Auch blinde Flecken und eine planvolle Kooperation der Generationen kommen zum Vorschein - eine Netzwerkanalyse
Die Analyse der wichtigsten drei Passversuche der Österreicher im Spiel gegen Polen lässt zwei Beziehungsschwerpunkte erkennen: die Querverbindungen in der Viererkette und das vertikale Spiel auf die Spitzen bzw. die Flügelspieler.
Nimmt man beides zusammen, manifestiert sich darin die wachsende Ratlosigkeit im Aufbau und die daraus resultierende Hoch-nach-vorn-Tendenz im Passspiel.
Das Schnelligkeitspotenzial der Startaufstellung (Korkmaz, Leitgeb, Ivanschitz, Harnik) konnte nur in der ersten halben Stunde durch hohe Variationsfähigkeit Gefährlichkeit entfalten - mit der spielentscheidenden Einschränkung: der Ermangelung eines kompetenten Vollstreckers.
Die wohl aus Frust über das eigene Unvermögen resultierenden Einbahntendenzen wurden allenfalls durch punktuelle Diagonalität (Ivanschitz-Korkmaz, Korkmaz- Harnik) bzw. stabile spielerische Reziprozität (Garics-Ivanschitz, Leitgeb-Korkmaz) durchbrochen.
Zu oft jedoch blieb das vertikale Spiel an den engagierten, aber fehlerhaften Antreibern Ivanschitz, Leitgeb und Aufhauser hängen. Die gegen Kroatien noch tendenziell gefährliche Strategie, in der Spitze vor allem Harnik zu suchen, erwies sich diesmal als Sackgasse. Der zuweilen vor allem von Ivanschitz in aussichtsreicher Position übersehene Linz ließ sich oft weit zurückfallen und fehlte in der Folge in seinem angestammten Arbeitsbereich, dem Strafraum.
Erst durch die Einwechslungen von Vastic und Säumel wurde im Mittelfeld wieder eine Handschrift erkennbar: In ihren Impulsen und im Verbund mit Prödls offensiven Ausflügen in der Schlussphase kulminierte ein quasi generationenübergreifendes Bemühen um planvolles Attackieren. Helmut Neundlinger
MEISTE PÄSSE/PASSVERSUCHE
1. Garics-Ivanschitz 11
2. Prödl-Garics 10
3. Garics-Harnik 9
3. Korkmaz-Leitgeb 9
3. Stranzl-Pogatetz 9
3. Leitgeb-Korkmaz 9
7. Leitgeb-Harnik 8
7. Leitgeb-Pogatetz 8
7. Stranzl-Prödl 8
10. Pogatetz-Stranzl 7
10. Ivanschitz-Garics 7
10. Harnik-Linz 7
10. Pogatetz-Leitgeb 7
AM ÖFTESTEN ANGESPIELT
1. Harnik 55
2. Korkmaz 43
3. Linz 42
4. Leitgeb 38
5. Stranzl 37
6. Garics 36
7. Ivanschitz 33
8. Aufhauser 29
8. Prödl 29
10. Pogatetz 26
11. Kienast 17
11. Vastic 17
GABEN DIE MEISTEN PÄSSE
1. Garics 52
2. Stranzl 50
3. Leitgeb 47
4. Prödl 45
5. Pogatetz 42
6. Ivanschitz 32
7. Aufhauser 29
8. Korkmaz 27
9. Harnik 24
9. Macho 24
11. Vastic 17
SCHLÜSSELSPIELER*
1. Garics 88
2. Stranzl 87
3. Leitgeb 85
4. Harnik 79
5. Prödl 74
6. Korkmaz 70
7. Pogatetz 68
8. Ivanschitz 65
9. Aufhauser 58
10. Linz 57
11. Vastic 34
12. Macho 30
13. Kienast 22
14. Säumel 15
*Gegebene und angenommene Pässe
ERFOLGREICHE PÄSSE IN %
1. Korkmaz 92,59 (25 von 27)
2. Stranzl 86,00 (43 von 50)
3. Säumel 85,71 ( 6 von 7)
4. Leitgeb 85,11 (40 von 47)
5. Prödl 80,00 (36 von 45)
5. Kienast 80,00 ( 4 von 5)
7. Aufhauser 79,31 (23 von 29)
8. Garics 76,92 (40 von 52)
9. Linz 73,33 (11 von 15)
10. Pogatetz 71,43 (30 von 42)
11. Harnik 70,83 (17 von 24)
12. Macho 66,67 (16 von 24)
ANTEIL ERFOLGREICHER PÄSSE
1. Stranzl 13,52
2. Garics 12,58
2. Leitgeb 12,58
4. Prödl 11,32
5. Pogatetz 9,43
6. Korkmaz 7,86
7. Aufhauser 7,23
8. Ivanschitz 6,29
Der Ansatz
Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert, der Codierprozess dauert drei bis vier Stunden, dann beginnt die statistische Erfassung. Der Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird interpretiert. Zwei Software-Programme visualisieren ein Netzwerk, das dann quasi noch durch den Illustrator geschickt wird.
In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten Passpartnern jedes Spielers verdeutlicht, wobei schon der intendierte Pass, sozusagen der Passversuch, in der Wertung berücksichtigt wird. Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen der jeweils angekommenen und abgegebenen Pässe.
Die Analytiker
FAS.research, in Wien und New York ansässig und schon bei der WM-Endrunde 2006 in Deutschland im Einsatz, beobachtet sämtliche Länderspiele der österreichischen Nationalmannschaft sowie – nach der Vorrunde – jedenfalls fünf weitere EURO-Spiele exklusiv für den Standard.
Mannschaft: Ruth Pfosser, Harald Katzmair und Helmut Neundlinger.
Im FAS-Web-Shop gibt’s die Netzwerkanalysen zu kaufen, Format A1, 39 Euro.
Die Galerie KoKo (1060 Wien, Mittelgasse 7) stellt die Netzwerk-Visualisierungen aus.