Krimi: Viele widerliche Charaktere

von Redaktion  |  20. Juni 2008, 12:24
  • Artikelbild

Um das Geschäft mit der menschlichen Reproduktion geht es in Donna Leons neuem Krimi "Lasset die Kinder zu mir kommen"

Um das Geschäft mit der menschlichen Reproduktion geht es in Donna Leons neuem Krimi, um Kinderwunsch und Kinderhandel und darum, wie an sich sinnvolle Gesetze menschlichem Empfinden zuwiderlaufen. Das alles könnte in wohlfeile Gefühligkeit ausarten, aber diesmal hat Leon substanziell wieder zugelegt und schafft es von den seichten in tiefere Gewässer der Reflexion. Eben erst hat der Kinderarzt Pedrolli seinen kleinen Adoptivsohn schlafen gelegt, da stürmen vermummte Bewaffnete die Wohnung und schlagen den entsetzten Vater, der das Kind schützen will, nieder.

Der Arzt wird mit einem Schädelbruch ins Krankenhaus eingeliefert, Commissario Brunetti wird aus dem Bett geholt. Ein heikler Fall, denn die rabiaten Vermummten waren Carabinieri. Kompetenzstreitigkeiten bahnen sich an. Dottor Pedrolli hat seinen Sohn anscheinend unter Umgehung aller Gesetze einer Albanerin abgekauft, die das Kind nicht haben wollte. Das ist verboten – aber ist das nicht das Beste für das Baby? Jemand muss Pedrolli angezeigt und die Razzia in Gang gesetzt haben. Während der beliebte Arzt in seiner eigenen Klinik behandelt wird, schafft man das Baby in ein Waisenhaus, was alle empört. Leons Krimi ist voll von widerlichen Charakteren, karrieregeilen Vorgesetzten, bigotten Apothekern und geschniegelten Aufsteigern. Auch eine besonders eklige Variante eines rechtsradikalen Politikers ist mit seiner pseudohistorischen Inszenierung des Büroambientes und seiner Selbstgefälligkeit recht boshaft gezeichnet. (Ingeborg Sperl, ALBUM/DER STANDARD, 14.06/15.06.2008)

Donna Leon, "Lasset die Kinder zu mir kommen". Deutsch: Christa Seibicke. € 22,60 / 355 Seiten. Diogenes, Zürich 2008
druckenweitersagen:
posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.