Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse
Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem. Ich sitze am Montag da und habe keine Ahnung, wie das Abendspiel gegen Deutschland ausgehen wird. Aber Dienstag, wenn diese Kolumne erscheint, will kein Mensch über was anderes lesen, als über unser Schlüsselmatch. Eine nahezu unlösbare Aufgabe, die nur drei Auswege offen lässt:
Ich setze darauf, dass Österreich am Montagabend gewinnt und schreibe: Es war klar, dass wir aufsteigen. Die Deutschen cordobieren wir in Entscheidungsspielen grundsätzlich weg, Polen war in dem Moment verloren, als unsere Helden in die Gruppe gelost wurden, und die Kroaten wollten wir einfach gewinnen lassen, damit wir uns die netten Feiern in der Wiener Ottakringer Straße anschauen konnten. Jetzt putzen wir die Portugiesen und sind praktisch irgendwie schon im Finale. Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich.
In der zweiten Variante setze ich auf ein Ausscheiden der Österreicher und schreibe: Wer konnte anderes erwarten? Seien wir froh, dass wir mit dieser Truppe überhaupt einen Punkt (alternativ zwei oder vier Punkte) erreicht haben. Die Deutschen gijonieren uns in Entscheidungsspielen grundsätzlich weg, Polen war noch nie verloren, schon gar nicht, als wir in die Gruppe gelost wurden, und die Kroaten haben unsere jungen Kicker durch die vielen Karos auf den Leiberln ihrer Fans vollkommen verwirrt. Jetzt hoffen wir nur, dass sie sich ins Finale würfeln, damit wir auf der Ottakringer Straße was zum Schauen haben.
Oder, die dritte Alternative - ich lasse mich auf gar nichts ein und schreibe einen unverdächtigen Text: Am Platz des Post SV in Wien-Hernals schaut Cristiano Ronaldo auf die trainierenden Kinder hinunter. Ein Plakat des Helden aller Kicker, von den Miniknaben bis zu den pubertierenden Halbwüchsigen, ziert die Seitenwand des Männerklos. Unten auf der Wiese übt die U7, eine superstarke Truppe, bei der auch mein lieber Enkel Paul mitkickt. Noch sind sie nicht ganz so weit wie ihr Vorbild, aber es wird schon.
Wenn Manfred, der Trainer, ihnen in den nächsten Jahren beibringen kann, dass nicht alle gleichzeitig zum Ball laufen sollen (Stichwort: Rudelfußball), und sie fleißig die Übersteiger erlernen, die Gurken und was es sonst noch alles im Repertoire ihres Helden gibt, kann überhaupt nichts mehr schief gehen. Dann schlagen wir in exakt zwanzig Jahren die Deutschen, die Polen und die Kroaten wie nichts, und schießen im Finale die Portugiesen weg, auch wenn sie von Cristiano Ronaldo trainiert werden. (Von Peter Menasse, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 17. Juni 2008)
Zur Person:
Peter Menasse ist Kommunikationsberater in Wien und Chefredakteur des Magazins NU.
www.nunu.at