"Dass es so etwas überhaupt gibt!"

Redaktion, 24. Juni 2008, 10:03

Willi Ruttensteiner, Technischer Direktor des ÖFB, schwärmt von den Russen und analysiert Entwicklungen - ein STANDARD-Interview

Standard: Herr Ruttensteiner, welche Mannschaft hat Sie bisher am stärksten beeindruckt?

Ruttensteiner: Dass es so etwas überhaupt gibt – drei Tage nach dem 2:0 über die Schweden laufen die Russen 120 Minuten, dass der Gegner, die Holländer, mit Krämpfen zusammengebrochen sind. Da frage ich mich: Was trainieren die?

Standard: Und ihre Spielanlage?

Ruttensteiner: Dieses geradezu wahnsinnige Vertikalspiel. Das gehört zum Schwierigsten: die Räume öffnen, aber die Russen konnten das mit einer derartigen Rasanz und Leichtigkeit – wirklich sehr beeindruckend.

Standard: Ist das nicht die Hauptfrage: Wie kann ich ein derartiges Tempo aufbauen oder verhindern? Wie die Italiener gegen die Spanier.

Ruttensteiner: Die Italiener und die Spanier waren zwei gutorganisierte Teams, die Italiener haben ein wenig müde gewirkt. Alle Mannschaften stehen heute tief, daher ist der Raum für schnelles Spiel nicht vorhanden.

Standard: Was ist die beste Gegenmaßnahme?

Ruttensteiner: Ballzirkulation. Jede Mannschaft fixiert sich auf den Bezugspunkt Ball, verschiebt, ihm folgend, ihre Formation. Wenn ich den Ball schnell hin und her spiele, bereite ich die Öffnung von Räumen vor, weil der Gegner irgendwann nicht mehr mitkommt.

Standard: Das hat den Holländern nichts mehr genutzt.

Ruttensteiner: Nein, aber sie sind dennoch eine exzellente Mannschaft. Wenn ihr Tormann den Ball hat, gehen die Innenverteidiger an die zwei Sechzehnerecken, die Außenverteidiger auf die Flügelstürmerpositionen, sie machen ihrer Offensive zuliebe den Raum breit. Wenn der Gegner den Ball abfängt, hat er Platz.

Standard: Und schon beginnt ein schönes Spiel?

Ruttensteiner: So ist es. Die taktische Raffinesse von Guus Hiddink und die individuellen Fertigkeiten der Russen – bisher optimal.

Standard: Sie haben Deutschland dreimal beobachtet. Was war mit denen los?

Ruttensteiner: Im ersten Spiel gegen Polen waren sie überragend. Im zweiten Spiel gegen die Kroaten schlecht, entweder müde oder ein wenig überheblich. Ich habe Löw gefragt, er wusste es selber nicht genau. Gegen uns war’s ein Arbeitssieg und gegen Portugal eine taktische Meisterleistung mit zwei defensiven Dreiecken gegen die drei offensiven Mittelfeldspieler.

Standard: Welcher Bereich entwickelt sich am stärksten weiter?

Ruttensteiner: Die Defensivorganisation und die Athletik. Mit neuen Analysemethoden wie dem von Amisco, das wir verwenden, kann ich außerdem Szenen mit den Spielern zerlegen, die nicht auf dem TV-Bild sichtbar sind.

Standard: Doch Daten wie Ballbesitz, Laufleistung, Passversuche oder Durchschnittsgeschwindigkeit sind missverständlich.

Ruttensteiner: Ja. Daten können Irrtümer korrigieren, aber ohne die Spielanalyse des Trainers sind die Daten leer.

Standard: Welche Konsequenz für den ÖFB ziehen Sie aus der EURO?

Ruttensteiner: Der Fußballer muss als Individuum ausgebildet werden. Wir haben das in der Challenge 2008 bereits betrieben. 24 Männer des Challenge-Kaders 2003 waren bei den Spielen gegen Deutschland und Holland im Teamkader.

Standard: Wird die Challenge 08 fortgesetzt?

Ruttensteiner: Der Endbericht wurde sehr positiv aufgenommen, die Kritik an der Verschwendung ist obsolet, wir konzipieren eben eine Weiterführung, und ich hoffe, dass das institutionalisiert wird. (Mit Willi Ruttensteiner sprach Johann Skocek - DER STANDARD PRINTAUSGABE 24.6. 2008)

Zur Person:
Willi Ruttensteiner (45), seit 1999 beim ÖFB, seit 2001 als Technischer Direktor.
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Posting 1 bis 25 von 65
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16erblech
00
25.6.2008, 14:01

ruttensteiner ist ein absoluter fachmann er sollte gleich mal teamtrainer werden. der öfb wir ihm aber keine chance geben, sein wissen mit dem team umzusetzen.
traurig eigentlich das der prophet im eigenen land nichts gilt.

socceroo
 
00
24.6.2008, 20:13

Ruttensteiner's Analyse ist top. Wenn wir mehrere solche Leute im Verband haetten koennte sich das positiv auf die Spieler auswirken!

re flexion
00
24.6.2008, 14:52
Null Ahnung!

"Da frage ich mich: Was trainieren die?"

Lt. Stickler sind aber wir die fittesten - und der muß es wohl wissen , oder? ;-)

so go
00
25.6.2008, 11:14

Stickler hat (nur) für die EM den besten Mann dafür geholt... vllt hätte er nicht den Teuersten, sondern den Richtigen nehmen sollen...

