Fan zu sein...

Redaktion, 11. Juni 2008, 18:46

Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

Natürlich werde ich keine von denen werden, die rot-weiß-rot bemalt in der "Fanzone" halbgar in Biersuppe dampfen, bevor sie überkochen, im Schaum, der über den Rand steigt und danach nur mehr Pfützen auf dem Boden bildet, egal, wie so ein Match endet.

Ich lasse mich auch sonst ungern hinter Gittern verwalten. Aber momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren. Ich, die, müsste ich einen Aufsatz über "Ein besonderes Erlebnis" schreiben, von "meinem" Färöer-Match erzählen würde. Der einzig bewohnbare Raum im gerade erstandenen alten Haus war ein Dachkämmerchen, ausgefüllt von meinem Bett und einem kleinen Fernseher. Ich auf dem Bett, vor mir eine Familienpizza (ein Versehen!), am Bildschirm 11 Männer wie im Nebel und die Stimme eines Kommentators, der stammelte, dass die Österreicher viel besser ..., in Wirklichkeit ..., dass die Aufstellung, gegen den schwachen Gegner, zu Testzwecken, aber ... jetzt gleich ... Man weiß, wie es geendet hat. Ich habe mich selten so gut amüsiert und dabei versehentlich die ganze Familienpizza verschlungen.

Und jetzt? Schon vor dem ersten Match konnte ich nichts gegen einen inneren Countdown tun: Noch drei Stunden, noch eine Stunde. Jetzt werden sie schon nervös sein, unsere Spieler. Angespannt. Fiebrig. Ich kann es fühlen. Mitfühlen. Wie jeden Sonntag bin ich beim Buchinger kochen. Seltsam, dass es Menschen gibt, die jetzt essen wollen. In der Gaststube läuft der Fernseher ohne Ton. Zwischen Spargel und Schnitzel über die Theke hinweg Fußball. Elfmeter.

Rund um mich die Küchenmannschaft. Christina, sechzehn: "Ich hab 3:1 für Kroatien gewettet, vielleicht hilft's was und wir gewinnen." Koch Hannes, der gerade gesagt hat, er sehe sich kaum ein Match an, versucht sich in Fachkommentaren wie "Da steht doch keiner!", "Das hätt er doch sehen müssen!". Lehrling Mario überrascht mit Fußballwissen und schneller Auffassungsgabe, ein Potenzial, das auch in Küche und Service hoffen lässt. Meine Einwürfe sind von großem Sachverstand geprägt, ich spiele beim Buchinger ja auch Sous-Chefin, ich sage: "Das war ein klares Foul" oder "Uns fehlt einfach der Zug zum Tor." - "Uns"? Ja, es ist mir passiert.

Sollten "wir" weiter nicht gewinnen, kann schon sein, dass ich mit einer spöttisch-distanzierten und hoffentlich intellektuell brillanten Bemerkung zu punkten versuchen werde. Aber irgendwie, irgendwo, ganz drinnen zwischen Herz und Magen, hoffe ich allem Wissen zum Trotz, dass es nicht notwendig sein wird. (Eva Rossmann; DER STANDARD Printausgabe 12. Juni 2008)

Zur Person

Eva Rossmann ist Autorin und Köchin. Im September erscheint "Die Russen kommen", der zehnte Mira-Valensky-Krimi. evarossmann.at

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

    Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

    Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

  • Der doppelte Boden [6]

    Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

    Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

  • Gehorchen oder kicken [11]

    Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

    Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

    Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

mikemey
00
14.6.2008, 12:49

Am Donnerstag wär im Ersten aus jeder Spaßbremse ein Fan geworden - ehrlich Leute, traut euch doch mal raus auf die Straße. Ich hab normalerweise auch nicht allzuviel mit Fußball am Hut, aber momentan is die Stimmung unglaublich!

Kris99
00
12.6.2008, 09:43
find's auch immer wieder lustig, wie schnell sich

dieses "WIR" einfindet... ;-)

So war ich letztens mit einem Freund auf einem (unbedeutenden aber sehr unterhaltsamen) Match - er (kurz vor Anpfiff) - Für wen sind wir eigentlich?
5 Minuten später:
"Geht's für UNS eigentlich noch um was?" ;-)))

lg,
Kris

PS: WIR haben die Partie dann auch gewonnen... ;-)

pixl
00
12.6.2008, 09:09
sehr treffend

so (bzw. so ähnlich) geht's wohl vielen österreichern derzeit...

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