kommunikation mit Gott völlig in Beschlag genommen, von der Außenwelt zunehmend abschottet, wird der Regierungsbeauftragte Wyman Ford, die Hauptfigur des Romans, nach Arizona geschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Er hat nicht nur Kybernetik und Kryptographie studiert, sondern auch Ethnologie: das ermöglicht ihm offiziell die Funktion einer Kontaktperson zu den Navajo, auf deren Gebiet "Isabella" gebaut wurde, einzunehmen. Außerdem hatte er mit "Isabella"-Teammitglied Kate Mercer einst eine Beziehung (und das ist nun wirklich eine sehr hollywoodeske Wendung Prestons ... "Credo" wird einer Verfilmung ja förmlich entgegen getragen).

Auch andere sind aber aufmerksam geworden: Der Tele-Evangelist Don Spates findet in dem Projekt, mit dem seinen Worten nach "ein Beweis gegen die Schöpfungsgeschichte gefunden werden soll", ein willkommenes Thema, um seine schwindende Gemeinde zu mobilisieren ... vor allem zum Spenden natürlich. Angesetzt darauf hat ihn zynischerweise ein Lobbyist in Washington, der den Navajo einst den einträglichen "Isabella"-Bau bescherte, nun aber nicht mehr von ihnen gebraucht wird und ihnen durch die Kampagne gerade so viele Schwierigkeiten machen will, dass sie ihn wieder engagieren. Die rein finanziell motivierten Vorgänge geraten völlig außer Kontrolle, als sich Spates den im Gegensatz zu ihm sehr gläubigen Pastor Russ Eddy als Beobachter vor Ort angelt: Als Eddy von den göttlichen Dialogen erfährt, wird aus dem vermeintlich netten alten Landpfarrer ein mörderischer Extremist, die Medien-Kampagne mutiert zum blutigen Kreuzzug und das "Isabella"-Gelände zum Schlachtfeld: Nicht kleckern, sondern klotzen ist Prestons Devise für die Klimax des Romans.

Es steht "Credo" gar nicht so schlecht an, dass Preston den Roman nicht mit seinem langjährigen Schreibpartner Lincoln Child verfasst hat. Auf jeden Fall von Vorteil ist aber, dass auf die allzu oft verwendete Formel (prä-)historisches-Objekt-wird-entdeckt-und-löst-haarsträubende-Ereignisse-aus verzichtet wurde. Das Ergebnis ist zwar ein extrem reißerischer Plot mit Schielauge auf politisch-religiöse Strömungen der Gegenwart, plakativ in seinen Figuren und unrealistisch im Ablauf der Handlung - aber spannend. Preston eben. Und der Schluss, der nicht zwiespältig, sondern eher schon drei- oder vierspältig ausgefallen ist, verleiht dem Ganzen eine wirklich interessante Note.

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