Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel
Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM. So wie Tuncay, der kleine türkische Mittelfeldspieler, der die letzten Minuten gegen Tschechien das Tor zum Bosporus hüten musste, die viel zu großen Handschuhe, größer als er selbst, flehentlich zum Himmel reckte und um Allahs Gnade flehte, bloß keinen Schuss mehr auf ihn zuzulassen, so ist es auch mir gegangen. Nur kam in den letzten Wochen nicht ein Ball auf das Gehäuse meiner Existenz, es waren hunderte. Alle sangen Schalala, Viva Hollandia oder Steht auf für die Elftal. Alle rochen nach Bier und Zwiebel und hörten nicht auf, mich abzubusseln. Und das jeden Morgen um halb fünf. Ein Albtraum.
Ich bin das ärmste Schwein dieser EM, Reto ist mein Name, Gleisarbeiter bei den SBB in Bern. Und dabei dachte ich anfangs, mit den orangen Signaljacken ließe sich der große Reibach machen, habe ich in Erwartung kommender Prosperität gleich zwei an niederländische Fans verkauft und sie als verloren angezeigt. Leider hatten meine Kollegen dieselbe Geschäftsidee. Das fiel auf. Ich versteh ja nicht, warum die Holländer so in Orange vernarrt sind? Am liebsten würden sie ein Schlauchboot anziehen oder eine buddhistische Mönchskutte. Diese Oranier, diese Protestanten des Fußballs, sollten sich ein Beispiel an den Österreichern nehmen, die haben nicht nur freiwillig alle rot-weiß-roten Fähnchen abmontiert, nein, sie haben aus gekränktem Nationalstolz gleich alle Einbahn-Verkehrszeichen zugehängt und Marlboro verboten. Sonst ist bei dieser EURO nichts geschehen. Die Favo_riten sind ausgeschieden: die Schweiz, Österreich, Griechenland. Da bleiben wieder einmal nur die Underdogs Deutschland und Italien für das Finale.
Das ärmste Schwein dieser EM bin ich. Für die verkauften Jacken hat man mich nach Basel strafversetzt. Und wer spielt da jetzt auf einem niederländischen Rasen, der aussieht wie ein Bild von Paul Klee? Die Holländer. Und deshalb bin ich für die Russen. Die haben, weil das Land so groß ist, elendslange Wörter, die sie irgendwo betonen, während wir Schweizer das nur mit der ersten Silbe tun. Angurten, wie man hier statt Mahlzeit sagt, an Guaten wünsche ich den Russen, zieht den Holländern die Gleisarbeiterjacken aus. (Franzobel, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 21. Juni 2008)