Sommermärchen

Redaktion, 14. Juni 2008, 14:13

Es war einmal in einem Land der grantigen Zwerge und mieselsüchtigen Riesenherzen...

Es war einmal in einem Land der grantigen Zwerge und mieselsüchtigen Riesenherzen, als ein sturer Ziegenbock beschloss, mit seinen Geißlein in den Krieg zu ziehen, um das Land von einem schauderlichen Fluche zu erlösen, der die Menschen seit dreißig Jahren lähmte.

Niemand konnte die verwegenen Streiter aufhalten, nicht einmal die Vorstellung, dass sie gegen Dreipolen und einen feuerspeienden Drachen im karierten Bergsteigerhemd würden kämpfen müssen, ihnen ein niederträchtig niederländischer Gott der Gerechtigkeit nicht wohlgesonnen war, sich ihnen ein anderer nieder- ländischer Beinhacker samt brasilianischer Wunderwaffe und schlesischer Kampfglatze entgegenstemmen würde. Ja nicht einmal die Verhöhnung der alten FAZ-Hexe als Sparkassenzweigstellenleiter konnte den starrsinnigen Ziegenbock zur Besinnung bringen. Er trainierte seine Geißlein und redete so lange auf sie ein, bis sie alle glaubten, ein Wolfsrudel zu sein.

Das Land aber ergab sich seinem Schicksal und rechnete mit einer großen Not. Um sich auf die drohende Verheerung einzustimmen, schrieb man "Lass die EURO raus" auf alle Wände, womit man vor den unverschämten Preisen in Kriegszeiten warnte. Und da die Zwerge und Riesenherzen fatalistisch und leicht größenwahnsinnig waren, brüllten sie den Geißlein auch noch "Vorwärts, Angriff!" hinterher.

Ein reicher Bierbrauer versprach jedem Geißlein, das dem Gegner ans Bein pinkelte, Bier bis ans Lebensende. Der trotzige Ziegenbock aber ließ sich nicht beirren, verlangte Disziplin und marschierte samt seiner Herde in den Krieg. Da wurden ihnen die Beine und Köpfe abgeschossen. Und wenn sich eines der Geißlein im Irrglauben, ein Wolf zu sein, bis zu den gegnerischen Linien durchbiss, versagten ihm die Nerven. Die Zwerge und Riesenherzen riefen dem Ziegenbock zu, er solle doch die schnellsten und stärksten Geißlein an die Front schicken. Aber der starrköpfige Bock reagierte nicht. So schoss man ihnen weiter die Beine und Köpfe weg.

Und als schon alles nach Gemetzel aussah, nach Massaker und Untergang, geschah im allerletzten Augenblick das Wunder Leiberlzupfen. Ein alter Geysir brach aus, und die Niederlage ward verhindert, aufgeschoben, denn der gefährlichste Gegner kam ja erst, der große Piefkinesenlöwe, der "au" sagte, wenn er "auch" meinte. Er war es au, nein auch, der den dreißigjährigen Fluch verkörperte. Und abermals brüllte das Land um Angriff ohne Rücksicht auf Verluste, und wieder stellte sich der Ziegenbock taub wie ein nasses Holzscheit. Und wieder sollte er recht behalten. Oder nicht? (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 14. Juni 2008)

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Kommentar posten
12 Postings
byron sully
00
15.6.2008, 15:24
:-)))

danke!

Gilgamesch
00
14.6.2008, 14:40

der text ist nett. nur sehe ich das schon ein wenig anders. tore schießen kan der hicke nicht. und chancen haben sie ja en masse generiert. also kann die aufstellung nicht so schlecht gewesen sein.
hoffer statt linz wäre aber sicher kein fehler.

Muni
00
14.6.2008, 13:26
:-))

Franz Moser
00
14.6.2008, 13:23
danke franz

sehr gelacht

Ahnungs Loser
72
14.6.2008, 10:27
schade

dass hier im forum jeder prolo seine meinung zum text eines literaten abgeben kann... anscheinend ist nicht mal das standard-klientel sehr hoch einzuschätzen, was bildung betrifft.

Herr Ärmel
01
16.6.2008, 13:32

1) Sie sollten einen Eignungstest für Poster entwerfen, Sie sind der richtige Mann dafür! (Weil Sie "Prolo" sagen: Ab welchem Beruf darf man sich denn melden? Und gehts auch, wenn man dreckig ist von der Arbeit oder gilt das dann nicht?)

2) Schreiben Sie, bitte, auch gleich einen Eignungstest für Literaten, nämlich, wer einer ist und im Standard schreiben darf und wer nicht, weil sonst kommt man noch durcheinander. (Am Ende schreibt noch ein Prolo einen Text und ein Literat kritisiert ihn...!)

[3) Franzobels Text ist sehr fein diesmal]

Das Indernett
00
15.6.2008, 05:18

Naja ich bin schon froh, dass jeder seine meinung in einem Forum abgeben kann (siehe China-daily verweis).

Allerdings stimme ich Ihnen zu, dass es zeigt wie Franzobel weitgehend missverstanden wird.
Ich mag seine Texte, es lehnt ein wenig an Torberg's sportgeschichten ueber das Fussballteam in den 50ern. Und wer weiss, vielleicht haben wir ja wieder so etwas wie ein wunderteam im entstehen. Montag abend werden wir's wissen.

athene
00
14.6.2008, 21:55
och, der standard.at ist da hinkt sogar bisschen

hinterher. der orf-on ist viel demokratischer, da werden die autoren sogar in die foren genommen.

athene
00
14.6.2008, 21:54
das grüne ist von mir,

ich wollte eigentlich rot posten. es gibt sogar literaten, die oberprolos sind.

Spirogyra
00
14.6.2008, 18:37
wieso schade?

Hier im Forum, bzw. obendrüber, kann ja auch jeder Literat seine Meinung zur EM abgeben. Wer heißen Wind sät... :>

Ziemlich leichter Stessa
00
14.6.2008, 15:57

Vielleicht sollten Sie dann auf "China Daily" umsteigen, wenn Ihnen dieser Zugang gegen den Strich geht?

harakiri
00
14.6.2008, 01:34
???

Also um die Zeit und in diesem Zustand versteh ich das nicht mehr... Oder hat das eh nicht viel Sinn?

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