Fast schweinigeil

Redaktion, 24. Juni 2008, 18:57

Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

Zwei Tage ohne Match, wie soll ich das überstehen? Nach vier Viertelfinalspielen überfiel mich die Angst, mit mir nichts mehr anfangen zu können, und das, obwohl die meisten Matches - seien wir uns doch ehrlich - eher fad waren. Bei Kroatien gegen Türkei waren die letzten paar Minuten spannend; die Niederländer waren so lahm, dass selbst das schöne Spiel der Russen auf dieser Folie zu verblassen drohte; Spanien gegen Italien war dann schlicht ermüdend.

Deutschland gegen Portugal, das war doch etwas anderes, "schweinigeil", eine Wortprägung, die ich der bundesdeutschen Qualitätspresse verdanke und die hoffentlich bald in den Rang homerischer Attribute wie "rosenfingrig" oder "flechtenschön" aufrücken wird. Solches zu suchen hatte ich im Sinn, als ich am Montag zu einer Sponsion in den Großen Festsaal der Wiener Universität ging. Und ich wurde nicht enttäuscht!

Es kam eine gute Spielatmosphäre auf, die zu Spondierenden nahmen Aufstellung. Die Dekanin und der Promotor adressierten diese freundlich, sprachen ihnen Mut zu, machten sie zuversichtlich und warnten zugleich vor den vielen Klippen auf der Lebensfahrt. Sie sprachen wie gute Trainer und verlangten schließlich das Gelöbnis, bei der Arbeit sich nicht vom schnöden Gewinn leiten zu lassen. Davor muss man vor allem jene warnen, die ein Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, der Alten Geschichte oder reinen Philosophie abgeschlossen haben und nun mit dem Abräumen beginnen können, nicht aber die Fußballer, die ja in dieser Hinsicht über ethische Prinzipien verfügen.

Im Saal war Ruhe, doch als die Urkunden überreicht wurden, ging ein Orkan los. Bei jedem der aufgerufenen Namen gab es Geklatsche, Gejohle, Pfiffe und Jubelrufe, wie bei Anbrechen der Rapidviertelstunde. Aus einem solchen Ineinander von apollinischer Steifheit und dionysischer Begeisterung muss einst die griechische Tragödie entstanden sein. Canetti hätte an diesem Aufschrei der Masse seine Freude gehabt. Zur Bundeshymne kam noch das Gaudeamus, und dann wurden alle vom anwesenden Publikum umarmt, allerdings stehend.

Anschließend wurde die Fan-Zone in den Arkadenhof der Universität verlagert. Dort herrscht eine strenge Geschäftsordnung. In den von Catering-Firmen gemieteten Sektoren darf man als privater Konsument nicht verweilen. Hat da auch die UEFA ihre Hände im Spiel? Die Universität wird zum Stadion. Die Lebenswelten durchdringen einander mehr und mehr, und so kann ich auch die spiellosen Tage überstehen. (Wendelin Schmidt-Dengler, DER STANDARD Printausgabe 25.06.2008)

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

    Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

  • Der doppelte Boden [6]

    Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

    Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

    Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

  • Gehorchen oder kicken [11]

    Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

    Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

    Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

jackk 2
30
25.6.2008, 12:07
Schweini verkaufen

hoffentlich geben die Bayern ihren überschätzen Nachwuchsspieler endlich mal weiter. Bei einem andern Club wäre schon längst durchgefallen als in seiner geschützen Werkstatt in München

Ed Sackbauer
00
25.6.2008, 10:01

bin ganz und gar nicht einverstanden mit der wertung "der meisten" spiele!

im gegenteil: dies ist von der qualitaet un spannung der spiele gesehen eine der besten fussballwettbewerbe seit jahrzehnten.
selbst in der vorrunde.

natuerlich gab es langweilige spiele.
und natuerlich waren wieder zumeist die italiener involviert.

aber die meisten spiele waren mehr als sehenswert bis hoch dramatisch!

Jürgen Rembremerding
00
24.6.2008, 19:36
Nett!

Jim de la Papaya
00
25.6.2008, 09:50
sehr nett!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.