Ein Viertel aller Passagiere leidet unter Flugangst. Wer die Angst akzeptiert hat gute Chancen, sie zu überwinden - mit Umfrage
Kalte Hände, Verkrampfungen, Herzrasen, Schweißausbrüche oder Kurzatmigkeit machen Fliegen zum Albtraum für jene, die unter Flugangst leiden. Von Aviophobie - also Flugangst - ist etwa ein Viertel aller Fluggäste betroffen. Dabei sprechen die Zahlen durchaus für das Fliegen: Von 31 Mio. Flügen weltweit sind etwa siebzehn pro Jahr in einen Unfall verwickelt. Von 2,1 Milliarden Passagieren sind 300 bis 800 von einem Unfall betroffen. Zum Vergleich: Allein in Europa gibt es jährlich 41.000 Unfallopfer im Straßenverkehr. Statistisch gesehen müsste man 3.400 Jahre jeden Tag fliegen, um einen Flugunfall zu erleben.
Frauen fürchten Turbulenzen,
Männer die Angst vor der Angst
Laut einer Statistik des
Deutschen Flugangst-Zentrum (DFAZ) aus dem Jahr 2007 ist in den meisten Fällen Flugangst mit der Zeit und ohne erkennbaren Auslöser entstanden. 22 Prozent nennen ein negatives Erlebnis als Ursache. Ein Zehntel ist aus Angst noch nie geflogen. Die meisten fürchten einen Absturz bzw. ausgeliefert zu sein. Die Angst vor Turbulenzen ist bei Frauen sehr häufig während bei Männern die Angst vor der Angst überwiegt. Unter den Symptomen liegen Verkrampfungen an erster Stelle. Auch Herzrasen und Schwitzen treten häufig auf. Relativ selten wird Atemnot genannt. Erstaunlicherweise halten fast 64 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer ihre Flugangst für nicht gerechtfertigt.
Veränderungen machen Angst
Etwas mehr Frauen als Männer nehmen an den Anti-Flugangstseminaren der Austrian Airlines teil, die mehrmals im Jahr stattfinden. Robert Wolfger ist klinischer Psychologe und Seminarleiter: "Flugangst entsteht vor allem in Zeiten des generellen Wandels und beim Verlust gewohnter Dinge. Es sind zum einen die Achtzehn- bis Dreißigjährigen, die aus dem Elternhaus ausziehen, ins Berufsleben eintreten oder eine Familie gründen, die vermehrt an Flugangst leiden. Zum anderen sind es Menschen ab etwa 55 bis 65, die ebenfalls in einen neuen Lebensabschnitt treten. Aber wir haben auch schon achtjährige Kinder oder über 80jährige mit Flugangst behandelt."
Aviophobie: Die Summer vieler Teile
Das was als Aviophobie bezeichnet wird ist eigentlich eine schwer definierbare Mischung aus verschiedenen Ängsten wie Klaustrophobie oder Angst vor Kontrollverlust. "Betroffen sind vor allem Menschen, die sich gerne im gewohnten Rahmen bewegen und Veränderungen oder Unbekanntes scheuen", sagt Wolfger. "Die Frage 'Was wäre wenn ...' ist ganz wesentlich bei der Flugangst", so Wolfger und habe zur Folge, dass Betroffene sich in Paniksituationen hineinkatapultieren. Menschen mit Flugangst neigen zu "magischem Denken" bzw. Aberglauben und fürchten sich etwa vor dreizehnköpfigen Gruppen ebenso wie vor scheinbar negativen Vorzeichen, die einen schlechten Ausgang ankündigen.
Nur nicht die Kontrolle verlieren
Der Verlust der Kontrolle ist ein wesentlicher Bestandteil der Aviophobie. "Ich rate Menschen, die den Kontrollverlust fürchten, in einem kleinen Flugzeug einmal selber das Steuer in die Hand zu nehmen. Dann werden sie sehen, dass der Pilot eigentlich so viel gar nicht zu tun hat und die Maschine fast von selber fliegt." In modernen Passagierflugzeugen sorgt ausgefeilte Technik für die permanente Überwachung. In mehrfacher Ausführung checken Bordcomputer laufend die Maschine, halten sie auf Kurs, starten und landen oder korrigieren die Flughöhe. "Piloten sind eigentlich nichts anderes als Anästhesisten. Sie kontrollieren die Funktionen der Maschine", so Wolfger.
Angst ist lebensverlängernd
Das Beängstigende an der Flugangst ist nicht primär die Panik vor einem Absturz oder vor Turbulenzen, sondern die Sorge, dass der Körper mit dem Stress nicht fertig wird. Wenn der Puls rast und der Schweiß rinnt fürchtet man, dass der Körper diese Zustände nicht überleben könnte. "Angst ist nicht gefährlich. Tatsächlich bereitet sich der Körper auf eine Flucht- oder Offensivreaktion vor, wie er es im Laufe der Evolution gelernt hat. Menschen, die unter Angst leiden, haben sogar die größeren Chancen auf ein langes Leben, da sie ihren Körper regelmäßig trainieren", so Wolfger. Daher sei ein wichtiger Teil in der Therapie, der Angst bewusst zu begegnen, sie zu akzeptieren und geschehen zu lassen. "Wenn man die Angst akzeptiert, verliert sie an Kraft".
Verharmlosung schadet
Betroffenen hilft manchmal schon die Erklärung der technischen Fakten, um ihre Angst zu mildern. Wenn Panik entsteht, liegt es an der Crew, die Passagiere zu beruhigen. "Es ist wichtig, Sicherheit zu vermitteln, dem Passagier das Gefühl zu geben, dass man seine Angst ernst nimmt und für ihn da ist", erklärt Wolfger die Möglichkeiten der Crew-Mitglieder. Menschen, die Angst haben, wenden ihre Aufmerksamkeit nach innen und versuchen, die Vorgänge in ihrem Körper zu kontrollieren. "Kreischende Menschen, die an den Türen rütteln gibt es kaum bzw. gar nicht".
