Türkei will Hochschule für modernen Islam gründen

Redaktion, 10. Juni 2008, 18:50

Dort soll "Unterricht für das 21. Jahrhundert" staatfinden und die islamischen Lehren modern ausgelegen werden

Istanbul - Die Türkei will mit der Gründung einer neuen Universität eine Vorreiterrolle für eine moderne Auslegung der islamischen Lehre übernehmen. Die geplante Hochschule solle "Unterricht für das 21. Jahrhundert" erteilen, zitierte die türkische Tageszeitung "Aksam" den Chef der staatlichen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu.

Die islamische Hochschule sei vor allem für Studierende aus Zentralasien, dem Balkan und dem Kaukasus wichtig. Das türkische Religionsamt ist verwaltungsrechtlich nur eine Direktion im Präsidium des Ministerrates. Der türkische Staat setzt die Imame der Moscheen ein, die Staatsangestellte sind.

Konkurrenz für die Al-Azhar-Universität

Die Initiative für die Universitätsgründung sei im vergangenen Jahr vom Nationalen Sicherheitsrat der Türkei gekommen, berichtete die Zeitung. In dem Gremium gab lange Zeit das kemalistische Militär den Ton an. Die Hochschule werde zu einer Konkurrentin für die prestigereiche Al-Azhar-Universität in Kairo werden, der höchsten theologischen Instanz im sunnitischen Islam, schrieb das Blatt.

Al-Azhar, manchmal als "Kombination aus Vatikan und Sorbonne" beschrieben, wurde im Jahr 971 als älteste Universität im islamischen Kulturkreis gegründet. Sie ist Moschee, Universität und zugleich politische Institution. Der gegenwärtig amtierende 43. Großscheich, Mohammed Sayed al-Tantawi, hat in einer Reihe von Streitfragen, insbesondere betreffend Geburtenkontrolle und den Blasphemievorwurf gegen den britischen Autor Salman Rushdie, sehr moderate Standpunkte bezogen.

Kritik an Al-Azhar

Liberale ägyptische Intellektuelle haben Al-Azhar immer wieder vorgeworfen, durch ihre Stellungnahmen dem Terror von islamischen Fanatikern Vorschub zu leisten. So nahmen die führenden Theologen das Recht in Anspruch, liberale Schriftsteller wie Farag Foda und den Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus als "Ketzer" zu brandmarken.

Beide wurden von bewaffneten Fanatikern angegriffen. Mit einem Netzwerk von knapp 2000 Schulen, 20 Zweiguniversitäten, rund 120.000 Studenten und mehr als 6000 Lehrkräften formt die "Azhar" nicht nur den religiösen Nachwuchs und die fromme Elite Ägyptens, sondern auch anderer Länder. Als höchste Instanz islamischer Rechtsprechung bestimmt sie mit ihren Fatwas (Rechtsgutachten) neben dem Koran maßgeblich soziale und ethische Belange von fast einer Milliarde Muslimen. (APA)

Kommentar posten
21 Postings
capricorno
00
12.6.2008, 09:54
Islam und Liberalität

passt nicht zusammen - zumindest nach jetzigem Erfahrungsstand!
Als einzige Hoffnung auf Liberalisierung erscheinen mir nur die Musliminnen. Sie haben möglicherweise das Potenzial eine Aufklärung nach europäischem Muster herbeizuführen.

Wildhüter John
00
12.6.2008, 08:59
Naja - dann können wir nur hoffen...

...daß den Herrn Religionsschädeln eine gscheite Fatwa gegen den von der Türkei angestrebten EU-Beitritt herausrücken. Das wäre endlich mal was Gutes. Zumindest für Europa.

Timagoras
 
00
11.6.2008, 16:39
"Al-Azhar, manchmal als "Kombinatio aus Vatikan und Sorbonne" beschrieben"

Hamburg bzw. Berlin werden ja auch machmal als "Venedig des Nordens" bezeichnet....

Chien de Pique
01
11.6.2008, 13:45
Prinzipiell wohl keine schlechte Sache.

