Dietmar Daths Essay "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift" und die "neue" Linke
Frankfurt/Main – Die Nachrufe auf Marx und die Achtundsechziger sind soeben erst verstummt, die Erinnerungsschmerzen der Veteranen therapeutisch abgeklungen. Der "Kapitalismus" – ob man ihn nun als unumstößliche Weltordnung preist oder die unzähligen Ungerechtigkeiten, die er im Weltmaßstab produziert, mit einem Achselzucken quittiert – steht unangefochtener da denn je.
Kein Kritiker des Marktsystems verfiele heute ernsthaft auf die Idee, der "Globalisierung" mit orthodox-marxistischem Begriffsbesteck zu Leibe zu rücken. Der Kommunismus ist, ungeachtet gewisser staatsmonopolistischer Tendenzen in südamerikanischen Rohstoffländern, aus vielerlei Gründen ein toter Hund.
Es bedurfte eines schmalen Bändchens in der von Suhrkamp neu ins Leben gerufenen "edition unseld" (nach dem verstorbenen Verlagsleiter), um an die Anspruchshaltungen "linker" Gesellschaftsanalytik zu erinnern. Was an Dietmar Daths Essay "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift" erstaunt und ergötzt, ist der ungebrochene Optimismus: Geschichte ist machbar, Herr Nachbar! An dem Badener Autor Dath (38) kann man exemplarisch die Wechselfälle eines intellektuellen Erwerbslebens in Europas konfliktberuhigten Wohlstandszonen studieren.
Dath arbeitete einige Jahre als Feuilletonredakteur in der konservativen FAZ. Er veröffentlichte utopische Romane in Kleinverlagen. Mittlerweile beliefert er das angesehenste Frankfurter Verlagshaus mit Proben aus der Werkstatt eines ungebrochenen Fortschrittsoptimisten. Technik mit ihren diversen Anwendungen in fortgeschrittenen Produktionsprozessen bildet die Voraussetzung für die Befreiung des Menschen von allen Widrigkeiten, die Natur und böse Fabrikherren für die Lohnabhängigen aller Länder bereithalten.
Her mit dem Reichtum!
Die Freisetzung von Produktivkräften wäre eine feine Sache: Je weniger die Menschen arbeiten müssten, umso eher besäßen sie die Chance, der "Muße" zu frönen und tolle neue Ideen zu entwickeln. Der Teufel stecke, so Dath, in der ungleichen Aneignung des produzierten Reichtums: Obwohl genug Überfluss erarbeitet wird, hüten die Monopolisten eifersüchtig die Werkzeuge des Fortschritts.
An die Stelle der Lohnabhängigen sind nämlich längst die dauerhaft Erwerbslosen getreten. Diese können (mit Blick auf Deutschland) zwar Bier und Nudeln bei Aldi kaufen, haben aber sonst nichts, weil ihre Stütze – das "Gnadenfixum", so Dath – die Aneignung "sinnvoller" Produkte für sie unmöglich macht.
Wenn Hartz-IV-Geld allein für die Befriedigung der dringendsten Lebensbedürfnisse aufgeht, ist es natürlich illusorisch, auf die Mechanisierung der Produktionsmittel eine besondere Hoffnung zu setzen. Dath zieht eine der bestrickendsten Ideen des alten Marx aus dem Papierzylinder: Selbst in einer Gesellschaft, die planerisch und rational die Ungleichheit abgeschafft hätte, würde es weiterhin die Arbeitsteilung – und damit Elektrikerinnen und Köche geben. Wer aber sagt, dass man sein kurzes Erwerbsleben lang (bis einen die Freisetzung ereilt!) immer nur als Elektrikerin oder als Koch arbeiten muss?
Der Gebrauchswert der Maschinen – und Dath ist ein geradezu schwärmerischer Technikfreund! – wäre als "sozialer" zu bestimmen. Arbeitsteilung ist etwas Schönes – nur muss sie eben kein Schicksal sein. Die Verfügung über Software wird über "Türhüter"-Lösungen eingeschränkt. Die transnationalen "Gemischtwarenkonglomerate" schlachten die erworbenen Wettbewerbsvorteile rücksichtslos aus: Geforscht wird einzig in ihrem Auftrag. Patente werden kostspielig entwickelt und aufgekauft. Daths Alternativvorschlag ist eben nicht schwärmerisch: Er verlangt, dass Gesellschaften ihre Regelungsbedürfnisse rational ausmachen. Er sagt: "Das Interessanteste, was Menschen herstellen könnten, ist die Menschheit."
Sinnvolle Güter für alle
Er träumt davon, dass Mist nicht mehr besinnungslos konsumiert wird, sondern der erarbeitete Reichtum zurückfließt in die Optimierung der Produktionsmittel. Die dann allen zugute käme! Glückliche Menschen tüfteln an der Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Das sei doch logischer, als einen Gutteil der Menschheit von der Wohlfahrt von vornherein auszuschließen.
Ob sich die Elenden in den Lehmgruben tatsächlich mit der digitalen Bohéme in Berlin zusammenschließen, wie es sich Dath erhofft: Es steht in den Sternen. Aber seit unvordenklichen Zeiten hat sich der Suhrkamp Verlag wieder auf eine seiner ehrwürdigen Funktionen besonnen. Er sagt Nein zu Verhältnissen, die sich auch auf sein Verlagsprogramm vielfach nivellierend ausgewirkt haben.
Als sich in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre die Regenbogenbändchen der edition suhrkamp aufstapelten, saß das Herz dort, wo es schlug: links. Niemand weiß, wie es weitergeht. Am Wort sind vorderhand die Pamphletisten. (Ronald Pohl
/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6.2008)