EURO-ULF

9. April 2008, 19:00
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Der Fahrplan, meinte H., habe ja viel versprechend ausgesehen. Nur sei Papier eben geduldig

Es war am Dienstag. Da rief H. dann das zweite Mal an. Und erklärte, dass sie recht gehabt habe. Und ich also Unrecht, als ich gemeint hatte, das ganze könne ja auch einfach ein blöder Zufall gewesen sein. Obwohl – aber das hatte ich H. bei ihrem ersten Anruf (am Montag) nicht gesagt – auch ich nicht wirklich an solche Zufälle glaube. Aber zu sagen, dass H. nun, weil sie eben doch Recht behalten hatte, triumphierte, wäre falsch. H. war verärgert. Sehr verärgert.

H. sitzt im Rollstuhl. Und im Parlament. Aber das, betont sie, ändere nichts daran, dass sie sich über Dinge, die ihr und anderen Behinderten zugemutet werden, nicht ärgere – bloß beim Aufregen tut sie sich ein bisserl leichter: Eine Abgeordnete kann man nicht so einfach – im Wortsinn - beiseite schieben. Und manchmal, sagt H., ändert sich ja auch wirklich etwas zum Guten. Weil kaum jemand aus böser Absicht Behinderte behindert. Nur sei es halt ein schwacher Trost, wenn da unter "Ursache" statt "Bösartigkeit" nur "Gedankenlosigkeit" steht.

Keine Spaßbremse

Egal. H. ist aber eines wichtig: Sie will niemandem den Spaß an der EURO verderben. Und dass die ihr Weiterkommen schwieriger macht, versteht sie ja auch: Rollstuhlfahrer und Kinderwagenschieber vermeiden in den Öffis die Stoßzeit so gut es geht – und derzeit geht das eben nicht. Oder kaum. Da, gibt H. zu, können die Wiener Linien nicht viel dafür.

Und auch, dass der Aufzug, mit dem man bei der U3-Station Volkstheater zum Ring kommt, derzeit fanzonenbedingt blockiert ist, sei eventuell noch mit der typischen Gedankenlosigkeit von Planern und Stadtvermarktern erklärbar – schließlich habe, meint H. vermutlich keiner der Absperrer auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, ob und wie Rollstuhlfahrer von hier aus in die Fanzone (oder sonstwohin) kommen sollen.

Ankündigungspopulismus

Was H. aber wirklich ärgert, sind Pseudo-Aktionen und Ankündigungs-Populismus. Etwa die Geschichte mit den ULFs und dem 5er. Denn schon im Vorfeld der EURO, erzählt H., hätten sich die Wiener Linien bereit erklärt, einen dichteren ULF-Fahrplan für diese Linie zu erstellen. Wegen der Länge, erklärt H., sei die 5er-Strecke für mobilitätsbeschränke Menschen "ziemlich praktisch: Sie deckt einen großen Teil der Stadt ab. Ohne dass man umsteigen muss.”

Die ULF-EURO-Fahrpläne wurden auch veröffentlicht und ausgehängt. "Das macht das Planen von Wegen und Terminen einfacher”, freute sich H. Und stand dann am Montagmorgen, dem ersten Gültigkeitstag, an ihrer Station. Und wartete. Und wartete. Und wartete. 5er nach 5er zog an der Rollstuhlfahrerin vorbei – aber keiner war berollbar.

Kinderwagen und Gehhilfe

H. stand nicht allein an der Station: Eine Frau mit Kinderwagen, ein zweiter Rollstuhlfahrer und ein Mann mit einer Senioren-Gehhilfe warteten mit ihr. Alle hatten sich auf den Fahrplan verlassen. Und, betont H. ,”auf ein paar Minuten kommt es uns nicht an.” Aber als aus den paar Minuten dann eine Viertelstunde geworden war, rief H. bei den Wiener Linien an.

Dort verstand man das Problem nicht: der nächste ULF käme doch ohnehin nach Fahrplan. Eine halbe Stunde nach dem Zug, der halt ausgefallen sei. Statt den versprochenen zwei stündlichen ULFs führe heute eben nur einer. Man solle warten – oder auf Buslinien ausweichen. Punkt.

Alternativdebakel

H. wartete. Der zweite ULF kam pünktlich. Aber die Kinderagenschieberin und der zweite Rollstuhlfahrer hatten den Rat, sich eine Alternativroute zu suchen, beherzigt, rollten statteinwärts und enterten einen Bus. Dummerweise endete dessen Route dann ohne Vorwarnung außerplanmäßig eine Station später. Der Fahrer entschuldigte sich – und riet Rollstuhl- und Kinderwagen, doch den 5er zu nehmen: Bei dem habe man EURO-bedingt nämlich die ULF-Quote verdichtet.

So, erzählte H., habe man sich dann eben wieder getroffen. Und sich gemeinsam hinters Licht geführt gefühlt. Darum, so H., am Montag, riefe sie jetzt bei mir an. Ich gab H. Recht. Aber ich wollte nicht vorschnell verurteilen. Darum bat ich H., doch zu bedenken, dass die EURO für alle eine neue Herausforderung und Erfahrung sei – und da Fehler passieren könnten.

Aber Dienstagfrüh rief H. dann wieder an: Wieder sei der eine der beiden ULFs nicht gekommen. Und abermals habe man ihr gesagt, dass der Zug eben ausfalle. Sie möge warten – oder zum Bus zu rollen. Und diesmal, so H., lasse sie sich von mir nicht mehr beschwichtgen.

Nachtrag

Jetzt gerade – Mittwochmittag, während des Schreibens – rief H. wieder an: Dienstagabend sei sie mit dem 5er nach Hause gefahren. Der ULF sei pünktlich in die Staion eingefahren. Leider war die Rampe kaputt. Eine halbe Stunde später kam der nächste. Ebenfalls pünktlich. Aber die ausfahrbare Rampe, ohne die schwere Rollstühle nicht in die Bim kommen, sei deaktiviert gewesen.

(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 12. Juni 2008)

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