Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler
Druckfehler sind allemal ein billiger Anlass des Triumphes für jene, die sie finden. Sie können aber auch mehr sein, nämlich ein Anlass zum Nachdenken. Sie sind die Geysire des Unbewussten und stoßen das Tor zur Reflexion weit auf.
Es gab auch einen Witzkopf, der Druckfehler erfunden hat. Eines seiner Glanzstücke war da der "Liegende weibliche Abt". Für Karl Kraus war "König Lehár" statt "König Lear" solch ein unschätzbares Fundstück. Dass die EM uns auch mit solchen Einsichten beschenken würde, war anzunehmen. Den Blick in den großen Horizont des Denkens öffnet ein Bericht über das Kroatien-Match, in dem es hieß, dass sich Ümit Korkmaz und Roman Kienast bemüht hätten, die drohende "Niederlage noch anzuwenden". Darüber mag man lächeln, aber damit hat man das Profunde an dieser Fehlleistung verfehlt.
Es geht um das Niederlagenmanagement, und da haben die Österreicher Erfahrung. Königgrätz mag zwar durch Córdoba irgendwie getilgt worden sein, aber einmal wird auch die Magie dieses legendären Sieges ihre Kraft verlieren. Dem Gewinn, den wir aus den Niederlagen erzielen können, hat unsere Denkanstrengung zu dienen.
Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; die Thermopylen, das Amselfeld und Alamo sind schlagende Beispiele. Oder die legendäre 3:4-Niederlage des Wunderteams in England. Die Unterlegenen werden - wenn es nicht ein echtes Debakel ist - zu Sympathieträgern; so geschehen nach den jüngsten Niederlagen der Österreicher und Schweizer. "Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni" ("Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, aber dem Cato die der Verlierer"), heißt es bei dem römischen Dichter Lukan, der den Musterstoiker und Republikaner Cato preist. Dieser stand gegen den Tyrannen Cäsar auf verlorenem Posten.
Peter Handke hat jüngst in einem Interview seine Sympathie für Serbien damit begründet, dass er wie die Helden in John Fords Filmen für die aussichtslose Sache sich einsetzen wolle. So favorisiert er auch den Verein seines Heimatortes Griffen, der gegen den Abstieg kämpfte, und in Spanien den FC Numancia. Dieser Verein nennt sich nach einer Stadt, die von den Römern als letztes Widerstandsnest dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Heuer hat der FC Numancia, beheimatet in der kleinen Provinzhauptstadt Soria, den Aufstieg in die erste Division geschafft. Nach vielen Niederlagen werden Siege auch moralisch vertretbar, und mit Österreich ist es bald so weit. Die wenigen Siege bleiben bei der Überzahl der Niederlagen gut im Gedächtnis, und man spricht dann noch lange, lange von ihnen. (Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor der Literaturwissenschaft in Wien - DER STANDARD PRINTAUSGABE 11.6. 2008)