Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann
Natürlich werde ich keine von denen werden, die rot-weiß-rot bemalt in der "Fanzone" halbgar in Biersuppe dampfen, bevor sie überkochen, im Schaum, der über den Rand steigt und danach nur mehr Pfützen auf dem Boden bildet, egal, wie so ein Match endet.
Ich lasse mich auch sonst ungern hinter Gittern verwalten. Aber momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren. Ich, die, müsste ich einen Aufsatz über "Ein besonderes Erlebnis" schreiben, von "meinem" Färöer-Match erzählen würde. Der einzig bewohnbare Raum im gerade erstandenen alten Haus war ein Dachkämmerchen, ausgefüllt von meinem Bett und einem kleinen Fernseher. Ich auf dem Bett, vor mir eine Familienpizza (ein Versehen!), am Bildschirm 11 Männer wie im Nebel und die Stimme eines Kommentators, der stammelte, dass die Österreicher viel besser ..., in Wirklichkeit ..., dass die Aufstellung, gegen den schwachen Gegner, zu Testzwecken, aber ... jetzt gleich ... Man weiß, wie es geendet hat. Ich habe mich selten so gut amüsiert und dabei versehentlich die ganze Familienpizza verschlungen.
Und jetzt? Schon vor dem ersten Match konnte ich nichts gegen einen inneren Countdown tun: Noch drei Stunden, noch eine Stunde. Jetzt werden sie schon nervös sein, unsere Spieler. Angespannt. Fiebrig. Ich kann es fühlen. Mitfühlen. Wie jeden Sonntag bin ich beim Buchinger kochen. Seltsam, dass es Menschen gibt, die jetzt essen wollen. In der Gaststube läuft der Fernseher ohne Ton. Zwischen Spargel und Schnitzel über die Theke hinweg Fußball. Elfmeter.
Rund um mich die Küchenmannschaft. Christina, sechzehn: "Ich hab 3:1 für Kroatien gewettet, vielleicht hilft's was und wir gewinnen." Koch Hannes, der gerade gesagt hat, er sehe sich kaum ein Match an, versucht sich in Fachkommentaren wie "Da steht doch keiner!", "Das hätt er doch sehen müssen!". Lehrling Mario überrascht mit Fußballwissen und schneller Auffassungsgabe, ein Potenzial, das auch in Küche und Service hoffen lässt. Meine Einwürfe sind von großem Sachverstand geprägt, ich spiele beim Buchinger ja auch Sous-Chefin, ich sage: "Das war ein klares Foul" oder "Uns fehlt einfach der Zug zum Tor." - "Uns"? Ja, es ist mir passiert.
Sollten "wir" weiter nicht gewinnen, kann schon sein, dass ich mit einer spöttisch-distanzierten und hoffentlich intellektuell brillanten Bemerkung zu punkten versuchen werde. Aber irgendwie, irgendwo, ganz drinnen zwischen Herz und Magen, hoffe ich allem Wissen zum Trotz, dass es nicht notwendig sein wird. (Eva Rossmann; DER STANDARD Printausgabe 12. Juni 2008)
Zur Person
Eva Rossmann ist Autorin und Köchin. Im September erscheint "Die Russen kommen", der zehnte Mira-Valensky-Krimi.
evarossmann.at