Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler
Wie wäre es, dachte ich, wenn ich keine Spielverlagerung betreiben dürfte, sondern tatsächlich einen Spielbericht zu Österreich - Deutschland schreiben müsste? Blitzschnell stellte sich in meinem Kopf der Satz ein: "Österreichs Fußball ist von einer Sternenstunde noch Lichtjahre entfernt." Sofort genierte ich mich nicht nur über diese geschmäcklerische Metapher, sondern auch über die vorauseilende Bereitschaft zum Feuilletonstil, der ja - so Karl Kraus - von der Fähigkeit lebt, auf einer Glatze Locken zu drehen.
Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen, und als Wort und Bild hat er unter uns gewohnt. Eine Zukunftsgermanistik soll einmal - so sie nichts Besseres zu tun hat- die feinen Unterschiede beschreiben, die zwischen den Berichten in den einzelnen Printmedien entstehen. Vom lapidaren "Aus!"(Krone) und "Aus der Traum" (Österreich, Kurier) über das resignative "Nur noch Gastgeber"(Presse) bis zum deutlichen "SIE sind schuld" (Heute) reicht das Spektrum. Um der Schuldigen leichter habhaft zu werden, werden gleich zwei Fahndungsfotos mitgeliefert: Referee Gonzalez - ("der blinde Spanier stahl uns einen Elfer, war 12. Mann der Deutschen"), und für solche, die ihn nicht kennen sollten, Hickersberger, der durch seine "Zauderei" das EM-Fest vermasselt haben sollte.
Mir sind, offen gestanden, Zauderer viel sympathischer als die Draufgänger, sie haben wie der römische Feldherr Maximus Cunctator und der russische General Kutusow größeres Unheil verhindert und Hannibal bzw. Napoleon gebremst.
Es ist überhaupt ein Spiel, in dem es viel gibt, was es noch nicht gegeben hat. Hickersberger und Löw werden auf die Tribüne verbannt, "erhalten standing ovations, werden von den Staatschefs Merkel und Gusenbauer umarmt. Das gab's noch nie" (Österreich). Das Unerhörte, hier wird's Ereignis. Mich hätte interessiert, wie sich die beiden dabei gefühlt haben, aber für solche epische Abweichungen ist kein Platz. Denn in den Berichten muss die Dramatik nachgeholt werden: Es war ein "Krimi"(Kurier), bei dem uns der "Killerinstinkt"(Hans Krankl) fehlte. Es war eine Tragödie, die für die Österreicher im "Tal der Tränen" (Krone) oder als "Pleite" (Österreich) und als "das schlechteste Abschneiden eines EM-Veranstalters" (Presse) endete.
Im Fußball ist einfach alles da, Tragisches, Komisches, Ökonomie, Verbrechen, Traum und Wirklichkeit, Apokalyptisches, Wunderglaube, Zufall, Schicksal und das Prinzip Hoffnung. Da kann nur noch Shakespeare mithalten.
(Wendelin Schmidt-Dengler, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 18. Juni 2008)
Zur Person:
Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor der Literaturwissenschaft. Der Wissenschafter des Jahres 2007 steht dem Institut für Germanistik der Universität Wien und dem Literaturarchiv der Nationalbibliothek vor.