Seit die Schweizer Nati den frühestmöglichen Abschied geschafft hat, gelten Österreich und sein Team als Herzbinkerl und Umsatzbringer
"Wir solidarisieren uns mit Österreich." Johan arbeitet bei der Bahn und an seinem Frust. Die Präzision der Zugverbindungen und die Schlamperei der Passverbindungen verlangen den ganzen Mann. Das Pub in Sissach hat keinen Burger, das Guinness kommt aus der Dose, Stephan trägt einen Frauenrock, gelbe Brillen, eine gelbe Schwedenperücke. Der Punk des Ortes heizt seinen Ofen gegen die unjahreszeitliche Kälte. Der Raum neben dem Gastzimmer ist mit Verstärkern und Schlagzeug vollgeräumt, Diego kämpft an der Bar mit einer Marienerscheinung, und die Österreicher vergeben eine Chance nach der anderen.
Der Österreicher enttarnt sich mit einem "Seidl", Stephan gratuliert ihm leuchtenden Auges: "Ihr spielt viel besser als wir." Das sei nicht schwer, will der Österreicher schon erwidern. Doch angeschlagene Schweizer sind gefährlich, und der Weg zum Ausgang führt durch finsteres Feindgebiet.
Die Schweizer aber sind milde und dankbar. Nach dem 1:2 der "Nati" gegen die Türken, dem 1:1-Sieg Österreichs über Polen nahm die EURO-Partnerschaft brüderliche Züge an. Falls die Österreicher heute die Deutschen aussortieren, würde eine Einladung aus Wien, das zehnte Bundesland zu werden, im Schweizer Bundesrat auf Wohlwollen stoßen.
Sie können jede Hilfe brauchen. Toni Polster kommentiert im Zweiten Schweizer Fernsehen, der Milliardär und Populist Christoph Blocher musste einsehen, dass nicht einmal sein Geldspeicher die SVP vor Lächerlichkeit und Spaltung bewahren konnte, und fünf Soldaten sind gestorben. Beim Rafting.
"Das geht so nicht, da muss mehr kommen", radebrecht Polster aus dem Schirm, während die Polen die Österreicher schön langsam unterdrücken.
Im Nebenzimmer stimmt der Gitarrist die Halbakustische. Tranquillo mit den schwarzen Brillen stellt ein Bier vor den Österreicher auf die Theke. Er spricht Schwyzerdütsch, das klingt wie "Wir sind Europameister in der Gastfreundschaft", und schüttelt dem Gast die Hand. "Auf diesem Gras gewinnen wir", titelte ein Magazin. "Danke Roger Federer." Wenn der Leidensdruck zu groß wird, findet sich sogar im leistungstrunkenen Calvinismus Raum für Selbstironie. Diese Tage sind kalt-warm. Bern erstickt jedes Mal in Holländern, wenn sie dort geigen. In Zürich, Bern und Basel sammeln sich wütende, um ihre Existenz kämpfende Wirte, die gegen die Abzocke und die überhöhten Versprechungen der UEFA-Konzessionsvergeber klagen wollen.
Die Polen schießen den Österreichern das 1:0, "das muss der Schiedsrichter sehen", stammelt Polster und meint den Elfer, den der Schiri nicht gesehen hat. Die EU-Niederlage in Irland ging den Schweizern am Börsel vorbei, der Untergang des ÖFB-Teams hätte ihnen endgültig die Hoffnung geraubt. "Ivanschitz ist kein Kapitän, er war mit 18 besser als jetzt", faselt Polster in das TV-Mikrophon, "er muss schon längst Ivica Vastic bringen, das ist der beste Fußballer in Österreich." Ein übereifriger Pole zerrt Sebastian Prödl im Strafraum zu Boden. Im TV-Studio sitzt Berti Vogts, das deutsche Nationaltrikot spannt um die Leibesmitte. Der Elfmeter, den Vastic zum 1:1 verwandelt, macht ihn unglücklich, "weil es überall vorkommt, dass ein Spieler am Leiberl gezogen wird". Das Pub pfeift Berti aus, Valon, der Schlagzeuger, klettert auf sein Stockerl, "eins, zwei, drei, vier", The Swag, Link Wray. Hup Schwyz.
Sekundenbruchteile
"Willst du auch eine Pizza?" Er heißt Gelson und holt Essen.
"Nein danke, ich habe vorher was gegessen."
"Ach so?"
"Ja, in Basel, am Bahnhof."
Und dann passiert in der letzten Sekunde, bevor der Abend losgeht, das. Vielleicht wegen Link Wray, wegen dieser schönen nussbraunen Heritage, wegen der authentischen Schmalzlocke des Bassisten (wie stets der coolste Typ der Kapelle), oder einfach aus Freude über das 1:1.
Für Sekundenbruchteile passt er nicht auf, wie die Polen oder die Schweden (David Villa ist ein Pfeil) oder dieser idiotische griechische Tormann, und plappert einfach vor sich hin.
"Einen Döner." (Johann Skoeck aus Basel; DER STANDARD Printausgabe 16. Juni 2008)