Über allen Gipfeln ist Dampf

Redaktion, 19. Juni 2008, 17:00
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    foto: wolfgang weitlaner

    Das Ziel der Wanderung: der Boiling Lake. Was Dominica sonst noch zu bieten hat, zeigt diese Ansichtssache.

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Tausende steile Stufen führen hinauf zum Boiling Lake in Dominica. Mit dabei ist der traurige Ruf des Mountain Whistler - Mit Ansichtssache

Dominica ist nicht die Dom. Rep., obwohl diese Verwechslung mindestens so häufig vorkommt wie jene von Austria und Australia. Man läge auch geografisch ein beachtliches Stück daneben, wenn man in die Dominikanische Republik wollte und auf Dominica landete. Die Insel gehört zu den Kleinen Antillen in der östlichen Karibik und liegt zwischen Guadeloupe im Norden und Martinique im Süden. Es wäre aber kein Fehler, irrtümlich in Dominica zu landen. Vorausgesetzt man findet Gefallen an einer kaum touristisch geprägten Insel. Dank des vulkanischen Ursprungs gibt es sowohl schwarze als auch weiße Sandstrände, dazu eine atemberaubende Unterwasserwelt. Vor der Küste leben Pottwale und auf zahlreichen Wander- und Treckingrouten kann die Insel zu Fuß erkundet werden.

Neun schlafende Vulkane gibt es auf Dominica. Alle tragen ein attraktives Kleid aus üppigem Grün. Die Regenwälder sind nahezu unberührt und viele Wanderwege führen mitten durch diese geheimnisvolle Welt. Die „Emerald Pools“, ein Naturschutzpark, sind eine bequeme Möglichkeit, in den Dschungel Dominicas einzutauchen. Ein breiter Weg führt durch den Wald Wasserfall und Süßwassersee. Wer es aber wirklich wissen will hat nur eine Wahl: den Boiling Lake im Morne-Trois-Pitons-Nationalpark.

Die anfängliche Freude über die Holzschwellen, die den Aufstieg erleichtern sollen, weicht nach einer Stunde dem Grauen vor immer mehr Stufen, die hinter jeder Wegbiegung lauern. Wie eine Dampfmaschine stampft Bryant Rolle, der Guide, voraus. Hinter ihm stolpern keuchend und ächzend zwei ungeübte Büromenschen den matschigen Weg entlang, immer darauf bedacht, die neuen Trekkingschuhe nicht schmutzig zu machen. Ein, zwei, eins, zwei ... im immer gleichen Rhythmus setzt Bryant seine Schritte, unbeeindruckt davon, ob er gerade eine 40prozentige Steigung, ein nicht minder steiles Gefälle oder ein ebenes Wegstück überwindet. Seine Gummistiefel schauen halsbrecherisch aus. Aber sein Tritt ist sicher und das Ausrutschen überlässt er den Ungeübten in den Trekkingschuhen.

Der Aufstieg ist zu Hälfte geschafft als erste Zweifel aufkommen, ob der Abstieg gelingen wird. Bereits jetzt flattern die Beine und die Knie werden weich. Die Bemerkung von Bryant auf die Frage, ob er keine Müdigkeit verspüre, ist niederschmetternd: „Wenn wir unten sind, treffe ich mich mit einem Freund zu einer Runde Fußball“. Dann nimmt er die nächsten 30 Treppen in springendem Lauf.

Die kurzen Pausen sind Gnadenakte von Bryant. Etwas gelangweilt schaut er sich um, schlürft Quellwasser, das tatsächlich herrlich frisch schmeckt. „Mit meinen Freunden mache ich regelmäßig mehrtägige Wanderungen durch den Urwald. Dann gehen wir dorthin, wo keiner ist und suchen nach neuen Trekkingwegen“. Die Ergänzung, dass diese Ausflüge bis zu 14 Stunden dauern macht klar, dass der Aufstieg zum Boiling Lake eigentlich ein Sonntagsspaziergang ist.

