Das Match um das letzte Pickerl

Redaktion, 15. Juni 2008, 19:22

Auf den Tauschbörsen wird um die einzelnen Spieler gekämpft. Das Ziel: Bis zum Ende der EURO soll das Panini-Heft komplett sein

Graz/Linz - Die alte Dame, sie dürfte schon auf die 80 zugehen, sitzt im Schneidersitz am Gehsteigrand und richtet die dicke, schwarzumrandete Brille zurecht: "Wos brauchen S'? Die 480er?" Sie nestelt am Pickerlpackerl, das sie mit einem Gummiringerl umwickelt hat, und tatsächlich: die 480er, Philipp Lahm, Kategorie: "in Action". Jetzt fehlt nur noch der verdammte 205-Sticker, das letzte untere Viertel des deutschen Mannschaftsbildes.

Aber der Nachmittag ist ja noch lang hinter dem Grazer Kunsthaus, wo das Café Central seit Wochen an Samstagen und Sonntagen Panini-Tauschbörsen organisiert. Für wenige Stunden breitet sich auf dem Kunstareal ein kleiner friedlicher Mikrokosmos aus.

United Colours of Panini

Der kleine dunkelhäutige Volksschüler tauscht mit dem Generaldirektor, die Oma versucht sich dem ausländischen Studenten verständlich zu machen; Friseurinnen, Studentinnen, supercoole Typen, Autonome, Freaks, Eilige, Zittrige, Kinder im Rollstuhl, Businessladys, Bierbäuchige: Alle erfasst dieses seltsame, in der Sozialpsychologie ausführlich beschriebene, Gruppengefühl. Ohne darüber nachzudenken, ist für alle selbstverständlich: Kommunikationsbasis ist das Du, das Handelsgesetz Fairtrade.

Jeder hat sein System mitgebracht. Der eine kommt mit dem Computerauszug: Nummern, Spieler, Land, Position sind exakt notiert. Sein Tauschpartner ist völlig unorganisiert. Er reicht das acht Zentimeter dicke ungeordnete Packerl wortlos hinüber.

Nach einer Stunde ist die EURO gerettet. Sohn Dorian ballt die Faust und schiebt den Unterarm triumphierend hoch: "Ja!" - und blickt voll Mitleid in Richtung väterliches Album. Dort klafft noch immer die eine letzte Lücke: dieser verdammte 205er-Sticker.

Wäre es bei Jan doch bloß nur der 205er, der ihm zum Glück noch fehlt. 290 eingeklebte Fußballbildchen zu 119 doppelten lautet der aktuelle Stand. Sein Taschengeld, das wegen der Sammlerei von 50 auf 60 Cent pro Woche - so viel kostet ein Panini-Sackerl mit fünf Aufklebern - erhöht wurde, reicht freilich nicht annähernd aus, um das Album wenigstens bis zum Ende der EURO noch voll zu bekommen. Also steigen Mutter und Sohn aus Enns zu guter Letzt auch noch in das Tauschgeschäft mit Fußballpickerln ein.

Beim Freibad hatten sie ein Plakat für die Börse im benachbarten Hargelsberg hängen gesehen: Pickerl-Tausch, jeden Freitag von 17 bis 18 Uhr im Sportlerheim. Um kurz nach fünf stehen Mutter und Sohn in der Eingangstür. Der Handel floriert bereits, ein Vater, der die leicht hilflosen Blicke der Neueinsteiger bemerkt, winkt sie gleich zu sich. "Kommt, wir tauschen."

Das erste Geschäft verläuft vielversprechend. 22 Doppelte auf einen Schlag weggetauscht, neun Gesuchte bekommen. Die Differenz von 13 Stickern wird ausbezahlt, zehn Cent pro Stück.

Das mühsame Durchsuchen der Zahlen wird den Kindern schnell zu fad, und sie gehen zum Kicken auf den Fußballplatz. Mütter, Väter, Omas und Opas verbleiben im Auftrag der Kinder und Enkelkinder und blättern die mehr oder weniger dicken Stapel Doppelter der anderen durch.

Nach eineinhalb Stunden Abgleich zwischen Stickern und Zetteln ist es bei Jans Mutter mit der Konzentration vorbei. Der Sohn will ohnehin nach Hause, es hat zu nieseln begonnen. Für das "erste Mal" findet Jan anerkennende Worte: "402 zu 74, das hat's gebracht." (Walter Müller, Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe 16. Juni 2008)

derjakob_
01
16.6.2008, 16:43
falsch

es muss heißen:
bis zum Anfang der EURO soll das Panini-Heft komplett sein

nur mehr österreich
00
16.6.2008, 00:56
bin schon lang fertig

ich sag nur:

stickermanager.com

und fertig.

Easy Rawlins
00
16.6.2008, 12:36

Unsportlich ;)

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