Leider kann man der AKP nicht über den Weg trauen, deren Einflussnahmen könnten das Projekt in eine bedenkliche Richtung lenken.

Arbeiter
01
11.6.2008, 12:15
Danke, Standard, für den Artikel und bitte ab nun Information

1) Was lehrt die Kairoer Universität
2) Was lehrt die neue türkische Universität
3) Was lehren die vom türkischen Religionsministerium nach Österreich entsandten Imame.

hexe caracas
02
11.6.2008, 11:16
Gibt es schon eine Universität

für einen demokratischen Islam?
Meiner Meinung nach ist keine! Religion demokratisch.
Ich bin dagegen, dass Religionen unterstützt werden. Sie sollten nur toleriert werden, sonst wachsen sie uns in schlechten Zeiten über den Kopf.
Welche Religion tolleriert Homosexualität, Abtreibung, Frauenrechte, künstliche Befrüchtung, Konvertierung usw?

Arbeiter
21
11.6.2008, 13:48
Religionen zielen auf das Überleben und Gedeihen ihrer Gemeinschaften ab, hexe caracas,

und daher haben sie zumeist Ordnung in den Familien und Kinder als Priorität und Homosexualität als Sünde zum Inhalt. Religionen entspringen - wenn sie die göttliche Offenbarung nicht akzeptieren - Jahrtausenden von Menschheitserfahrung, in denen es auch immer um das Überleben und die Gesundheit von Geist und Körper und möglichst Frieden und Wohlstand als Ziele ging. Christentum und Islam wollen definitiv Gutes und haben auch viel Gutes gebracht. Die Ordnungen der Gottlosen sind entweder gescheitert oder müssen ihre Überlebensfähigkeit erst beweisen.

Wildhüter John
00
12.6.2008, 08:54
So ein Schmarrn...

Alle ihre Ausführungen sind bereits eindrucksvoll von Richard Dawkins (Der Gotteswahn), Sam Harris (Ende des Glaubens) und Christopher Hitchens (Der Herr ist kein Hirte) widerlegt worden. Und bitte - graben Sich nicht immer die kommun. Syst. des 20Jhds aus. Auch diese waren eine Art Ersatzreligion und haben absolut nix m. Atheismus zu tun gehabt. Wenn Sie Gutes u. Schlechtes im Christentum/Isl+m vergleichen wollen, werden Sie feststellen, daß das Gute e. Tropfen ist, u. das Schlechte welches Religionen der Menschheit beschert haben, ein Ozean ist. Eine auf Vernunft basierende Ordnung kann erst eintreten, wenn alle Religionen (samt deren supernaturalen Blödsinn) überwunden sind. Bis dahin werden Religionen noch viele in d. Tod treiben!

Homer_J
00
11.6.2008, 16:48
religionen bestehen, weil ihre mitglieder über das gewissen

zusammengehalten werden, solange keine neuen denksysteme dazwischentreten. "gott", ordnungen in familien usw. sind unwichtig. ziemlich die gesamte christliche religion wie der islam ist aus frühereren kulten zusammengeklaut. (Holy Writ as Oral Lit: The Bible as Folklore. Alan Dundes). um die gesundheit von geist und körper geht's auch nicht. mohammed ging's u.a. um polit. machtgewinn. (Gabriels Einflüsterungen: Eine historisch-kritische Bestandsaufnahme des Islam. Jaya Gopal).
wenn christentum und islam gutes wollen, haben sie das positive ergebnis bis dato gut geheim gehalten, wenn man vom kunsterbe absieht, das zur eigendarstellung produziert wurde. caritas war auch eine effektive rekrutierungsmaßnahme. und bitte kein "gottlosen" stuss.

Julian Bashir
311
10.6.2008, 20:31
Passt!