Immer dabei bei diesen Dschungel-Expeditionen sind GPS zur Orientierung und Machete, um einen Weg durch das Urwaldgestrüpp zu schlagen. Von der Effektivität des Werkzeugs zeugen drei Narben auf Bryants Beinen. „Sechs Stiche, vier Stiche, zwölf Stiche“, erläutert er ungerührt. „An dieser Stelle hat die Machete den Unterschenkel durchdrungen. Das passiert, wenn sich drei Leute durchs Gebüsch kämpfen.“ Auf die Frage, wie er den Weg zum Arzt geschafft hat, antwortet er mit erwarteter Lässigkeit: „Ich habe mit einem Tuch die Blutung gestoppt und bin talwärts gegangen. Das hat ein wenig geschmerzt, aber so schlimm war es nicht.“ Wenn es nur halb so schlimm ist, wie die Schmerzen in meinen Beinen, müssen es Höllenqualen gewesen sein.

Ständiger Begleiter ist der Mountain Whistler (Hörproben: hier oder hier.), zu Deutsch Bartklarino, dessen lang gezogene Pfeiftöne an eine schlecht geölte Tür erinnert. Er schickt seine Rufe in Moll durch den Wald und verfügt über eine Auswahl von über 70 Tönen. Dazwischen klingelt im Busch ein Mobiltelefon, das sich bei genauem Hinhören als singender Vogel entpuppt. Ansonsten ist es ruhig. Es gibt keine großen Säugetiere. Nur Agoutis treiben sich im Unterholz herum. Doch die sind so scheu, dass sie sich kaum bei Tageslicht zeigen. Gifttiere gibt es nicht in Dominica. Allerdings stehen in den wärmeren Regionen der Insel die Chancen gut, einer Dominicaboa – Boa constrictor nebulosa - zu begegnen. „Ich habe schon einige gesehen. Die längste war etwa zwölf Fuß (rund dreieinhalb Meter) lang.“ Ein bisschen Wandererlatein verleiht der Geschichte Würze. Die Dominicaboa wird tatsächlich selten länger als zweieinhalb Meter.

Dann tut sich im Nebel ein Tal auf. Das „Valley of desolation“. In der Senke liegt offen, was die Erde sonst unter ihrer zarten Kruste verbirgt. Es zischt, blubbert und gurgelt. Heiße Quellen spucken kochendes Wasser aus ihren Rachen. Das Gestein spielt alle Nuancen von Weiß, Grau, Gelb, Grün, Orange und Rot. Hier furzt die Erde ungeniert ihre schwefeligen Gase an die Oberfläche und speit schwarzen Schlamm. Ungelöste Mineralien färben das Wasser, und die dampfenden Bächlein sehen aus wie warme Milch. Es stinkt erbarmungslos.

Das Gefühl, auf einem vulkanisch aktiven Flecken Erde zu stehen ist beunruhigend. Die Stimmung wird durch die durchziehenden Nebelschwaden vom nahen Boiling Lake noch unheimlicher. Hierher sollten sich Touristen keinesfalls ohne Führer wagen. Vor einigen Jahren ist ein französischer Wanderer, der auf eigene Faust das Tal erkunden wollte, in einem der Krater eingebrochen und hat schwerste Verbrennungen davongetragen. „Die Menschen sind unvernünftig. Dieses Tal kann sich von einem Tag auf den anderen völlig verändern. Platten, die stabil aussehen, sind es nicht und die Gefahr, auf eine Hohlraum zu treten ist groß“, macht Bryant seinem Ärger Luft. Eine Bergung in diesem unwegsamen Gelände ist aufwändig und schwierig.

