Die Engländer rätselten lange, zu wem sie bei der EM halten sollen. Aus einer Umfrage gingen die Niederländer als Sieger hervor. Aus dem Viertelfinale freilich nicht. Ein Stimmungsbericht aus dem Land der Zaungäste.
Wie denn wohl das englische Nationalteam abgeschnitten hätte, wurde Chris Waddle neulich gefragt. Da schüttelte der Veteran des WM-Halbfinales 1990 (out im Elferschießen gegen den späteren Champion Deutschland) den Kopf und sagte kühl: "Wenn ich mir das Niveau bei der Europameisterschaft vor Augen halte, wäre England bestimmt in der Gruppenphase ausgeschieden."
Es erhob sich kein Widerspruch, weder in der BBC noch in den sonst so patriotisch gestimmten Londoner Boulevard-Zeitungen. Warum auch? Schließlich hat sich das Mutterland des Fußballs gar nicht erst qualifizieren können für das europäische Festival der Ballesterei - ebenso wenig wie Schottland, Wales oder (Nord)Irland.
Die Engländer verfolgen deshalb die Ereignisse in Österreich und der Schweiz, wenn überhaupt, mit entspannter Objektivität. Vor dem Turnier gab es muntere Spekulationen darüber, wen man denn nun unterstützen solle. Kroatien und Russland etwa, die Beckham, Terry und Kollegen in der Quali den Garaus machten? Die Deutschen vielleicht, weil die sowieso immer gewinnen? Oder einen der Gastgeber, die nicht ohne Grund als Underdogs ins Turnier gingen? Der linksliberale Guardian startete eine Leserbefragung, in der die Niederlande den Sieg davontrugen.
Orientierungslosigkeit
Nach dem Ausscheiden des Oranje-Teams gegen Russland und dessen holländischen Trainer Guus Hiddink sind die Guardian-Leser nun wieder ebenso orientierungslos wie die Konsumenten der konservativen Times. Dort verfassten Redakteure humoristisch gemeinte Werbeartikel für eine Handvoll Nationen, die unter der Hand rasch zu einer Ansammlung von Klischees gerieten. Caitlin Morans Bemerkungen über Österreich als "Erfinder des Austro-Faschismus" und Heimat von "Wein wie Fuchs-Urin" sorgten in der österreichischen Gemeinde von London für Betrübnis. Der Schweiz blieb solcherlei Ungemach erspart. Sie wurde gar nicht einmal berücksichtigt.
Die Deutschen sind den Engländern natürlich nicht egal. Der Hinweis, dass Kapitän Michael Ballack für Chelsea spielt und Jens Lehmann jahrelang bei Arsenal den Goalie machte, wird nicht vergessen. Ebenso spielen am Donnerstag weniger die Spanier als vielmehr der FC Liverpool (Fernando Torres) und der FC Arsenal (Cesc Fabregas) gegen Russland.
Zum Glück scheint englischer Geschäftssinn, gepaart mit dem ganz eigenen Hang zur Selbstironie, unbesiegbar zu sein. Das Label "Philosophy Football" vertrieb bisher bunte T-Shirts, die mit Zitaten von Fußball-Kennern wie Jean Baudrillard oder Ludwig Wittgenstein bedruckt sind. Auf der Neuerscheinung dieses Sommers steht das Wort Fußball in 16 Sprachen und darunter der Slogan: "Unsere Europäische Einheitswährung." Die Käufer erhalten vom "Sportausstatter mit Intellekt" zusätzlich einen Reiseführer mit gängigen Fußball-Phrasen auf Englisch, Deutsch und Französisch. Auf der Website "Losers 2008" kann man eine Wandkarte mit allen Turnier-Terminen herunterladen. Kostenlos dazu gibt es allerlei Rechtfertigungen, warum man als Engländer eines der tatsächlich teilnehmenden Teams unterstützt.
Der Käfer ist schuld
"Ich bin einmal einen VW Käfer gefahren", reichte als Begründung dafür, den Deutschen die Daumen zu drücken. Wer lieber die Türken anfeuerte, hat sich auf seine Erinnerungen ans Wasserskifahren berufen. "Für die Russen spricht ihr begeisternder Offensiv-Fußball", sagt England-Fan Mark Perryman und findet auch noch einen patriotischen Grund: "Russland haben wir in der Qualifikation mit 3:0 geschlagen."
Die großen Gruppen in London lebender Ausländer brauchen ohnehin keine Ermutigung zum Mitfiebern. Die Türken sorgten bei den spektakulären Siegen ihres Teams dafür, dass rund um die Green Lanes in Nord-London die Nacht zum Tage wurde. Nach jedem Erfolg veranstalteten die dort lebenden Zyprioten türkischer Herkunft einen wild hupenden Auto-Korso. Auf den Pausenhöfen der Metropole genießen spanische, deutsche oder russische Kinder plötzlich erhöhte Aufmerksamkeit.
Das Augenmerk der Sportpresse und der BBC hingegen liegt seit Wochenbeginn wieder ganz in Südwest-London. In Wimbledon kämpft die Tennis-Elite um den Einzug ins Finale. Engländer sind auch dort freilich keine dabei, nur der Schotte Andy Murray. Ein Glück, dass Mitte August die neue Fußballsaison beginnt. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD Printausgabe, 26.6.2008)