Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg
Erschlagen von zu viel davor, wünsche ich mir nur mehr, dass es ein Danach gäbe, irgendwann, auch wenn ich es nicht mehr erlebe. Die EURO-Vorbereitungen dauerten 29 Jahre, und wann immer ich in den letzten Tagen lustige Trams, drollige Verpackungen, Fahnen, Fanzonen und Bälle sah, begannen meine Augen zu rollen, und Speichel troff mir aus dem Mund, ist ja schon gut, wir kaufen den ganzen Scheiß, wir gehen da hin, wir pissen im Stehen, aber bitte, bitte hört auf mit der Dauerbelustigung, den Fanfaren, den Dekorationen, den Zahnbürsten mit Schweizerkreuz - ich kann nicht mehr, murmelte ich irre. "Wasserfolter" fällt mir da unzusammenhängend ein.
Träge Regenwolken über Zürich, Juni. Normal. Keine Ahnung, wie es in Basel aussieht, Freunde die dort wohnen, antworten nicht auf Sms, sie sind vermutlich tot. Art Basel und EURO-Start. Das letzte Lifting war eines zu viel, fällt mir da unzusammenhängend ein. Nach Basel kommt keiner. Die Straßen sind vermutlich mit Panzersperren blockiert, die Luftwege abgeschottet. Also Zürich. Ist ja auch wer. Hochsicherheitstrakt Fanzone. Sky Lounge. Alles so schick, als wäre es ein entmietetes Haus in der Zürcher Innenstadt, wo Architekten, die des Teufels sind, einen Glaskasten mit den immer selben bescheuerten Küchen mit Granitboden auf die Grundmauern alter Schweizer Villen geflanscht haben. Todesstrafe fällt mir da, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, ein.
Es gibt durchaus Damen unter den Zusehern, aber deutlich mehr Herren. Geschlechtsverkehr fällt mir ein. Auch unzusammenhängend. Alle sehen aus wie chinesische Touristen in einem Reisebus. Nur ohne Chinesisch. Stimmung prima, wie bei einem Fußballspiel, auch wenn es nur Leinwand ist, die nicht einmal mehr Leinwand ist, sondern Monitor. Dann fängt das Spiel an.
Es geht nicht um Resultate. Im Fußball nicht, bei der EURO schon gar nicht. Das eine ist Geld machen, das andere die Sau rauslassen, sich geborgen fühlen wie im Bauch eines Walfisches, einen einzigen riesen Mund haben und aus dem singen. Ein großes heterosexuelles gleichgeschlechtliches Kuscheln, ein permanentes kameradschaftliches Urinieren, Bier trinken, selbst wenn man Bier nicht mag, und viele, viele neue Freunde finden. Der Mensch reduziert auf die niedrigsten Instinkte, auf Trauer, Hass, Glück, Liebe und Harndrang.
Und ist es nicht auch rührend, sich selber zu beobachten, wie einem die Tränen kommen, einfach weil Menschsein mitunter auch unbedingt niedlich und rührend ist, weil wir jubeln wollen, uns in den Armen liegen oder auch starr vor Entsetzen sein wollen. Und Schafsherde, fällt mir völlig ohne Zusammenhang ein. (Sibylle Berg; DER STANDARD Printausgabe 16. Juni 2008)