Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann
Eigentlich wollte ich ja über die Unterschiede zwischen Österreichern und Deutschen schreiben. Meine Lieblingsdefinition (Copyright Manfred Buchinger) stammt aus der Küche, einer Welt, die mindestens ebenso irrational von Ehrgeiz und Träumen und Einsatz und Gier und Eitelkeiten und Hoffnungen geprägt ist wie die des Fußballs: Die Deutschen füllen den Schnittlauch, die Österreicher versuchen, dabei nicht zu schwitzen.
Aber DANACH weiß ich nicht, ob sie noch stimmt. Die Österreicher sind gerannt, sie haben gekämpft, sie haben 90 Minuten durchgehalten – sie haben geschwitzt. Nur dass die Deutschen den Schnittlauch eben etwas effizienter füllen konnten. DANACH gilt es glatt zu überlegen, dass wir manchmal vielleicht nicht nur nicht gewinnen, weil wir es eben nicht ganz so genau nehmen, weil wir es lockerer sehen, es aber jedenfalls nicht an unseren Fähigkeiten liegt, sondern bloß am Umstand, dass wir letztendlich eben nicht ALLES gezeigt und gegeben haben. Weil wir ein bisserl drüberstehen.
Stehen wir vielleicht doch nur daneben? Kann es sein, dass wir gar nicht mehr haben, als wir zeigen können? Dass uns die Globalisierung nicht nur Fußballleiberln aus China und gastronomische Halbfertigprodukte aus Deutschland beschert hat, sondern auch das bedingungslose Hochleistungsschwitzen?
Zum Glück bleibt uns immer noch – und alles lassen wir uns sicher nicht wegverweltlichen – die Selbststilisierung: als genial, aber ein bisserl schlampig. Als klein, aber oho. Lauter Davids – außer der Goliath ist momentan zu stark. Und die Tatsache, dass bei allem Nachdenken über kollektive Unterschiede und Vereinheitlichungen neben dem "Wir" , auch neben dem "Mir san mir" , noch etwas existiert: unser persönliches kleines,geniales, schlampiges, schweißtreibendes Leben. Und dass selbst rot-weiß-rote Indianer und rote Häuptlinge der Alltag einholt.
Am Tag, an dessen Abend elf Österreicher gegen elf Deutsche Fußball gespielt haben werden, hat die größte Partei des Landes eher überraschend einen neuen Parteichef bekommen. Am Abend, als elf Österreicher gegen elf Deutsche Fußball gespielt haben, ist der Vater einer Freundin völlig überraschend verstorben. Am Tag, als das Fußballspiel zwischen elf Österreichern und elf Deutschen analysiert wurde, hat Sladjana gar nicht überraschend – und mit Auszeichnung – ihre Lehrabschlussprüfung als Köchin und Kellnerin bestanden. DANACH ist auch noch ein Spiel. Hoffentlich. Und hoffentlich die Hoffnung. Wir werden gewinnen, wenn schon nicht sicher, dann vielleicht. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 19.6. 2008)
Zur Person
Eva Rossmann ist Autorin und Köchin. Im September erscheint ihr zehnter Mira-Valensky-Krimi.