Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler
Zwei Tage ohne Match, wie soll ich das überstehen? Nach vier Viertelfinalspielen überfiel mich die Angst, mit mir nichts mehr anfangen zu können, und das, obwohl die meisten Matches - seien wir uns doch ehrlich - eher fad waren. Bei Kroatien gegen Türkei waren die letzten paar Minuten spannend; die Niederländer waren so lahm, dass selbst das schöne Spiel der Russen auf dieser Folie zu verblassen drohte; Spanien gegen Italien war dann schlicht ermüdend.
Deutschland gegen Portugal, das war doch etwas anderes, "schweinigeil", eine Wortprägung, die ich der bundesdeutschen Qualitätspresse verdanke und die hoffentlich bald in den Rang homerischer Attribute wie "rosenfingrig" oder "flechtenschön" aufrücken wird. Solches zu suchen hatte ich im Sinn, als ich am Montag zu einer Sponsion in den Großen Festsaal der Wiener Universität ging. Und ich wurde nicht enttäuscht!
Es kam eine gute Spielatmosphäre auf, die zu Spondierenden nahmen Aufstellung. Die Dekanin und der Promotor adressierten diese freundlich, sprachen ihnen Mut zu, machten sie zuversichtlich und warnten zugleich vor den vielen Klippen auf der Lebensfahrt. Sie sprachen wie gute Trainer und verlangten schließlich das Gelöbnis, bei der Arbeit sich nicht vom schnöden Gewinn leiten zu lassen. Davor muss man vor allem jene warnen, die ein Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, der Alten Geschichte oder reinen Philosophie abgeschlossen haben und nun mit dem Abräumen beginnen können, nicht aber die Fußballer, die ja in dieser Hinsicht über ethische Prinzipien verfügen.
Im Saal war Ruhe, doch als die Urkunden überreicht wurden, ging ein Orkan los. Bei jedem der aufgerufenen Namen gab es Geklatsche, Gejohle, Pfiffe und Jubelrufe, wie bei Anbrechen der Rapidviertelstunde. Aus einem solchen Ineinander von apollinischer Steifheit und dionysischer Begeisterung muss einst die griechische Tragödie entstanden sein. Canetti hätte an diesem Aufschrei der Masse seine Freude gehabt. Zur Bundeshymne kam noch das Gaudeamus, und dann wurden alle vom anwesenden Publikum umarmt, allerdings stehend.
Anschließend wurde die Fan-Zone in den Arkadenhof der Universität verlagert. Dort herrscht eine strenge Geschäftsordnung. In den von Catering-Firmen gemieteten Sektoren darf man als privater Konsument nicht verweilen. Hat da auch die UEFA ihre Hände im Spiel? Die Universität wird zum Stadion. Die Lebenswelten durchdringen einander mehr und mehr, und so kann ich auch die spiellosen Tage überstehen. (Wendelin Schmidt-Dengler, DER STANDARD Printausgabe 25.06.2008)