Bilanz

Redaktion, 20. Juni 2008, 18:10

Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM. So wie Tuncay, der kleine türkische Mittelfeldspieler, der die letzten Minuten gegen Tschechien das Tor zum Bosporus hüten musste, die viel zu großen Handschuhe, größer als er selbst, flehentlich zum Himmel reckte und um Allahs Gnade flehte, bloß keinen Schuss mehr auf ihn zuzulassen, so ist es auch mir gegangen. Nur kam in den letzten Wochen nicht ein Ball auf das Gehäuse meiner Existenz, es waren hunderte. Alle sangen Schalala, Viva Hollandia oder Steht auf für die Elftal. Alle rochen nach Bier und Zwiebel und hörten nicht auf, mich abzubusseln. Und das jeden Morgen um halb fünf. Ein Albtraum.

Ich bin das ärmste Schwein dieser EM, Reto ist mein Name, Gleisarbeiter bei den SBB in Bern. Und dabei dachte ich anfangs, mit den orangen Signaljacken ließe sich der große Reibach machen, habe ich in Erwartung kommender Prosperität gleich zwei an niederländische Fans verkauft und sie als verloren angezeigt. Leider hatten meine Kollegen dieselbe Geschäftsidee. Das fiel auf. Ich versteh ja nicht, warum die Holländer so in Orange vernarrt sind? Am liebsten würden sie ein Schlauchboot anziehen oder eine buddhistische Mönchskutte. Diese Oranier, diese Protestanten des Fußballs, sollten sich ein Beispiel an den Österreichern nehmen, die haben nicht nur freiwillig alle rot-weiß-roten Fähnchen abmontiert, nein, sie haben aus gekränktem Nationalstolz gleich alle Einbahn-Verkehrszeichen zugehängt und Marlboro verboten. Sonst ist bei dieser EURO nichts geschehen. Die Favo_riten sind ausgeschieden: die Schweiz, Österreich, Griechenland. Da bleiben wieder einmal nur die Underdogs Deutschland und Italien für das Finale.

Das ärmste Schwein dieser EM bin ich. Für die verkauften Jacken hat man mich nach Basel strafversetzt. Und wer spielt da jetzt auf einem niederländischen Rasen, der aussieht wie ein Bild von Paul Klee? Die Holländer. Und deshalb bin ich für die Russen. Die haben, weil das Land so groß ist, elendslange Wörter, die sie irgendwo betonen, während wir Schweizer das nur mit der ersten Silbe tun. Angurten, wie man hier statt Mahlzeit sagt, an Guaten wünsche ich den Russen, zieht den Holländern die Gleisarbeiterjacken aus. (Franzobel, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 21. Juni 2008)

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

    Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

  • Der doppelte Boden [6]

    Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

    Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

    Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

  • Gehorchen oder kicken [11]

    Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

    Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

    Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

The Vinci
01
20.6.2008, 18:26
immerhin....

mal was halbwegs gelungenes!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.