Schwarz-orange Nichtraucherhochburg

22. Juni 2008, 16:07
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Die "Ärzte gegen Raucherschäden" testeten im Parlament die Atemluft von Abgeordneten – und ließen nachdenkliche Raucher und stolze Nichtraucher zurück

Vergangene Woche dürfte in den Raucherzimmern im Parlament dicke Luft geherrscht haben – und das ausnahmsweise nicht nur auf Grund der nikotinbedingten Rauchschwaden. An den zwei Plenartagen bauten nämlich die Initiativen "Rauchfrei studieren" und "Ärzte gegen Raucherschäden" in der Säulenhalle des Parlaments einen Infostand auf und baten die Abgeordneten zum Kohlenmonoxid - Atemtest.

Die Absicht: Bei den Parlamentsmitarbeitern und Abgeordneten Bewusstsein für die Schädigungen durch Aktiv- und Passivrauchen zu schaffen. "Am Beginn hatte ich den Eindruck, die Parteien schicken uns eher die Nichtraucher vorbei", schmunzelt Manfred Neuberger, der ärztliche Leiter der Aktion. Schließlich erfreute sich die Aktion aber doch großer Beliebtheit - innerhalb der zwei Tage haben bei allen Parteien außer den Grünen deutlich über 50 Prozent der Abgeordneten am Test teilgenommen.

ÖVP und BZÖ vereinen die meisten Nichtraucher in ihren Parteien.

Die Ergebnisse waren für Neuberger teilweise überraschend: Nur etwa jeder Fünfte der Probanden war nach Eigenaussage Raucher. Genaue Zahlen über die Raucherquote der einzelnen Parteien darf Neuberger noch nicht nennen, er wartet auf die Genehmigung des Parlamentspräsidiums zur Veröffentlichung. Allerdings gibt er im Gespräch mit derStandard.at schon einige Trends bekannt: "Wir waren überrascht von der hohen Nichtraucherquote bei den ehemaligen Regierungsparteien BZÖ und ÖVP". Besonders in Verbindung mit dem "jahrelangen Stillstand in der Tabakgesetzgebung" unter Schwarz-Orange sei das erstaunlich, so Neuberger. Für den Arzt ein Beweis, dass nichtraucherfreundliche Gesetzgebung nicht unbedingt von Nichtrauchern gemacht wird.

Weniger positive Worte findet der Experte für die Grünen. Bei ihnen, die sich am spärlichsten zum Test einfanden, vermutet er die höchste Raucherquote. Außerdem hätten ihm einige grüne Abgeordnete "relativ rüde" zu verstehen gegeben, dass sie an der Testung nicht teilnehmen würden.

Brave Nichtraucher wurden mit guten Messwerten belohnt.

Teilgenommen hat etwa Michaela Sburny, Bundesgeschäftsführerin der Grünen. "Selbstverständlich finde ich das Angebot in Ordnung", meint sie im Gespräch mit derStandard.at. Mitgemacht hat sie "aus Interesse", ihre Werte als Nichtraucherin seien "gut, nur leicht belastet durchs Passivrauchen". Auch Alexander Zach, liberaler Abgeordneter bei der SPÖ, hat mitgemacht. "Das ist eine Superaktion zur Bewusstseinsbildung", meint Zach, "auch wenn eigentlich ohnehin jeder wissen müsste, dass es nicht gut sein kann, sich Teer in die Lunge zu blasen". Er selber raucht nicht und hatte daher auch "kein schlechtes Gewissen" - und ein entsprechend gutes Ergebnis.

Die ehemalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat blies ebenfalls ins Testgerät. Sie hatte gute Werte, obwohl sie "in längst vergangenen Zeiten" Raucherin war, wie sie gegenüber derStandard.at erklärt. Rauch-Kallat lobt die Aktion, weil sie Bewusstsein für die Gefahren des Rauchens schaffe: "Und der eine oder andere Kollege wird vielleicht angesichts seines Ergebnisses gedacht haben: Ui! Da sollte ich besser aufpassen". So gerne die Nichtraucher über ihre Testergebnisse sprachen, so ungern taten das die Raucher. "Kein Kommentar" hieß es auf Anfrage von derStandard.at öfter.

Sozialminister Buchinger präsentiert stolz seine guten Ergebnisse.

Die Atemluft-Werte von Sburny, Zach und Rauch-Kallat lagen durchwegs bei drei oder vier ppm, das sind "parts per million", Kohlenmonoxid. „Das ist typisch für Nichtraucher, die einer leichten Belastung durch fremden Rauch ausgesetzt sind“, erklärt Neuberger. Bei Werten über fünf ppm könne man davon ausgehen, dass der Proband auch selber rauche, bei schweren Rauchern sind Werte zwischen 30 und 50 ppm normal.

Zum Vergleich: Eine groß angelegt Studie der Europäischen Union unter 49.392 RaucherInnen ergab 2007, dass diese eine durchschnittliche Kohlenmonoxid-Konzentration in der Ausatemluft von 17,5 ppm aufwiesen. Dieser Wert ist doppelt so hoch wie die seitens der Europäischen Kommission tolerierte Luftschadstoffbelastung in europäischen Städten, die bei 8,5 ppm liegt. Neuberger gab im Parlament auch den Passivrauchern zu denken. Wer sich etwa im Raucherbereich in der Parlamentskantine aufgehalten hatte, hatte nachher einen höheren Kohlenmonoxid-Wert in der Atemluft als zuvor – wenn auch nur geringfügig. Ein Anlass für den Arzt, die Gegebenheiten im Nationalrat zu bemängeln. Die Raucherräume seien "nicht zufriedenstellend". Damit die Nichtraucher hundertprozentig geschützt seien, wären "selbstschließende Türen und Raucherräume mit mindestens fünf Pascal Unterdruck" sowie seperater Belüftung nötig, so der Experte.

Strache blies gleich zweimal ins Messgerät.

Dennoch ist der Arzt mit der Aktion zufrieden. "Der größte Erfolg waren für mich einzelne rauchende Parlamentarier, die über ihr Testergebnis betroffen waren", erklärt Neuberger. Einige hätten angesichts ihrer schlechten Werte gesagt: "Jetzt haben Sie mich aber wirklich nachdenklich gemacht".

Und manche bliesen am nächsten Tag sogar noch einmal ins Messgerät – und hatten viel bessere Werte. Kein Wunder, so Neuberger – der Kohlenmonoxid-Test zeigt vor allem die kürzlich konsumierten Zigaretten an; wer einen Tag "brav" bleibt, kann seine Werte so verbessern. Welcher Parlamentarier das getan habe? Das will Neuberger nicht explizit sagen – der (rauchende) Chef einer Oppositionspartei sei es jedenfalls gewesen, meint er. (Anita Zielina, derStandard.at, 12.6.2008)

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