Der doppelte Boden

Redaktion, 20. Juni 2008, 18:01

Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

Die UEFA hat einen Hang zum Genauen und zum Selbermachen. Sie umzäunt die Fanzonen, diktiert Angebot und Preis, sie stellt die TV-Bilder selbst her und wählt die für eine Ausstrahlung tauglichen aus. Der Vorwurf der Zensur kratzt die UEFA, die keine bengalischen Feuer und Platzstürmer übertragen lässt, kaum. (Die schönen Bilder aus der schönen Welt brachten sogar den ORF-Informationsintendanten Elmar Oberhauser, autoritätsmäßig kein Kind von Zaghaftigkeit, ins Grübeln.)

Das Wichtigste in der selbstgemachten Welt sind natürlich die Regeln. Dem Punkt 7.07 in den UEFA-Regularien zufolge qualifizierten sich in der Vorrunde der EM die Portugiesen, Kroaten, Spanier und Holländer bereits nach dem zweiten Spiel. Im dritten Durchgang setzten sie ihre Zweitmannschaften ein, nicht wenige mit kostbaren Tickets ausgestattete Fans werden Cristiano Ronaldo, Wesley Sneijder und David Villa vermisst haben.

Natürlich kauft der Mensch mit dem Ticket keine Aufstellung. Doch Regel 7.07, die bei der Bestimmung der Gruppenplatzierung erst die Punkte und danach die Tordifferenz aus den direkten Begegnungen heranzieht, ist möglicherweise ungeeignet, die Spannung zu erhalten. Sie wurde vor der EM 2004 in Portugal formuliert, sie hat sich angeblich nicht bewährt.

Eine ganze Reihe von Entscheidungsspielen, von Österreich - Deutschland über Türkei - Tschechien, Polen - Kroatien, Italien - Frankreich bis zu Schweden - Russland spricht gegen das Urteil, 7.07 sei ein Spielverderber. Immerhin zeigten die vorzeitig beförderten Niederländer (und die Spanier und Kroaten) die Qualität in der Tiefe ihres Kaders. Die Portugiesen wiederum ergriffen die Chance, gegen die Schweiz zu verlieren und damit auch den Rhythmus zu verlieren. Genau das ist den Spaniern während der WM 2006 in Deutschland passiert, ganz ohne Regularium 7.07. Sie überflogen die Ukraine (4:0) und Tunesien (3:1), worauf im dritten Match die Reserve gegen Saudi-Arabien ein 1:0 erstolperte. Im Achtelfinale taumelte die dem Turnierrhythmus entwöhnte Erste gegen Frankreich aus dem Bewerb - 1:3.

Der Paragraf hindert und befördert spannenden Kick und Turnierverlauf wahrscheinlich so gut und schlecht wie ein "normales" Ranking nach Punkten und Torverhältnis. Die Niederlande oder die Russen hätten ohne 7.07 nicht anders gespielt.

7.07 etabliert jedoch neben der absoluten Macht der Zahlen (Punkte, Tore für und wider) eine zweite, eventuelle Gruppenhierarchie. Der Gruppenzweite kann viel mehr Tore erzielt und viel weniger erhalten haben als der Erste - dank der bilateralen Bilanz zählt das nichts: Der Teil ist wichtiger als das Ganze.

Das ist nicht böse. Aber ein bisserl ungenau. (Johann Skocek; DER STANDARD Printausgabe 20. Juni 2008)

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

    Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

    Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

  • Der doppelte Boden [6]

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

    Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

    Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

  • Gehorchen oder kicken [11]

    Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

    Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

    Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

Xquadrat
00
20.6.2008, 17:16

Ich finde die Regelung nicht schlecht, da mMn die Aussage größer ist, wenn man betrachtet wie gegeneinander gespielt wurde und nicht wer über den Außenseiter am wildesten drübergefahren ist.

Anders gesagt, kann es mir passieren, dass ich ausscheide weil sich Team D für die es um nichts mehr geht von B abschießen lässt, aber gegen A ist es für sie noch um etwas gegangen und so das Ergebnis knapp ausgegangen. Die Konstellationen sind außerdem mit dem anderen System (Sie erwähnen es im Artikel) ebenfalls möglich.

Jim de la Papaya
00
20.6.2008, 13:15
man könnte ja so ein ähnliches system wie im eishockey einführen

bei einem unentschieden in der gruppenphase gibt es automatisch im anschluss ein elfmeterschiessen. beide mannschaften erhalten einen punkt für das unentschieden, der sieger einen extrapunkt, der im zweifel über den aufstieg entscheidet.

Herr Vorsicht
00
20.6.2008, 11:25

Statt die Regel zu ändern wäre es sinvoller, den Kader zu reduzieren. Stammkader mit 15 Feldspielern und 2 Torleuten, erweiterten Kader mit 4 Feldspielern und 1 Tormann, auf die nur bei längerer Verletzung (Spieler darf 2 Spiele lang nicht eingesetzt werden) zurückgegriffen werden kann.
Dann ist das Problem deutlich reduziert, und eine Mannschaft kann zwar 4 Stammspieler ersetzen, bei voller Ausnützung des Wechselkontingents bleibt aber nur 1 Star für 90 min. auf der Bank.

Andy M
02
20.6.2008, 09:35

in den meisten fällen ist das aber wirklich vollkommen egal..... und: denke auch, dass gruppengegner nicht vor dem finale wieder zusammen kommen sollten! DAS wäre es wert zu vermeiden - aber dann lässt sich ja der spielplan nicht so ideal gestalten... ;-)

Herr Ralf
00
19.6.2008, 19:33
Am besten

finde ich die Neuerung der UEFA, dass im Finale nicht zwei Mannschaften aufeinander treffen dürfen, die bereits in der Gruppenphase gegeneinander gespielt haben.

Dass somit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich zwei Teams bereits im Halbfinale wiedersehen, stört die verantwortlichen Greise aber wenig...

chicken frings
 
03
19.6.2008, 21:34
das ist aber klar

stellen sie sich vor, die beiden mannschaften vereinbaren geheim schon in der gruppenphase, alle anderen teams in den viertel- und semifinali zu schlagen, um sich wieder im finale zu treffen.
das wär ja geradezu skandalös.
gut, dass es bei der uefa so schlaue leute gibt.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.