Der restliche Weg bis zum kochenden See, der auf 800 Metern Höhe liegt, ist ein Kampf gegen Müdigkeit und Muskelschmerzen. Wir rutschen höchst unelegant über das von Schwefel gelb gefärbte Geröll und krallen uns an den feuchten Felsen fest. Bryant, die Dampfmaschine, hält ihren Rhythmus – eins, zwei, eins, zwei. Er erteilt Anweisungen zur Flussüberquerung und gibt den Weg über die glitschigen Steine vor. Dann tut sich endlich das Loch im Boden auf. Der Anblick der brodelnden Suppe im Kessel des eingestürzten Kraters entschädigt für die Strapazen – zumindest bis zum Antritt des Rückwegs. Durch die geschwächten Muskeln werden die Tritte unsicherer und die Gefahr, umzuknicken oder zu stolpern wächst. Die Schönheit der Natur interessiert schon lange nicht mehr. Nur kein falscher Tritt! Bei Ankunft im Tal verteilt Bryant Lob und Anerkennung. Sieben Stunden sind keine schlechte Zeit. Allerdings schafft er es allein in fünf Stunden, fügt er hinzu. Aber jetzt muss er sich beeilen, sein Freund wartet mit dem Fußball auf ihn.

Die unzählbaren Stufen des Boiling Lake-Tracks fressen sich auf Tage in die Waden. Auch wenn ein anschließendes Bad ein einem „Sulfurspring“ etwas Linderung verschafft. Die warmen Schwefelquellen gibt es überall im Tal und ein Besuch nach der Wanderung ist dringend zu empfehlen. Bei 40 ° Wassertemperatur entspannen sich die flackernden Muskeln, wodurch schlimmere Folgen vermieden werden. Trotzdem erinnert in den folgenden drei Tagen jeder steife Schritt an den Aufstieg und der Schwefelgeruch bleibt noch für Stunden in der Nase. (Mirjam Harmtodt/DER STANDARD/RONDO/20.6.2008)

Zur Ansichtssache: Auffallend untouristisch
Dominica fällt auf - positiv. Die Antillen-Insel ist noch immer touristisches Neuland und ein Naturparadies

Infos:
Führer können vor Ort in Hotels gebucht werden bzw. werden in den Hotels in Dominica geführte Wanderungen angeboten.

Anreise:
Mit Condor von Wien nach Antigua und weiter mit liat nach Dominica.

Veranstalter:
Sunny Islands bietet verschiedene Pakete an, unter anderem auch Insel-Hopping. Radetzkystraße 10
, 1030 Wien
 
Tel: +43-1-712 47 47
, Fax: +43-1-713 40 41
 E-Mail: office@sunnyislands.at

Informationen:
Tourismusamt Dominica
Josh Dos Santos
01
19.6.2008, 17:15
Naja...

... die Wanderung zur Boiling Lake ist sicher kein Sonntagsspaziergang, aber so arg wie da beschrieben ist's sicher nicht. Besser (bei Vorsicht) geht's ohne Führer, was den Vorteil hat, dass man sich nicht treiben lassen muss. Der Ausflug und die fantastische Landschaft sind nämlich einen ganzen Tag wert, die Führer wollen es aber in nur 3 oder 4 Stunden abwickeln. Da bleibt auch nur wenig Zeit für's beschriebene Bad in den heißen Quellen. Für die Anreise empfehle ich eher den Weg via Paris & Guadeloupe oder Martinque und dann per Schnellboot. Dominica ist jedenfalls ein beeindruckendes Reiseziel. Kein intern. Flughafen, daher wenig Touristen - eine der ursprünglichsten Karibikinseln. Aber Vorsicht: karibische Sandstrände sind Mangelware!

wolfman64
00
Zweimal habe ich den Aufstieg zum Lake gemacht

...und keiner der Führer hat mich getrieben. Ich finde, dass es gut ist, einen Local als Guide zu nehmen, denn die Menschen in Dominica brauchen das Geld. Ich teile die Meinung von Dos Santos jedenfalls nicht.....abgesehen davon, war ich auch im warmen Fluss baden....beide Male.......aber die Standard-Poster wissen es halt einfach immer besser........

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