Dr. Socrates
00
24.6.2008, 13:29
ruttensteiner

in der funktion, die löw unter klinsmann hatte - das täte mir gefallen.

nur: wer ist österreichs klinsmann?

der lange
00
24.6.2008, 14:15
eines ist klar

als teamchef muss man heute extrem stressresistent sein. das sind meist nur die jüngeren oder extrem kampferprobte, wie rehagel. es muss einerseits ein hungriger sein, gleichzeitig aber auch ein mit allen wassern gewaschener. gute leute sind auch im alter noch hungrig - siehe hiddink. ein klaus toppmöller würde mir gefallenen. er hat eine sehr moderne spielauffassung und entwickelt sich immer weiter.

Dr. Socrates
00
24.6.2008, 14:57
toppmöller

war zuletzt zwei jahre lang teamchef von georgien und ein monat lang sportlicher leiter des katastrophenklubs kaiserslautern.

nur zur info.

Toxo Logic
 
00
24.6.2008, 13:16

Stasny hat seinerzeit für Österreich die Tempobremse erfunden, mit der wir jahrzehntelang erfolgreich waren. Leider wurde diese effektive Einschläferungstaktik in den letzten 20 Jahren nicht weiterentwickelt, es wäre eine selbstbewusste Antwort auf das technisch brillante Spiel der Russen oder Spanier gewesen.

der lange
00
24.6.2008, 14:11
eine einschläferungstaktik

weiter zu entwickeln könnte in letzter konsequenz auch heißen, dass die spieler schnarchend auf der torlinie liegen und gegner versucht den ball in die offenen lücken zu kicken, das wollen wir doch nicht, oder? aber sie meinen es sicher anders. habe mir auch schon mal gedanken darüber gemacht. was ist aus dem typischen und sehr erfolgreichen ö spiel der 60 er unter decker und der 70er unter stastny geworden? wahrscheinlich gab es da kein weiterentwickeln, das ist vielleicht wie mit der evolution; gewisse spezies mussten aussterben. keine befriedigende antwort, klar. auch die ungarn haben ihr spiel nicht weiterentwickelt oder andere haben es besser getan.

RebelAngel
 
00
24.6.2008, 11:42
liegt einzig und allein daran

daß es bei den Russen keinen "österreichischen Trainerweg" gegeben hat...

mit Hicke oder Krankl hätten sie die Holländer ohne Verlängerung 5:0 vom Platz geschossen ;-)

vicious
00
24.6.2008, 10:58

Herr Ruttensteiner, bitte als Teamchef melden.

juri chebesta
00
24.6.2008, 11:46

und bitte nicht vergessen, den hrn. gludovatz mitzunehmen.

rotes Herz
00
24.6.2008, 10:40

Wenn der Ruttensteiner als Teamchef gewünscht wird, dann hätte ich gern den Svetits als Teammanager. ;-)

Marlon62
23
24.6.2008, 10:01
Ich nehme an,

dass das Geheimnis der Russen darin liegt, dass nicht irgendwelche Politheinis mit Freunderljobs versorgt werden, um dort völlig sinnentleerte Entscheidungen zu treffen. Dort dürften eher Leute in den Entscheidungsebenen arbeiten, die etwas davon verstehen.

klar kent
00
24.6.2008, 16:14

russland hat eindeutig mehr kohle.

Dr. Socrates
04
24.6.2008, 13:27
genau. putins russland ist ja dafür bekannt,

dass die politik sich dort völlig aus allen bereichen von gesellschaft und wirtschaft zurückzieht und auch keinerlei freunderlwirtschaft herrscht.

deiml
00
24.6.2008, 15:26
inzwischen ist es

medwedjews russland.

Dr. Socrates
01
24.6.2008, 16:11
glauben sie das?

ich noch nicht.

dahofawors
00
24.6.2008, 18:51

gehört russland nicht dem lieben gott?

Unterm Marillenbaum
00
25.6.2008, 15:55

Dem schon gar nicht!

saint vitus
00
24.6.2008, 12:58
bravo!

richtig!

Karlibua
12
24.6.2008, 09:28
Hmmm...

Ich weiß noch, als das erste Spiel der Russen begann, sagte ich, die sind mein persönlicher Geheimtipp. Naja, grad das ich nicht ausm Zimmer geworfen wurde.
Nachdem die Russen dann verloren hatten wurde ich gar verspottet! "Na, was is jez mit deine Russen?" "Du bist jo gor ka GIKA, was verstehstn du vo dem Spü scho?"
Aber jetzt Spotte ich! *g*
Ich gebs zu, Ahnung vom Fussball hab ich net viel, das Spiel der Russen gefiel mir aber schon vor der EM! Darum mein Geheimtipp!

Was mich aber stört, sind die vielen Experten die jetzt herauskriechen und von Russland schwärmen. Die die vor der EM von Russland überzeugt waren, denen seis vergönnt.
Die meisten winden sich mit den Ergebnissen, da brauch ich kein Experte sein.

Incredible One
01
24.6.2008, 17:46

auch ein blindes huhn findet mal ein korn.....

Mac Lagavulin
00
24.6.2008, 07:07

die Russen waren fast immer einen Schritt eher am Ball und das über die gesamte Spielzeit. Dass es trotzdem in die Verlängerung ging lag hauptsächlich am Niederländischen Torhüter und der schlechten Chancenverwertung der Russen. Wenn der Gegner aber dann auch nach 100 Minuten immer noch fast jedes Laufduell gewinnt kriegt man halt Probleme, zuerst im Kopf und dann in den Beinen. Wir werden sehen ob die Russen so eine Leistung nochmal abrufen können.

derjungeroemer
04
23.6.2008, 23:04
hier gibt es doch tatsächlich user und nicht so wenige

die allein aufgrund dieses interviews mit taktischer analyse einen ruttensteiner zum teamchef machen wollen.
ihr seid aber leicht zu beeindrucken.

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