Chinas "Vater der Chirurgie" Qiu Fazu, der am Samstag gestorben ist, rettete einst auch Juden aus dem KZ Dachau
In Bad Tölz nannten sie ihn den "unermüdlichen chinesischen Wunderarzt". Das war vor fast 65 Jahren in Deutschland unter Hitler, als der chinesische Chirurg Qiu Fazu in der Endphase des Zweiten Weltkrieges nach der Bombardierung Münchens das Tölzer Behelfskrankenhaus als Chefarzt leiten durfte. Tag und Nacht rettete er Deutschen das Leben. "Drei bis vier deutsche Bombenopfer und andere Fälle musste ich damals täglich operieren", erinnerte er sich Jahrzehnte später im fernen China. Da war er Ehrenrektor der chinesisch-deutschen Medizinhochschule Tongji in Wuhan und Mentor des chinesisch-deutschen Medizinaustausches. Von Bundespräsident Richard von Weizsäcker erhielt Qiu 1985 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Auf diese Auszeichnung war er ebenso stolz wie auf die Prüfungsurkunde der Münchner Ludwig Maximilians-Universität, die er trotz seines wildbewegten Lebens unbeschädigt bewahren konnte. Die Pergamentrolle vom November 1939 bescheinigte dem Humboldt-Stipendiaten aus China, alle Prüfungen mit Auszeichnung bestanden zu haben, um nach deutschen Anforderungen den Arztberuf ausüben zu dürfen.
Am Samstag starb der Deutschland eng verbundene, in China von zehntausenden Ärzten als ihr Lehrer und "Vater der chinesischen Chirurgie" verehrte Qiu Fazu in Wuhan im Alter von 94 Jahren. In der Woche davor hatte er sich noch um Erdbebenopfer aus dem fernen Sichuan gekümmert.
Bei menschlichem Leid konnte der couragierte Arzt nie wegschauen. Unter hohem persönlichen Risiko rettete er in Nazi-Deutschland Juden das Leben. Im April 1945 wurden Insassen des KZs Dachau vor den anrückenden Amerikanern in einem Elendszug weggebracht, der in die Geschichte als Todesmarsch von Dachau einging. Qiu Fazu intervenierte, als eine der durch Bad Tölz getriebenen Gruppen Rast vor dem Spital machte.
Er nahm all seinen Mut zusammen, erinnerte er sich später, und ging, begleitet von einer resolut wirkenden deutschen Oberschwester, auf die Gruppe zu. Die KZ-Wächter und Soldaten sahen "überrascht einen Chinesen in deutscher Chefarzt-Kleidung, der sie in perfektem Plattdeutsch anherrschte: Ihre Häftlinge haben Typhus. Die müssen wir sofort mitnehmen." Qiu durfte die "ausgezehrten Jammergestalten" in sein Krankenhaus holen. Er versteckte sie bis Kriegsende im Keller und pflegte sie gesund. Seine deutschen Kollegen hielten den Mund und halfen ihm ebenso wie die Münchner Schwesternschülerin Loni, die er 1945 heiratete.
Ins Landesinnere verlegt
Von da an hielt das Ehepaar durch alle Schwierigkeiten zusammen. Loni Qiu, die mit 85 Jahren ihren Mann nun überlebt hat, folgte ihm nach dem Krieg 1946 zuerst nach Shanghai und dann mit inzwischen drei Kindern in die Jangtse-Stadt Wuhan. Die gesamte Abteilung Medizin aus der einst deutschen Gründungsuniversität Tongji wurde von Shanghai tief ins verschlossene Inland ausgelagert. Aus Liebe zu Qiu ließ sich die Münchnerin, die in Wuhan das Zentrum für die deutsche Sprache leitete, 1958 in China einbürgern. Der damalige Premier Zhou Enlai stellte persönlich die Urkunde aus.
Von den Nöten in den 1960er-Jahren und der Kulturrevolution, die den Chirurgen Qiu zwang, Putzdienste zu leisten, ließ sich die Familie nicht unterkriegen. Qiu wurde danach zum Akademierat ernannt, begründete die Transplantationsmedizin seines Landes, schrieb die wichtigsten chirurgischen Standardwerke und Enzyklopädien Chinas. Er kurbelte zugleich den Medizin- und Hochschulaustausch mit Deutschland an. Hunderte deutsche Medizinstudenten haben in Wuhan seit 1985 ein Praktikum absolviert. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2008)