Der Aufstand der stabilen Ungleichgewichte

Redaktion, 25. Juni 2008, 16:06
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    foto: ap/armangue

    Das Spiel verlagert sich in puncto Gestaltung mehr und mehr an die Peripherie. Darin liegt das Geheimnis etwa der Spanier, die es nur im Training im Stubaital manchmal gelassen angehen.

Die Gründe für das Er­scheinen eines neuen, anderen Spiels finden sich zwischen dem großen narrativen Bogen der Systemfrage und der aufblitzenden individuellen Brillanz

Wien - Die Homogenität taktischer und spielerischer Gestaltung erweist sich aus der Innenperspektive des laufenden Turniers oft als fragil-fragmentarische Bruchlinie. Kaum ein Team, das nicht bereits mehrmals gehörig ins Wanken geraten wäre und wenigstens für eine Halbzeit das Gegenteil dessen gezeigt hätte, wofür es steht. Im guten wie im schlechten Sinn.

Aus der Perspektive der Netzwerkanalyse vollzieht der Fußball seinen Wandel vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Veränderungen. Die EURO 08 bietet einen komprimierten Eindruck. Allerorts transformiert sich die Dynamik sozialer Systeme von fließenden Gleichgewichten zu stabilen Ungleichgewichten. Dass diese uns in ihrer höchsten Dichte und Geschwindigkeit ausgerechnet aus dem Osten ereilen, dem seit langem nur die Attribute "zerschlagen" bzw. "zusammengebrochen" anhaften, kann eigentlich nur denjenigen erstaunen, der - auch gesellschaftlich - nicht genau hingeschaut hat. Evolution unter extremen Bedingungen scheint ein guter Nährboden für die Entwicklung der Fähigkeit zu sein, sich in kurzer Zeit in unsicheren Verhältnissen zurechtzufinden.

Umgelegt auf den Fußball heißt dies: Das Spiel folgt in allen seinen Teilen einer doppelten Bewegung aus Dezentralisierung und Intensivierung der Kontakte an den Rändern. Teams mit eindeutig verifizierbarem Mittelpunkt (Schweden/Ibrahimovic, Frankreich/Ribéry) lösen sich auf, wenn ebendieser aus dem Spiel genommen oder verletzt wird. Immer bedeutender wird die Fähigkeit der mannschaftlichen Peripherie, den Ausfall des Zentrums zu kompensieren. Im Sinne des stabilen Ungleichgewichts hat sich dort eine Kombination aus (für Gegner) undurchschaubarer Beweglichkeit und (für Mitspieler) höchstmöglicher Erreichbarkeit entwickelt.

Verlagerung des Spiels Darin liegt das Geheimnis des russischen Sturmduos Arschawin/Pawljutschenko oder auch jenes der spanischen Offensive. Das Spiel verlagert sich in puncto Gestaltung mehr und mehr an die Peripherie. Flügelspieler wie der Österreicher Ümit Korkmaz und der Türke Arda Turan sind entscheidender als "programmierte" Spielmacher im Zentrum. Die grandiosen Vorrundenvorstöße der Niederlande stellten blitzschnelle Vernetzungen der äußersten Spielperipherien dar - man denke an das Tor zum 2:0 gegen Italien.

Insgesamt beobachten wir - als paradoxe Gegenbewegung zur Verwissenschaftlichung des Sports - einen ebenso erstaunlichen wie verwirrenden Kontrollverlust. Das Spiel wird nicht mehr linear-zentral verwaltet bzw. dirigiert, sondern multipliziert und fragmentiert sich in eine Folge lose gekoppelter Singularitäten.

Diese Verschiebung hat massive Konsequenzen für die Rolle des Trainers als Mastermind. Seine Aufgabe ist es, die "große" Strategie in eine Vielfalt von möglichen Ereignissen und Gefahren zu übersetzen. Er muss das Team im Spielverlauf so umstellen können, dass es Druck bzw. Stagnation wieder in Handlungsfähigkeit verwandelt. Das Turnier lieferte einige Beispiele des Gelingens und Scheiterns: Fatih Terim hielt die Türkei im Turnier, indem er Hamit Altintop gegen die Tschechen nach dem 0:2 ins Mittelfeld vorzog - von wo aus dieser drei Tore vorbereitete. Hollands Marco van Basten hingegen trieb sein gegen die Russen verunsichertes Team durch kaum nachvollziehbare Umstellungen fast vorsätzlich zum Abgrund.

Und wenn - einem bekannten Diktum zufolge - am Ende doch wieder die Deutschen gewinnen, wird auch das gute Gründe haben: Ihr Netzwerk im Viertelfinale gegen Portugal weist eine nahezu ideale Verknüpfung sämtlicher Peripherien auf. Noch dazu formen sie Schutzmäntel um ihre potenziellen Schwachpunkte. Andererseits waren es bislang die Türken, die wie kein anderes Team in die unwahrscheinlichen Lücken im gegnerischen Spielraum stießen. (Helmut Neundlinger*, DER STANDARD Printausgabe 25.06.2008)

*Helmut Neundlinger, freier Journalist in Wien, und FAS.research werden in gewohnter Art und Weise auch Semifinalspiele und Finale für den Standard analysieren.
jerry springer
00
26.6.2008, 12:59
[...]

"Aus der Perspektive der Netzwerkanalyse vollzieht der Fußball seinen Wandel vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Veränderungen."

vereinfachung der sprache sollte vielleicht erste bedingung für eine österreichische viertelfinalteilnahme bei einer fußballerischen großveranstaltung sein.

Josefine "Pipi" Langstrumpf
00
25.6.2008, 11:43
die weiteren Konsequenzen der neuen

Systeme sind auch folgende:

- Kein klassischer Mittelstürmer mehr, vielmehr sehen wir sehr bewegliche und spielfähige Stürmer
- der Diagonalpass zur Spieleröffnung bekommt noch mehr Gewicht
- das Spiel wird sich noch weiter beschleunigen und technische Mängel werden noch härter bestraft werden
- unser Team wird auch die nächsten fünf Jahre keinen modernen Fußball zeigen...

Ich bin nicht so wie ihr!
00
25.6.2008, 11:36

Irgendwie klingen diese Analysen immer ein wenig wie Grubenhunde von Karl Kraus ;)

LosAngelesExile
00
25.6.2008, 00:18
"Verlagerung des Spiels Darin liegt das Geheimnis"

... so was waere dem Noam Chomsky aber nicht passiert !

holzdieb
04
24.6.2008, 20:27

genau das gleiche hab ich mir eh auch schon gedacht

re flexion
00
24.6.2008, 21:37
Ausdrücken

hätt' ma's halt net so schön können!

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