Wort geworden

Redaktion, 17. Juni 2008, 18:56

Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

Wie wäre es, dachte ich, wenn ich keine Spielverlagerung betreiben dürfte, sondern tatsächlich einen Spielbericht zu Österreich - Deutschland schreiben müsste? Blitzschnell stellte sich in meinem Kopf der Satz ein: "Österreichs Fußball ist von einer Sternenstunde noch Lichtjahre entfernt." Sofort genierte ich mich nicht nur über diese geschmäcklerische Metapher, sondern auch über die vorauseilende Bereitschaft zum Feuilletonstil, der ja - so Karl Kraus - von der Fähigkeit lebt, auf einer Glatze Locken zu drehen.

Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen, und als Wort und Bild hat er unter uns gewohnt. Eine Zukunftsgermanistik soll einmal - so sie nichts Besseres zu tun hat- die feinen Unterschiede beschreiben, die zwischen den Berichten in den einzelnen Printmedien entstehen. Vom lapidaren "Aus!"(Krone) und "Aus der Traum" (Österreich, Kurier) über das resignative "Nur noch Gastgeber"(Presse) bis zum deutlichen "SIE sind schuld" (Heute) reicht das Spektrum. Um der Schuldigen leichter habhaft zu werden, werden gleich zwei Fahndungsfotos mitgeliefert: Referee Gonzalez - ("der blinde Spanier stahl uns einen Elfer, war 12. Mann der Deutschen"), und für solche, die ihn nicht kennen sollten, Hickersberger, der durch seine "Zauderei" das EM-Fest vermasselt haben sollte.

Mir sind, offen gestanden, Zauderer viel sympathischer als die Draufgänger, sie haben wie der römische Feldherr Maximus Cunctator und der russische General Kutusow größeres Unheil verhindert und Hannibal bzw. Napoleon gebremst.

Es ist überhaupt ein Spiel, in dem es viel gibt, was es noch nicht gegeben hat. Hickersberger und Löw werden auf die Tribüne verbannt, "erhalten standing ovations, werden von den Staatschefs Merkel und Gusenbauer umarmt. Das gab's noch nie" (Österreich). Das Unerhörte, hier wird's Ereignis. Mich hätte interessiert, wie sich die beiden dabei gefühlt haben, aber für solche epische Abweichungen ist kein Platz. Denn in den Berichten muss die Dramatik nachgeholt werden: Es war ein "Krimi"(Kurier), bei dem uns der "Killerinstinkt"(Hans Krankl) fehlte. Es war eine Tragödie, die für die Österreicher im "Tal der Tränen" (Krone) oder als "Pleite" (Österreich) und als "das schlechteste Abschneiden eines EM-Veranstalters" (Presse) endete.

Im Fußball ist einfach alles da, Tragisches, Komisches, Ökonomie, Verbrechen, Traum und Wirklichkeit, Apokalyptisches, Wunderglaube, Zufall, Schicksal und das Prinzip Hoffnung. Da kann nur noch Shakespeare mithalten. (Wendelin Schmidt-Dengler, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 18. Juni 2008)

Zur Person:

Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor der Literaturwissenschaft. Der Wissenschafter des Jahres 2007 steht dem Institut für Germanistik der Universität Wien und dem Literaturarchiv der Nationalbibliothek vor.

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

    Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

    Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

  • Der doppelte Boden [6]

    Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

    Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

  • Gehorchen oder kicken [11]

    Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

    Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

    Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

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