Mehrere TV-Anstalten prüfen rechtliche Schritte - Beim Finale verlässt sich die UEFA nur mehr auf eigene Stromerzeugung
Die Bildausfälle beim Match Deutschland gegen die Türkei könnten für die
UEFA teuer werden. Mehrere TV-Anstalten prüfen rechtliche Schritte. Beim Finale verlässt sich die UEFA nur mehr auf eigene Stromerzeugung.
***Ein Spiel dauert 90 Minuten - diese Binsenweisheit galt am Mittwochabend für Fernsehzuschauer nur zum Teil. Denn vom Halbfinalspiel Deutschland gegen die Türkei kamen nur rund 72 Minuten auf den Bildschirmen an. Dreimal sechs Minuten konnte die UEFA kein Signal an die Fernsehanstalten liefern.
"Eine Verkettung unglücklicher Umstände", bedauerte Donnerstag Alexandre Fourtoy, Chef der UEFA Media Technologies. Genauer: Ein Gewitter, ein kurzer Stromausfall, defekte Sicherungssysteme. Die Hauptschuld versuchte die UEFA der Wien Energie anzuhängen. Dort wurde eine Mitschuld am Blackout aber entschieden zurückgewiesen.
Der Kern des Problems liegt jedenfalls im International Broadcasting Center (IBC) auf dem Wiener Messegelände. Das Zentrum ist für die Übermittlung der UEFA-eigenen Fernsehbilder in die ganze Welt zuständig. "Mittwochabend kam es im Stromnetz zu drei Microgaps, Millisekunden dauernden Unterbrechungen der Stromversorgung", schildert Fourtoy. "Das hat ausgereicht, dass die Computer automatisch neu gestartet sind."
Schon zuvor Probleme
Eigentlich hätte das die einzige Unterbrechung sein müssen, da ein Backupsystem vorhanden war. Bei dessen computergesteuertem Start kam es aber zu einem Defekt - das System schaltete sich wieder ab. Die dritte Bildlosigkeit entstand, als man die Notstromaggregate händisch in Betrieb nahm.
Die UEFA hätte aber gewarnt sein können. Schon in der Nacht zuvor war es zu Schwierigkeiten mit der städtischen Stromversorgung gekommen. Beim Finale am Sonntag will sich Fourtoy wie am Donnerstag nicht mehr auf Wien Energie verlassen. Das IBC wird vom Netz genommen und nur mehr mit der eigenen Energie aus den doppelt abgesicherten Generatoren versorgt. Verantwortlich für die Leitungen zeichnet übrigens die Telekom Austria. Die Signale in den extra verlegten Lichtwellenleitern sind mit einer Geschwindigkeit von 90 Gigabit pro Sekunde unterwegs. Ein Kapazität, mit der - wenn alles funktioniert - ein zweistündiger DVD-Film in einer halben Sekunde heruntergeladen werden könnte.
Auf die Frage des Standard, ob nun nicht ein PR-Desaster drohe, da manche TV-Anstalten ohnehin schon über zensurierte Bilder klagen (so werden beispielsweise auf das Feld stürmende Fans nie gezeigt) und der Bildausfall die Zuseher weltweit verärgert hat, hieß es bei der UEFA ausweichend: "Wir können gar keine Zensur ausüben", und die Bildlosigkeit sei leider aus einer Kombination mehrerer Faktoren entstanden.
Schlechte Figur machte am Mittwochabend vor allem der ORF (Originalzitat: "Sie sehen wie wir kein Bild aus Basel.") Während ZDF-Sportmoderator Béla Réthy über Telefon vom Spielverlauf berichtete, suchten die Techniker am Küniglberg verzweifelt nach einem funktionierenden Signal. Der in Basel sitzende ORF-Reporter Thomas König wusste lange nichts von der Panne, auch deshalb, weil Moderatorenkabinen handyfrei sein müssen.
Der Ärger beim ORF ist naturgemäß groß: "Wir sahen keine Notwendigkeit für eine zusätzliche Standleitung, wir gingen davon aus, dass die UEFA Backup-systeme einrichtet, die nicht bei Wind und Wetter zusammenbrechen", kritisierte Kommunikationssprecher Pius Strobl.
TV-Anstalten gegen UEFA
So erklärt der ORF auch die Zeitverzögerung beim zweiten Stromausfall. 45 Sekunden später als das ZDF kamen über den ORF Bilder über das Schweizer Signal. Grund: Das ZDF hat als 3sat-Abwickler eine direktere Verbindung zur Schweiz als der ORF: Der wickelt den Kultursender über das ZDF ab. Die Schweizer strahlten einwandfreie Bilder aus, weil sie - wie angeblich Al Jazeera - direkt mit dem Basler Stadion verkabelt sind und nicht die Signale aus Wien übernehmen, wo das Gewitter tobte und die Fanzone geräumt werden musste.
Mehrere TV-Anstalten lassen rechtliche Schritte gegen die UEFA prüfen, die wiederum versuchen könnte, den Energielieferanten zu belangen. (moe, prie, simo/DER STANDARD; Printausgabe, 27.6.2008)