Der Kampfschwimmer

9. April 2008, 19:00
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Es gibt Konflikte, die so unnötig sind, dass sogar die Involvierten nicht verstehen, warum und was da eskaliert.

Es war heute. Zeitig in der Früh. Doch obwohl ich mich immer noch frage, was da eigentlich passiert ist, bin ich sicher, die Angelegenheit nicht geträumt zu haben. Erstens, weil ich mich über mich selbst ärgerte: Dass mich so etwas ärgern kann, ärgert mich. Zweitens, weil die Angelegenheit meinen Horizont übersteigt: Auch der andere Schwimmer meinte danach, er hätte nicht so viel Phantasie, sich vorzustellen, dass man aus dieser Sache einen Konflikt – geschweige denn eine Beinahe-Schlägerei – basteln kann.

Zum Setting: Das Schwimmbecken des Fitnesscenters hat drei Bahnen. Und auch wenn es da manchmal – ab sieben Schwimmern – wirklich eng wird, war das heute nicht so: Kurz vor acht Uhr früh schwamm ich auf der rechten Bahn. Und der andere Schimmer auf der mittleren. Eigentlich sollte in so einem Fall klar sein, welche Bahn ein dritter Frühschwimmer nimmt.

Mittelbahn

Bloß: Der Mann der da kam duschte, sah sich um – und sprang bei der Mittelbahn ein. Schwimmer Nummer zwei trainierte Brust, der Neue aber kraulte. Und als sie auf meiner Höhe waren, überholte der Krauler den kleineren Brustschwimmer. Genauer: Er schwamm halb über ihn drüber. Halb, weil der Kleinere auswich.

Doch als der Schnellere wieder vorbei kam, dürfte der Fuß des Brustschwimmers den Krauler gestreift haben. Jedenfalls sah das aus meiner Unterwasserperspektive so aus. Beide Schwimmer blieben stehen – und ich hörte zuerst eine leise und dann eine brüllende Stimme. Aber was da gesagt wurde, verstand ich nicht. Ich sah nur, dass der kleiner Schwimmer die Mittelbahn aufgab – und links weitertrainierte.

Unfreundlich

Bei meiner nächsten Pseudo-Wende pausierte auch der verdrängte Schwimmer. Er schaute zu mir, zuckte mit den Schultern, zeigte auf die Mittelbahn, wachelte sich mit der Hand vor den Augen und schüttelte dann augenrollend den Kopf. Ich nickte – und rief ihm zu, dass das gerade ebenso unfreundliche wie unnötige gewesen sei.

In dem Augenblick tauchte der Kopf des Besetzers der Mittelbahn auf. Er kam an die Kordel geschwommen und drohte mir: Was mich das angehe? Ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als mich in Angelegenheiten anderer Leute einzumischen? Und wenn ich auch nur ein weiteres Wort sagen würde, schnaubte er, käme er rüber.

Beckenrand

Die Körpersprache des Mannes sagte, dass er das so meinte. Und dass er nur einen Grund suchte, sich tatsächlich mit jemandem anzulegen. Das sah auch der verdrängte Schwimmer so – und stieg mit mir aus dem Becken: Mit deutlich schwereren Irren diskutiert man nicht. Nicht an Land – und schon gar nicht im Wasser. Wir holten einen Trainer.

Der staunte dann mit uns: Der Kampfschwimmer brüllte, dass er uns alle anzeigen werde. Wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Der kleinere Mann sei "unkoordiniert Zick Zack" geschwommen und habe ihm absichtlich keinen Platz gelassen. Mehr noch: Schwimmer Zwei sei zu ihm geschwommen – und habe ihn mit aller Kraft ins Kreuz getreten. Absichtlich. Dort, wo er eine frische Operationsnarbe habe. Er habe jetzt Angst, dass die sich wieder öffnen könne. Und danach, brüllte er, hätte ich ihn bedroht. Aber jetzt müsse er weiter schwimmen – er habe ein Trainingspensum zu absolvieren. Und dann schwamm tatsächlich er weiter.

Rätselhaft

Der Trainer fragte uns, was er jetzt machen solle: Der Mann sei offensichtlich nicht ganz bei Trost – aber er verstehe, wenn wir nicht mit ihm gemeinsam im Wasser sein wollten. Uns war die Lust am Schwimmen für heute vergangen. In der Umkleidekabine plauderten wir dann weiter: Dass wir beide nicht verstünden, wie und warum man solche Konflikte aus dem Nichts schaffen könne – und dass wir beide nicht wüssten, wie man mit Leuten umgeht, die es bei den nichtigsten Anlässe bereitwillig zur Eskalation trieben.

Außerdem wunderten wir uns über uns selbst: Weil jeder von uns trotz der offenkundigen Absurdität der Situation doch das Blut im Kopf rauschen gehört hatte. Und es entgegen aller Vernunft echt schwer sei, einen Schritt zurück zu machen. Obwohl es doch wirklich um nichts geht. Und dass genau dieses Trotzdem-Zurückstecken solchen Typen dann jene Erfolgserlebnisse verschafft, die sie ihr Spiel weiter und weiter spielen lassen. Denn: Hätte der Trainer dem Irren nachspringen sollen?

In der Dusche löste dann irgendjemand, der uns zugehört hatte die Spannung. Denn als ich mich einseifte, kam aus einer der Nebenkabinen ein Brüller: "Wenn ihr nicht sofort aufhört, hier so unkoordiniert kreuz und quer zu duschen, komme ich rüber." Das darauf folgende Prusten vom anderen Ende des Waschraumes beruhigte mich: Auch der Brustschwimmer von Bahn Zwei würde nicht am Wutknoten in seinem Hals ersticken. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 29. Mai 2008)

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