Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek
Die
UEFA hat einen Hang zum Genauen und zum Selbermachen. Sie umzäunt die Fanzonen, diktiert Angebot und Preis, sie stellt die TV-Bilder selbst her und wählt die für eine Ausstrahlung tauglichen aus. Der Vorwurf der Zensur kratzt die UEFA, die keine bengalischen Feuer und Platzstürmer übertragen lässt, kaum. (Die schönen Bilder aus der schönen Welt brachten sogar den
ORF-Informationsintendanten Elmar Oberhauser, autoritätsmäßig kein Kind von Zaghaftigkeit, ins Grübeln.)
Das Wichtigste in der selbstgemachten Welt sind natürlich die Regeln. Dem Punkt 7.07 in den UEFA-Regularien zufolge qualifizierten sich in der Vorrunde der EM die Portugiesen, Kroaten, Spanier und Holländer bereits nach dem zweiten Spiel. Im dritten Durchgang setzten sie ihre Zweitmannschaften ein, nicht wenige mit kostbaren Tickets ausgestattete Fans werden Cristiano Ronaldo, Wesley Sneijder und David Villa vermisst haben.
Natürlich kauft der Mensch mit dem Ticket keine Aufstellung. Doch Regel 7.07, die bei der Bestimmung der Gruppenplatzierung erst die Punkte und danach die Tordifferenz aus den direkten Begegnungen heranzieht, ist möglicherweise ungeeignet, die Spannung zu erhalten. Sie wurde vor der EM 2004 in Portugal formuliert, sie hat sich angeblich nicht bewährt.
Eine ganze Reihe von Entscheidungsspielen, von Österreich - Deutschland über Türkei - Tschechien, Polen - Kroatien, Italien - Frankreich bis zu Schweden - Russland spricht gegen das Urteil, 7.07 sei ein Spielverderber. Immerhin zeigten die vorzeitig beförderten Niederländer (und die Spanier und Kroaten) die Qualität in der Tiefe ihres Kaders. Die Portugiesen wiederum ergriffen die Chance, gegen die Schweiz zu verlieren und damit auch den Rhythmus zu verlieren. Genau das ist den Spaniern während der WM 2006 in Deutschland passiert, ganz ohne Regularium 7.07. Sie überflogen die Ukraine (4:0) und Tunesien (3:1), worauf im dritten Match die Reserve gegen Saudi-Arabien ein 1:0 erstolperte. Im Achtelfinale taumelte die dem Turnierrhythmus entwöhnte Erste gegen Frankreich aus dem Bewerb - 1:3.
Der Paragraf hindert und befördert spannenden Kick und Turnierverlauf wahrscheinlich so gut und schlecht wie ein "normales" Ranking nach Punkten und Torverhältnis. Die Niederlande oder die Russen hätten ohne 7.07 nicht anders gespielt.
7.07 etabliert jedoch neben der absoluten Macht der Zahlen (Punkte, Tore für und wider) eine zweite, eventuelle Gruppenhierarchie. Der Gruppenzweite kann viel mehr Tore erzielt und viel weniger erhalten haben als der Erste - dank der bilateralen Bilanz zählt das nichts: Der Teil ist wichtiger als das Ganze.
Das ist nicht böse. Aber ein bisserl ungenau. (Johann Skocek; DER STANDARD Printausgabe 20. Juni 2008)