Mit dem verwandelten Elfer von Ivica Vastic war klar: Jetzt ist die EURO in Wien angekommen
. Am Tag, nachdem sie sich vom zweiten Gastgeber verabschiedet hat, mussten die Wiener Wirte ihre bisherige Lieblingsbeschäftigung einstellen, weil sie so beschäftigt waren, dass zum Jammern keine Zeit mehr war.
Erstmals war die Fanzone voll, die umliegenden TV-Lokale desgleichen. Österreicher, Polen und Kroaten feierten lautstark und weitgehend freundlich.
Gut, Deutscher wollte an diesem Abend keiner sein. Kaum ging einer vorbei, schallte es vielkehlig: "Schalala lala - Wien wird Córdoba - Schalala lalala." Und im Fall einer Nichtreaktion folgte der definitive Schlachtgesang: "Alle fahr'n nach Basel, nur die Deutschen nicht, die Deutschen nicht, die Deutschen nicht." Kein Mensch hat so etwas, so einen kollektiven Gefühlsaufbruch erwarten dürfen.
Hinweise auf die Wirklichkeit stören in so einem Fall. Dass das österreichische Team eine Chance nach der anderen versemmelte, dass das österreichische Team das obligat dumme Gegentor einfing - das alles zählte und zählt nichts angesichts der offenbar von Roman Polanski inspirierten Dramaturgie.
Ganz am Ende des Spiels, nach ungeheurer Turbulenz, nach tiefer Enttäuschung, nach beleidigter - und beleidigender - Resignation fiel die Mucksmäuschenstille über das Land. In die hinein lief der alte Mann. Und holte sie ins Leben, jene Mär, an die zu glauben sich alle schon untersagt hatten.
Natürlich ist Österreich längst noch nicht im Basler Viertelfinale. Aber allein die Möglichkeit, über die deutschen Favoriten dorthin zu gelangen, elektrisiert die Nation von der Fuß- bis in die Haarspitze - weil es so unerwartet kam.
Der Mann, dem dies gelang, heißt Josef Hickersberger. Einer, dessen ironische, zuweilen sarkastische Weise, die sich mit einer ganz ungekranklten Besonnenheit mischt, nicht jedermanns Sache war. War. "Times they are a-chanchin'." Oder, so Dylan auf Fußballerisch: "So schnell kann's gehen."
Auch Ivica Vastic gilt, so wie Josef Hickersberger, nicht unbedingt als medienwirksamer Hutschenschleuderer, als Leidenschaftstiger, der mit der Hand am Herzen sogar schlafen gehen würde.
Beide aber haben dem Team genau diese Qualität verliehen. Österreichs Kickern zuzuschauen - das ist manchmal richtig geil geworden. Das ist das wirklich Neue. Selbst der Süddeutschen Zeitung ist es aufgefallen: "Leidenschaft ist Austrias größter Trumpf." (Wolfgang Weisgram; DER STANDARD Printausgabe 14. Juni 2008)