Bessere Chancen als ein neuformiertes Österreich sie gegen Polen vergab, kriegst du nicht. Zum Überleben brauchte die Hoffnung schon einen Elfer
Wien - Ein milder Elfmeter, gepfiffen von Referee Howard Webb in der Nachspielzeit, bringt Österreich nun also das erhoffte (befürchtete?) Endspiel gegen Deutschland.
Damit war in der Schlussphase der Partie gegen Polen nicht mehr zu rechnen. Auch Josef Hickersberger schien mit der Europameisterschaft bereits abgeschlossen zu haben: Resignation ausstrahlend lehnte er an seiner Trainerbank.
Der Teamchef hatte seine Mannschaft im Vergleich zur Premiere gegen Kroatien an immerhin drei Positionen verändert - mehr wäre vermutlich auch ungesund gewesen. Vor Jürgen Macho bildeten Martin Stranzl/Sebastian Prödl sowie György Garics/Emanuel Pogatetz eine Viererkette. Letzterer rückte dabei von seiner angestammten Position in der Mitte nach links, das kennt er aus Middlesbrough. Im Mittelfeld formierte sich die erwartete Raute: Rene Aufhauser gab dort alternierend mit Christoph Leitgeb den defensiven Part, an den Flanken operierten Ümit Korkmaz (links) und der diesmal in ein engeres Korsett geschnürte Andreas Ivanschitz. Das zunächst unveränderte Sturmduo gaben Martin Harnik und Roland Linz. In Zahlen ausgedrückt sah das so aus: 4-1-3-2 (im Bedarfsfall fluide in ein 4-2-2-2 verwandelt).
Die monochrom rote Panier der Österreicher reflektierte den auch tatsächlich vorhandenen Agressivitätsschub des Teams. Zumeist wurd ohne Fisimatenten nach vorne marschiert, Österreich war von Beginn an voll im Saft. Korkmaz tat was von ihm erwartet wurde, rannte unermüdlich an und brachte seine gefürchteten Tempodribblings an. Er band dabei neben seinem unmittelbaren Gegenspieler Wasilewski auch den polnischen Linksaußen Saganowski. Den Blick für die Mitspieler verlor der Neo-Frankfurter dabei übrigens keineswegs.
Auch Harnik und Leitgeb bereiteten der Defensive des Gegners in forsch gesuchten Eins-gegen Eins-Situationen ein ums andere Mal schwere Kopfzerbrechen. Ein wirklich gutes Österreich bestimmte eindeutig das Geschehen. Es gelangen auf der Basis sicheren Kombinierens (über 70 Prozent der Passes saßen) auch viele weiträumig angelegte Spielverlagerungen, die die als besonders kompakt geltende polnische Formation auseinander zog und in der Folge arg strapazierte.
Ihre nominell fünf Offensivleute kamen aufgrund austriakischen Drucks in der ersten Halbzeit nie zur Ausübung ihres eigentlichen Geschäfts.
Dazu trugen auch die unauffällig aber emsig agierenden Aufhauser (legte bis zu seiner Auswechslung die größte Distanz der Österreicher zurück) und Leitgeb bei. Aufhauser steigerte sich gegenüber dem Kroatien-Spiel deutlich, er verschenkte kaum einen Ball. Leitgeb versiebte allein auf Boruc losstürmend die dritte österreichische Großchance. Seine Abseitsstellung hatte das Schiedsrichterteam dabei übersehen.
Zuvor war zweimal Harnik am sehr starken polnischen Keeper (erste Unsicherheit in Minute 78!) gescheitert. Der Bremen-Reservist begann fulminant, wirkte nach den vergebenen Gelegenheiten aber deutlich mitgenommen. Er fiel im Fortgang der Begegnung etwas zurück.
Linz dagegen strahlte erneut keine Gefahr aus, einige Male agierte er unglücklich, nie visierte er das Tor an. Sein Austausch gegen Roman Kienast nach einer Stunde war logisch.
Derart eklatant abgehende Kühle vor dem Kasten wird nicht pardoniert. Doch bei Polens insofern fast unvermeidlichem Führungstreffer stellte sich Österreichs Viererkette auch ungeschickt an. Sie verschob sich zu sehr nach rechts und vergaß in ihrem Rücken Saganowski. Smolarek durfte überdies unbedrängt flanken (wo war Ivanschitz?) und Korkmaz orientierte sich zu spät nach hinten. Pogatetz ließ sich - ungestüm herzu eilend - düpieren. Macho konnte nichts mehr retten. Er hielt ansonsten was zu halten war, das war lange Zeit nicht gerade viel.
Eine einzige (und eigentlich die einzige) Enttäuschung war die Leistung von Ivanschitz, der mit seiner Rolle auf der rechten Seite in keiner Phase etwas anfangen konnte. Er kam nie in der Partie an, nahm kaum einmal Risiko und dafür Zuflucht im Alibipass. Zur Pause heißer Wechselkandidat, durfte er noch einmal 20 Minuten weitermachen. Erst dann kam Ivica Vastic - wohl zu spät.
Hinter Ivanschitz präsentierte sich Garics defensiv tadellos. Sein Drang nach vorne war enden wollend, obwohl er einmal hochgefährlich wurde. Sein kreatives Vermögen muss trotzdem über jenes von Joachim Standfest gestellt werden. Bei Standards sicherte er gemeinsam mit Korkmaz hinten ab, während Stranzl/Prödl/Pogatetz ihre Kopfballstärke auszuspielen suchten.
Beide Innenverteidiger hatten ihre Kontrahenten sicher im Griff. Den fehlerlosen Stranzl hielt es im Finish nur noch schwer hinten. Prödl war im Spielaufbau schwach. Kein Pass kam an.
Nach rund einer Stunde merkte man den Österreichern den Kräfteverschleiß an. Fehler begannen sich einzuschleichen, die Polen kamen nun zu Chancen. Smolarek war ihr gefährlichster Mann. Die polnische Defensive konnte sich konsolidieren und bekam den zunehmend ausgepowerten Korkmaz immer besser in den Griff. Die Partie verlor an Klasse, das Nationalteam schaffte keinen Schlussspurt. Die frischen Kräfte Vastic, Kienast und Jürgen Säumel (für Aufhauser) konnten keine Akzente mehr setzen. Der Grazer ordnete sich brav ein, sein auffälligster Moment war ein aus ordentlicher Entfernung abgegebener Gewaltschuss. Kienast behauptete den Ball gekonnt, in den Strafraum schaffte er es nicht. Vastic versuchte mehrmals direkt weiterzuleiten, doch das klappte nicht so recht. Seine Ordnungsmacht war diesmal sehr begrenzt, beim Elfmeter jedoch machte der Routinier alles richtig. (Michael Robausch - derStandard.at 12.6. 2008)