Die Objektivität der Spielfreien

Redaktion, 25. Juni 2008, 19:03
  • Artikelbild
    foto: ap

    Englands Goalie Scott Carson öffnete am 21. 11. 2007 das EURO-Tor für die Russen. Carson patzte beim 0:1 gegen die qualifizierten Kroaten, die in Wembley 3:2 siegten.

  • Artikelbild
    foto: epa/philpott

    Na gut, dann schauen wir uns halt Wimbledon an. Die englischen Fans haben es insofern gut, als es nicht an Alternativen mangelt.

  • Artikelbild
    foto: rentz/getty images

    Ein Engländer in Wien: Referee Howard Webb gibt in der Nachspielzeit Foulelfmeter für Österreich, nachdem er zuvor ein Abseitstor der Polen anerkannt hat. Jetzt schaut auch er zu.

Die Engländer rätselten lange, zu wem sie bei der EM halten sollen. Aus einer Umfrage gin­gen die Niederländer als Sieger hervor. Aus dem Viertelfinale freilich nicht. Ein Stimmungs­bericht aus dem Land der Zaungäste.

Wie denn wohl das englische Nationalteam abgeschnitten hätte, wurde Chris Waddle neulich gefragt. Da schüttelte der Veteran des WM-Halbfinales 1990 (out im Elferschießen gegen den späteren Champion Deutschland) den Kopf und sagte kühl: "Wenn ich mir das Niveau bei der Europameisterschaft vor Augen halte, wäre England bestimmt in der Gruppenphase ausgeschieden."

Es erhob sich kein Widerspruch, weder in der BBC noch in den sonst so patriotisch gestimmten Londoner Boulevard-Zeitungen. Warum auch? Schließlich hat sich das Mutterland des Fußballs gar nicht erst qualifizieren können für das europäische Festival der Ballesterei - ebenso wenig wie Schottland, Wales oder (Nord)Irland.

Die Engländer verfolgen deshalb die Ereignisse in Österreich und der Schweiz, wenn überhaupt, mit entspannter Objektivität. Vor dem Turnier gab es muntere Spekulationen darüber, wen man denn nun unterstützen solle. Kroatien und Russland etwa, die Beckham, Terry und Kollegen in der Quali den Garaus machten? Die Deutschen vielleicht, weil die sowieso immer gewinnen? Oder einen der Gastgeber, die nicht ohne Grund als Underdogs ins Turnier gingen? Der linksliberale Guardian startete eine Leserbefragung, in der die Niederlande den Sieg davontrugen.

Orientierungslosigkeit

Nach dem Ausscheiden des Oranje-Teams gegen Russland und dessen holländischen Trainer Guus Hiddink sind die Guardian-Leser nun wieder ebenso orientierungslos wie die Konsumenten der konservativen Times. Dort verfassten Redakteure humoristisch gemeinte Werbeartikel für eine Handvoll Nationen, die unter der Hand rasch zu einer Ansammlung von Klischees gerieten. Caitlin Morans Bemerkungen über Österreich als "Erfinder des Austro-Faschismus" und Heimat von "Wein wie Fuchs-Urin" sorgten in der österreichischen Gemeinde von London für Betrübnis. Der Schweiz blieb solcherlei Ungemach erspart. Sie wurde gar nicht einmal berücksichtigt.

Die Deutschen sind den Engländern natürlich nicht egal. Der Hinweis, dass Kapitän Michael Ballack für Chelsea spielt und Jens Lehmann jahrelang bei Arsenal den Goalie machte, wird nicht vergessen. Ebenso spielen am Donnerstag weniger die Spanier als vielmehr der FC Liverpool (Fernando Torres) und der FC Arsenal (Cesc Fabregas) gegen Russland.

Zum Glück scheint englischer Geschäftssinn, gepaart mit dem ganz eigenen Hang zur Selbstironie, unbesiegbar zu sein. Das Label "Philosophy Football" vertrieb bisher bunte T-Shirts, die mit Zitaten von Fußball-Kennern wie Jean Baudrillard oder Ludwig Wittgenstein bedruckt sind. Auf der Neuerscheinung dieses Sommers steht das Wort Fußball in 16 Sprachen und darunter der Slogan: "Unsere Europäische Einheitswährung." Die Käufer erhalten vom "Sportausstatter mit Intellekt" zusätzlich einen Reiseführer mit gängigen Fußball-Phrasen auf Englisch, Deutsch und Französisch. Auf der Website "Losers 2008" kann man eine Wandkarte mit allen Turnier-Terminen herunterladen. Kostenlos dazu gibt es allerlei Rechtfertigungen, warum man als Engländer eines der tatsächlich teilnehmenden Teams unterstützt.

Der Käfer ist schuld

"Ich bin einmal einen VW Käfer gefahren", reichte als Begründung dafür, den Deutschen die Daumen zu drücken. Wer lieber die Türken anfeuerte, hat sich auf seine Erinnerungen ans Wasserskifahren berufen. "Für die Russen spricht ihr begeisternder Offensiv-Fußball", sagt England-Fan Mark Perryman und findet auch noch einen patriotischen Grund: "Russland haben wir in der Qualifikation mit 3:0 geschlagen."

