Es war einmal in einem Land der grantigen Zwerge und mieselsüchtigen Riesenherzen...
Es war einmal in einem Land der grantigen Zwerge und mieselsüchtigen Riesenherzen, als ein sturer Ziegenbock beschloss, mit seinen Geißlein in den Krieg zu ziehen, um das Land von einem schauderlichen Fluche zu erlösen, der die Menschen seit dreißig Jahren lähmte.
Niemand konnte die verwegenen Streiter aufhalten, nicht einmal die Vorstellung, dass sie gegen Dreipolen und einen feuerspeienden Drachen im karierten Bergsteigerhemd würden kämpfen müssen, ihnen ein niederträchtig niederländischer Gott der Gerechtigkeit nicht wohlgesonnen war, sich ihnen ein anderer nieder- ländischer Beinhacker samt brasilianischer Wunderwaffe und schlesischer Kampfglatze entgegenstemmen würde. Ja nicht einmal die Verhöhnung der alten FAZ-Hexe als Sparkassenzweigstellenleiter konnte den starrsinnigen Ziegenbock zur Besinnung bringen. Er trainierte seine Geißlein und redete so lange auf sie ein, bis sie alle glaubten, ein Wolfsrudel zu sein.
Das Land aber ergab sich seinem Schicksal und rechnete mit einer großen Not. Um sich auf die drohende Verheerung einzustimmen, schrieb man "Lass die EURO raus" auf alle Wände, womit man vor den unverschämten Preisen in Kriegszeiten warnte. Und da die Zwerge und Riesenherzen fatalistisch und leicht größenwahnsinnig waren, brüllten sie den Geißlein auch noch "Vorwärts, Angriff!" hinterher.
Ein reicher Bierbrauer versprach jedem Geißlein, das dem Gegner ans Bein pinkelte, Bier bis ans Lebensende. Der trotzige Ziegenbock aber ließ sich nicht beirren, verlangte Disziplin und marschierte samt seiner Herde in den Krieg. Da wurden ihnen die Beine und Köpfe abgeschossen. Und wenn sich eines der Geißlein im Irrglauben, ein Wolf zu sein, bis zu den gegnerischen Linien durchbiss, versagten ihm die Nerven. Die Zwerge und Riesenherzen riefen dem Ziegenbock zu, er solle doch die schnellsten und stärksten Geißlein an die Front schicken. Aber der starrköpfige Bock reagierte nicht. So schoss man ihnen weiter die Beine und Köpfe weg.
Und als schon alles nach Gemetzel aussah, nach Massaker und Untergang, geschah im allerletzten Augenblick das Wunder Leiberlzupfen. Ein alter Geysir brach aus, und die Niederlage ward verhindert, aufgeschoben, denn der gefährlichste Gegner kam ja erst, der große Piefkinesenlöwe, der "au" sagte, wenn er "auch" meinte. Er war es au, nein auch, der den dreißigjährigen Fluch verkörperte. Und abermals brüllte das Land um Angriff ohne Rücksicht auf Verluste, und wieder stellte sich der Ziegenbock taub wie ein nasses Holzscheit. Und wieder sollte er recht behalten. Oder nicht? (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 14. Juni 2008)