Traumata als Auslöser
In den ganzheitlichen Flugangst-Seminaren von Nimue Fichtenbauer (energetic.at) geht es darum, Blockaden zu lösen. "Flugangst spielt sich nicht nur auf der mentalen, sondern auch auf der emotionalen und körperlichen Ebene ab. Traumata, vor allem in der Kindheit, sind sehr oft die Ursache für Ängste. In den Sitzungen werden diese Traumata aufgespürt und bewusst gemacht. Schließlich akzeptiert der Patient das Erlebnis und überwindet damit seine Angst."
Das ganze passiert mit Hilfe einer Technik, die sich EFT nennt und bei der die Meridianschnittpunkte geklopft werden, um Blockaden zu lösen. Gleichzeit erzählen die Teilnehmer von ihren Empfindungen, Gedanken und Gefühlen und bewerten diese anhand einer Punkteskala von Null bis Zehn, wobei Zehn die schlimmste Empfindung ist. "Am schlimmsten wirken sich Erlebnisse wie Operationen, Narkosen und Todesfälle, aber auch früherer Drogenkonsum oder eine Abtreibung aus. Die Gefühle der Enge, Schuldgefühle oder Todesangst werden in Zusammenhang mit dem Fliegen wieder erlebt", erklärt Fichtenauer die Ursachen für Aviophobie.
Angst vor der Leichtigkeit
"Menschen, die an Flugangst leiden, haben gewissermaßen auch Angst davor, 'durch das Leben zu fliegen'. Sie können das Leben nicht leicht nehmen und sich ihrer inneren Führung anvertrauen", erklärt Fichtenbauer. Wenn Angst vorhanden sei, bedeute das gewöhnlich, dass an der aktuellen Lebenssituation etwas nicht in Ordnung sei und dass Dinge bereinigt werden müssten.
Wie viele Sitzungen zu absolvieren sind, ehe die Blockade gelöst ist, ist abhängig vom Auslöser. Wenn es sich tatsächlich um reine Angst vorm Fliegen handelt, ist ein Erfolg sehr schnell erreichbar. Stecken aber tiefsitzende Traumata hinter der Angst, sind mehrere Sitzungen erforderlich, um die Auslöser ausfindig zu machen, ins Bewusstsein zu holen und zu akzeptieren. "Problematisch ist nicht die Angst - problematisch sind die Widerstände und Schutzmechanismen, die uns daran hindern, Dinge zu realisieren und zu akzeptieren", so Fichtenauer.
Zusätzlichen Stress vermeiden
Wolfger empfiehlt Menschen, die zu Flugangst neigen, Stress zu vermeiden. Frühzeitige Planung etwa beugt Überraschungen vor, ein leichtes Essen vor dem Flug sorgt für körperliches Wohlbefinden, Kaffee und Alkohol hingegen dehydrieren den Körper. Wolfger warnt davor, vor dem Flug viel Zucker zu konsumieren, da dadurch der Blutzuckerspiegel schnell ansteigt und wieder abfällt. Die Folgen sind Schwindel und Benommenheit, die als Anzeichen für körperliche Probleme gedeutet werden und bei Flugangst Panik erzeugen können. Medikamente (Benzodiazepine*) sind "eine kleine Hilfe im Akutfall", sie sind aber "nicht die Lösung des Problems, da sie die Angst nur zudecken". Hilfreich können laut Wolfger auch pflanzliche Mittel wie Baldrian- oder Notfalltropfen sein.
99 Prozent fliegen mit, 65 Prozent auf Dauer
Die Seminare der AUA finden in Kleingruppen mit maximal fünfzehn Personen statt. Alle TeilnehmerInnen absolvieren am Ende des Seminars einen europäischen Städteflug. "99 Prozent machen bei diesem Flug mit. Etwa 65 Prozent der Seminarteilnehmer überwinden ihre Ängste dauerhaft", so Wolfger. "Leider kommen immer wieder Leute zu unseren Seminaren, die versuchen, auf diesem Weg die Hintergründe des Flughafenbetriebes zu erforschen. Das ist nicht förderlich für jene, die tatsächlich aufgrund massiver Angstprobleme teilnehmen." Für Technikinteressierte gibt es am Wiener Flughafen die Möglichkeit an Führungen teilzunehmen. (Mirjam Harmtodt/26.6.2008/derStandard.at)
Umfrage: Die Angst vorm Fliegen
Austrian Airlines Anit-Flugangstseminar
VISITAIR Center am
Flughafen Wien
Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag (inkl. Feiertage)
bei freiem Eintritt von 08.30 bis 18.00 Uhr.
Telefonische Auskünfte und Reservierungen
für Gruppen und VISITAIR Tour unter
Tel.: (01) 7007 - 22150
visitaircenter@viennaairport.com
Flugangstseminar mit EFT
Mag. Nimue Fichtenbauer
Flugangst-Coaching & energetische Beratung
Angst- und Traumaarbeit
Hutweidengasse 40/7, 1190 Wien
Tel: +43 (0)6998 123 24 24
E-Mail: nimue@energetic.at
* auch bekannt als Tranquilizer: Angst- und krampflösende Medikamente. Wirken muskelentspannend, beruhigend sowie schlaffördernd und finden in der Psychiatrie zur Behandlung von Angst- und Unruhezuständen Anwendung. Beispiele: Rohypnol, Valium, Diazepam, Alprazolam. Alle Verschreibungs- und Rezeptpflichtig! Hohes Abhängigkeitsrisiko!