Die großen Gruppen in London lebender Ausländer brauchen ohnehin keine Ermutigung zum Mitfiebern. Die Türken sorgten bei den spektakulären Siegen ihres Teams dafür, dass rund um die Green Lanes in Nord-London die Nacht zum Tage wurde. Nach jedem Erfolg veranstalteten die dort lebenden Zyprioten türkischer Herkunft einen wild hupenden Auto-Korso. Auf den Pausenhöfen der Metropole genießen spanische, deutsche oder russische Kinder plötzlich erhöhte Aufmerksamkeit.

Das Augenmerk der Sportpresse und der BBC hingegen liegt seit Wochenbeginn wieder ganz in Südwest-London. In Wimbledon kämpft die Tennis-Elite um den Einzug ins Finale. Engländer sind auch dort freilich keine dabei, nur der Schotte Andy Murray. Ein Glück, dass Mitte August die neue Fußballsaison beginnt. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD Printausgabe, 26.6.2008)

Kommentar posten
16 Postings
Dwight Johnson
00
27.6.2008, 12:56

Die Fanzonen haben die Engländer sicher schmerzlich vermisst. Die hätten ihnen das Bier für 5,50 garantiert ausgesoffen...

Toni_Montana
 
10
26.6.2008, 16:06

das negative, wenn so kleine länder wie ö. und die schweiz die EM ausrichten, ist, dass 1-2 grosse länder wie zb. england draussen bleiben müssen.
das Positive: kleine länder können den heimvorteil dann nicht in den EM-Titel ummünzen. wenn der veranstalter das turnier gewinnt, find ich das nicht wirklich sinnvoll.

invodaseibua
04
26.6.2008, 14:41
England?

Nie gehört ...

Mika Eskimo
 
22
26.6.2008, 12:30
Würdige EM

Niederlande, Portugal, Kroatien, Russland , Spanien undTürkei wären würdige Em. Werden wirds wohl Deutschland.

Kneißl Hias
13
26.6.2008, 16:56

jeder der ins finale kommt ist ein würdiger europameister, das liegt ja wohl auf der hand.
wennst das nicht einsiehst, solltest lieber eiskunstlauf anschauen.

sixela
62
26.6.2008, 09:28
Die Engländer haben sehr wohl gefehlt!

Hätten der EM das notwendige Flair gegeben, für das ausgerechnet die Türken einspringen mussten.

Und ich erinnere mich gut an das 3:0 gegen Russland. Sie haben den Halbfinalisten der EM aber so was von beherrscht, waren auch beim 1:2 in Moskau die bessere Mannschaft...

Ich weiss schon, alles hättiwari nutzt nichts, aber die Three Lions haben ganz sicher mehr Klasse als mindestens die Haelfte des EM-Feldes hatte!

Kneißl Hias
16
26.6.2008, 10:28

vielleicht haben sie mehr klasse als das österreichische team, und vielleicht auch noch mehr als die schweizer. das war's aber dann auch schon, alle anderen die bei der em waren haben wenigstens mehr individuelle klasse (z.b. frankreich), sicher ist der rest des feldes mannschftlich aber spielstärker.

englische fußballfans sind sich darüber absolut im klaren, ein verklärte sicht der dinge haben da meist andere.

cHL
41
26.6.2008, 12:44

schweden,griechenland,tschechien,polen,rumänien...

alles teams deren objektive "klasse" eher unter der von england anzusiedeln ist...

Kneißl Hias
11
26.6.2008, 13:49

ok, über griechenland wie sie sich beim turnier präsentiert haben kann man dikutieren. alle anderen sind mannschaftlich aber sicher spielstärker.

das englische team muss schauen, dass sie den anschluß zu europas zweiter riege nicht gänzlich verlieren.

sixela
00
27.6.2008, 14:45

Ich gehe jede Wette ein, dass sie die naechste WM-Quali vor Kroatien gewinnen. Ich freu mich jetzt schon ueber das enttaeuschte Gesicht vom Hias!:)

Kneißl Hias
00
27.6.2008, 15:04

zusätzlich mit weißrussland und der ukraine in der gruppe, das wird hart.

nix da, ich halte dagegen. england gewinnt diese quali-gruppe nicht.

Macinorgo
21
25.6.2008, 22:55

Beleidigte Leberwürste!! HAHA

oddevold
04
26.6.2008, 08:32
was für einen artikel hast du gelesen?

in england ist niemand beleidigt, die sehen das nüchtern - oder liegt das daran, dass die fußball manchmal auch mit einem augenzwinkern sehen?

Macinorgo
10
26.6.2008, 17:40

Die Euro ist die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt und in England gelten die Schlagzeilen im Sport Wimbeldon und Transfers. Aber die sehen das "nüchtern".

dr.no3
00
26.6.2008, 23:34

moecht lieber mal wissen, wie die fussballfans immer auf dieses "drittgroeste" kommen.

weils irgendne zeitung schreibt?

Macinorgo
00
27.6.2008, 19:17

Naja 1 Stiegl-Cup 2 Erste Schülermeisterschaft und dann kommt schon die Euro. Aber ich seh schon, Sie sind ein F1-Fan. ;)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.