Nur wer schnell denkt, soll auch schnell rennen

Redaktion, 11. Juni 2008, 18:41

Die Wertepyramide des Fußballs: Fitness, Vor­bereitung und die Be­gna­deten wie Villa, deren Witz und Tempo erst den Sieg bringen

Genf - Die Spiele im richtigen Fußball werden von Spielern entschieden, die Österreich nicht hat: von den Besonderen. Dazu kommt, dass die meisten Mannschaften in der EURO gemeinsam schnell denken und handeln.

Die taktische Vorbereitung (des eigenen und des gegnerischen Spiels) bildet längst eine selbstverständliche Voraussetzung. Die Deutschen beschäftigen dafür ein ganzes Team, das der Schweizer Urs Siegenthaler führt. Die Österreicher haben sich erst mit dem Amtsantritt von Josef Hickersberger in diese Notwendigkeiten gefunden. Es war höchste Zeit. Eine Analyse ohne jede Schönrederei belegt die Schwerfälligkeit (im Denken, Passen, Kombinieren) und die daraus resultierende Harmlosigkeit der ÖFB-Kicker. Sie haben vielleicht einen Plan, aber sie können ihn kaum ausführen, schon gar nicht in erforderlichem Tempo. Denn der spektakuläre Teil der EURO ist die Typologie der Besonderen. Wesley Sneijder und Rafael van der Vaart, Nuno Gomes, Cristiano Ronaldo und David Villa, Fernando Torres, Andres Iniesta, Zlatan Ibrahimovic oder Lukas Podolski. Allesamt schnelle Rechner.

Die Systeme sind verschieden, wenn auch nicht sehr, sieht man von den Griechen ab. Selbst deren "Verfehlung" besteht nicht in der Wahl der falschen Mittel, sondern in der Missachtung des hohen Zieles: harmonische Rasanz. Die Griechen beleidigen das Herz, nicht den Kopf des Fans. Aber sind die Franzosen, die wahrscheinlich hurtig sein könnten, aber bisher (im Spiel gegen Rumänien) aus pragmatischen Gründen nicht wollten, nicht die größere Beleidigung? Die Österreicher wiederum können Schnelligkeit nur simulieren. Das führt zum Missverhältnis von Wollen und Ausführung, von individueller und kollektiver Geschwindigkeit: Hektik.

Andy Roxburgh, der Technische Direktor der UEFA, beschreibt im aktuellen Report der Champions League (2006/2007), dass durch die bessere taktische Ausbildung der Teams, die größere defensive Konsistenz und die höhere Schnelligkeit und Ausdauer der Verteidigenden sowie die Vertiefung der Verteidigungszone die Anforderungen an die Angreifer erheblich steigen.

Kreative werden wichtiger

In der EURO zeigt sich dasselbe Phänomen. Die Teams müssen taktisch flexibel agieren, rasch kontern, Konter abfangen und Gegenkonter lancieren. Oder sie unterliegen. Kreative, die eigene Systeme nutzen und sie darüber hinaus im Sprinttempo überraschend interpretieren und binnen Sekundenbruchteilen gegnerische Systeme aushebeln können, werden immer wichtiger und nicht zufällig gehütet wie Kronjuwelen und bezahlt wie ÖBB-Manager.

Die erste EURO- Runde erbrachte vier Tempozentren.

Die Portugiesen (4-2-3-1). Fantastisches Mittelfeld um Nuno Gomes und Deco. Eine Viererkette, deren Mitglieder besser kicken als die meisten Regisseure der Welt. Dazu Cristiano Ronaldo, der seitlich sein eigenes, abwartendes, überfallsartiges Spiel betreibt.

Die Deutschen. Konservativ angelegt (4-4-2), unheimliche Präsenz und personelle Konsistenz. Podolski, Klose und Gomez sind Schnelldenker; auf der Seite Jansen und Fritz zwei Wieselflinke; dazu mit Ballack und Frings zwei nagelharte, vife Organisatoren.

Die Niederlande (4-2-3-1). Der traditionelle Flügelstürmer ist passé. Die Rasanz entsteht jetzt aus dem Inneren des Teams, wird oft über die Seite geäußert und endlich ins Ziel gebracht. Links über van Bronckhorst, Sneijder, van der Vaart, rechts über Ooijer, Kuyt, van der Vaart, mündet im Center (van Nistelrooy) oder in Doppelpässen und Steilvorlagen hinter die Viererkette der anderen.

Ähnlich die Spanier. Ihr 4-4-2 stellt eine besonders unzulängliche grafische Beschreibung dar. Der Wirbel kreist um Pujol, Iniesta, Xavi Hernandez und spitzt sich in Villa, Torres zu. An den Spaniern (Villa, Torres, Iniesta) und Niederländern (Sneijder, van der Vaart) lässt sich augenfällig der Typus des kleinen, sprintstarken, unermüdlichen, fantasievollen, umfassend ausgebildeten und polyvalenten (Center, Flügel, Ausputzer, Verteidiger) Spielers zeigen. Auch diesbezüglich ist Ibrahimovic eine Ausnahmeerscheinung - großgewachsen, Schwede, und doch wendig. Auch geistig. (Johann Skocek aus Genf; DER STANDARD Printausgabe 12. Juni 2008)

kram-nik2
 
00
12.6.2008, 19:05
und wenn man nur denkt dass man schnell rennt?

oder noch schlimmer schneller denkt als man rennt und dann seiner zeit voraus ist? (z.b. zu früh in die kabine geht etc., durchaus geläufige gedanken)
langsam denk ich dieses sprachbild wird schnell wieder von der bildfläche verschwinden (hoffentlich ist mein gedanke fertig bevors weg ist, sonst muss ich nachdenken, wo doch nachlaufen schon schlimm genug ist).
geh danke

seebas
01
12.6.2008, 18:16

schöner artikel

seelenloser Stahlbolzen
00
12.6.2008, 13:32
teilweise zustimmung.

unser nationalteam hinkt dem aktuellen internationalen niveau in bezug auf taktik und spielverständnis 20 jahre hinterher. aber dafür tragen nicht die spieler die verantwortung, sonder einzig und allein der trainer- und funktionärsstab.

deshalb wünsche ich mir fast zwei weitere niederlagen in den noch ausstehenden gruppenspielen, damit hicke endlich platz macht für einen trainer mit internationaler erfahrung und verständnis für modernen fussball.

Austro-Spanier0
01
12.6.2008, 20:12
unser nationalteam hinkt dem aktuellen internationalen niveau in bezug auf taktik und spielverständnis 20 jahre hinterher.

Vollkommen einverstanden, nur mit der Ernennung eines neuen Verbandstrainers wird das Problem auch nicht gelöst. Österreich sollte sich an Holland orientieren, denn die leisten seit Jahrzehnten vorbildliche Jugendarbeit. In Österreich gibt es sicher viele Talente, die das Zeug zu Spitzenfussballern besitzen, aber solange die Klubs viertklassige Ausländer jungen Talenten vorziehen, wird nichts vorwärts gehen. Wie gesagt, Vorbild Holland: 1x Europameister und 2x Vizeweltmeister und mit Ajax, Feyernoord und PSV 6 Europacuptitel der Landesmeister, die UEFA und Cupwinnerscup Titel müsste ich googeln.

menf
00
12.6.2008, 08:45
und wer langsam spricht sollte nicht Trainer sein!

na wenigstens kommen unsere Spieler beim Sprechtempo des Teamchefs mit.....

Bitches Brew
00
12.6.2008, 01:29
"Nur wer schnell denkt, soll auch schnell rennen"

steht ein bisserl im widerspruch zu forrest gump.

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