Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg
Die Begeisterung des Gastgeberlandes Schweiz hinge diametral mit dem Datum des Ausscheidens der Schweizer Mannschaft zusammen, unkten Schlaumeier und hatten recht. Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt, die irgendeine Hymne singen, die nach "Sieg, Sieg, Sieg" klingt. Aber vielleicht habe ich mich verhört.
Auf der UEFA-Website liest man Erschütterndes: 250.000 Erdbeeren werden den Hospitality-Gästen der UEFA EURO 2008 serviert. 124.920 Flaschen Coca-Cola (je zu einem Drittel Zero, Light und normal) werden für die Hospitality-Gäste geliefert. Was wollen uns diese Zeilen mitteilen, und wer ist genau in den Genuss dieser gastfreundlichen Gesten gekommen? Laufen die Fußballfans Erdbeeren futternd durch die Gassen? No, Sir. Die Fußballfans sind nass wie junge Hunde und riechen dementsprechend. Das EURO-Fest, von dem im Moment nur tropfnasse Buden ohne Gäste zu sehen sind, ertrinkt in der Klimaveränderung. Die Stadt gleicht einem Slum in Bangladesch, ja, ich weiß, wie die aussehen, genau wie das Zeug hier, und die Begeisterung ist irgendwo anders.
Die zahlreich aus den Aargauer Kantonen angereisten Prostituierten, die zu Beginn der EURO guter Dinge am Straßenstrich standen, sind wieder heimgefahren und haben sich was Ordentliches angezogen. Mögen Männer eigentlich wirklich weiße Lackleder-Overknee-Stiefel, oder habe ich das gerade geträumt?
Wird der Juli schön? Sind dann alle wieder weg, oder bleiben die für immer? Die Riesenräder, schwimmenden Schabracken auf dem See, die Wimpel und Würste, die Leute? Fußball auf Leinwänden oder Fernsehern kann man ja immer schauen, das ganze Jahr durch. Hat sich einer dieser Fußballsongs durchgesetzt? Ist Baschi Nummer eins in der Hitparade oder eine dieser deutschen Jungsbands, die mit Trainerjäckchen rumspringen? Leise summe ich den Evergreen: Rummenigge, Rummenigge all night long.
Über Zürich schwebt eine dicke Wolke. Vielleicht führt sie Regen, vielleicht ist sie nur aus Überdruss gewoben. Die Bewohner der Stadt verlassen ihre Wohnungen nur mehr, um Grundnahrungsmittel einzukaufen, sie hoffen, dass es irgendwann ein heller Morgen ist, ein Sommermorgen wie damals, als es noch Sommer gab, und dass das Gerätze aus ihrer Stadt verschwunden wäre.
Die Hässlichkeit nach Kunden schnappender Stände, die Plakate, die nassen Lappen, die Fahnen sein sollen, irgendwann muss das doch alles wieder weg sein. Denkt man. Aber warum soll das Leben besser werden, das hat einem doch keiner versprochen. Vielleicht wird alles nur noch schlimmer. (Sibylle Berg, DER STANDARD, Printausgabe, 23. Juni 2008)
Zur Person
Sibylle Berg, geb. in Weimar, lebt in Zürich. Buch- und Theaterautorin.
Link
www.sibylleberg.ch