Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek
Die Schweizer sind selber schuld. Hätten sich nicht von den Österreichern dazu verführen lassen, gemeinsam eine EURO auszutragen. Jetzt müssen sie nicht nur zu Hause zusehen, wie die anderen feiern, sie müssen auch noch den ganzen Dreck wegwischen, den die Gäste in ihren öffentlichen Räumen freudvoll ablagern.
Dabei hätten sich die Calvinisten mit dem weißen Kreuz im Mao-Rot schon überwunden gehabt, mit dem Bier in der sauber gewaschenen, nervigen Rechten grölend die schnieken Straßen in den aufgeräumten Städtchen auf und ab zu hatschen. Entgegen ihrer ganzen Vernunft und dem Strömungswiderstand sowie der Benzinrechnung Hohn lachend, pickten sie Schweizer Fähnchen auf ihre Autos. Jetzt bleibt von all dem frühsommerlichen Getöse nur eine Riesenrechnung aus der völlig verkehrten Richtung. Nämlich zu ihnen.
Die Schweizer sind im härtesten Wettbewerb, den es im Sport und wahrscheinlich überhaupt (außer im US-Wahlkampf) auf der Welt gibt, an sich selbst und am Pech gescheitert. Ihr Teamchef Köbi Kuhn hat die Sache vergeigt, auch wenn das jetzt kein Schweizer zugeben will. Kuhn wusste vor dem ersten Spiel noch nicht, ob sein Abwehrchef Patrick Müller in der Verfassung für ein EM-Spiel ist. Müller tat gegen die Tschechen gar nichts. Im zweiten Spiel attackierte er den zum Schuss ausholenden Türken Arda nicht, duckte sich hingegen feig vom Ball weg und fälschte ihn auch noch für seinen Goalie Benaglio unhaltbar ab.
Tranquillo Barnetta wurde erst im Trainingslager fit und war ein Schatten seiner selbst, Marco Streller pflegte offenbar seine Beleidigtheit wegen einiger Pfiffe im Vorbereitungsspiel gegen Liechtenstein mehr als den Ehrgeiz. Die Schweizer spielten dennoch ordentlich, aber das Glück war gegen sie, und die guten Nerven der Gegner. Die Schweizer Journalisten obliegen nun ihrer Pflicht der patriotischen Analyse und schreiben über die bitteren Tränen des Johan Vonlanthen statt über den ungeschickten Hakan Yakin, der patschert wie nur was zwei aufgelegte Goals gegen die Türken nicht gemacht hat.
Gücklosigkeit kommt auch nicht von ungefähr. Wie schlechtes Wetter. Wolken lassen sich freilich nur schwer wegschleppen, Glück hingegen kann, einem Vogerl gleich, eingefangen werden. Manche wissen, wie das geht, und werden dafür wie früher die Regenmacher zu Recht hoch geachtet.
Die Schweizer taten gut daran, dem Werben des damaligen ÖFB-Präsidenten Beppo Mauhart nachzugeben und die EURO zu beherbergen. Sie haben viele Vorurteile Lügen gestraft und sich als wahre Partner erwiesen: Wie wir selber lehnen sie die Verantwortung für Niederlagen ab. In einem Schweizer stecken mehr Wiener als im Wiener. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 13. Juni 2008)