Super, wenn sie dabei sind, könnten sie gleich auch noch Institute für Zigeunerische Urbanistik, Aztekische Reitkunst, Morphematik des Morsens, Geschichte der antarktischen Agrikultur, Geschichte der Malerei auf den Osterinseln, Zeitgenössische sumerische Literatur, Institutionen der montessorischen Dokimasie, Assyrisch-Babylonische Philatelie, Technologie des Rades in den präkolumbianischen Reichen, Ikonologie der Blindenschrift, Phonetik des Stummfilms, Psychologie der Massen in der Sahara, Institutionen der Revolution, Parmenideische Dynamik, Heraklitische Statik, Spartanische Sybaritik, und natürlich Institutionen der Volksoligarchie gründen!

(sh. übrigens d. Foucaultsche Pendel)

Dante Alighieri
75
10.6.2008, 21:07

Dumme Polemik. Es gibt genug liberale Moslems, auch wenn man das in Europa gerne ignoriert.

Wildhüter John
00
12.6.2008, 09:13
Isl+m und Liberalität...

...(wie auch alle abrahamitischen Religionen) schließen sich de facto aus. Entweder man nimmt das Wort Gottes hin (so antiquirt es auch sein mag - schließlich wurde es ja zum "ewigen Wort" erklärt) oder man ist liberal, was zwangsläufige in einer Richtung des Gnostizismus bis hin zum Atheismus münden müsste. Das Wort "liberal" im Zusammenhang mit Religionen, besonders mit dem Isl+m, zu verwenden ist an sich schon ein Beleidigung. Und zwar für beide Seiten.

Homer_J
02
11.6.2008, 09:55
vielleicht wiederhole ich mich (foromat...)

some say while religious fundamentalists betray reason,
moderate believers betray faith and reason equally.

Homer_J
02
11.6.2008, 01:15
some say while fundamentalists betray reason,

moderate believers betray faith and reason equally.

Julian Bashir
47
10.6.2008, 22:28
Eine Religion, die im Kern antiliberal ist...

...kann nicht durch moderne Auslegung oder Interpretation vorangebracht werden, gerade wenn sie darauf besteht, von A bis Z göttliches Wort, vom Erzengel diktiert zu sein - jedes Jota, das hier geändert oder neu interpretiert wird, kann von Strenggläubigen nur als Gotteslästerung verstanden werden.

Kosmos 100001
00
11.6.2008, 17:00

Religion richtig zu praktizieren, ist nicht eine Frage der Interpretation, sondern eine Frage des Verstehens, des Begreifens. Viele Menschen, die sie begreifen, gab es immer schon, heute wie schon seit den Anfängen. Leider immer eine Minderheit.

Wenn man aus einem Buch einen Satz raus liest, weiß man noch lange nicht, in welchem Zusammenhang er zu verstehen ist, wenn man das ganze Buch liest, dann versteht man den Satz und seine Bedeutung richtig.

Religion in ihrer Werdungsgeschichte von Abraham bis Mohammed ist komplex. Die frommen Regeln sind aber simpel und leicht verständlich.

Kakadu89
42
11.6.2008, 09:38
BS

Das gleiche könnte man auch vom Christentum schreiben - und auch da gab es liberale Reformen, die die Gesellschaft voranbrachten.

Angst, ihre Stereotypen abzubauen?

a grünes stricherl
 
02
11.6.2008, 16:23
und?

behautet ja auch keiner dass das christentum irgendwie eine alternative zum islam wäre

dem christentum musste die aufklärung hart abgerungen werden .. und beim islam wirds nicht anders sein.

Gendo
07
11.6.2008, 10:08

Ja man kann es über das Christentum schreiben, und es stimmt auch, Chrstentum ist antiliberal.
Und wenn ich so denken die Zeit wo das Christentum in Europa den Ton angab (also Mittealter) war nicht gerade die Zeit wo die Gesellschaft so toll vorangekommen ist!

Homer_J
08
11.6.2008, 09:53
bitte?

praktisch jede modernisierung musste gegen den erbitterten widerstand der kirche durchgesetzt werden.

welche christlichen reformen haben die gesellschaft vorangebracht?

a grünes stricherl
 
00
11.6.2008, 00:32
wobei genau diese religion eine zeit hinter sich hat .. weit hinter sich übrigens

in der religionskritik als etwas positives gesehen wurde ...

eine art voraufklärung .. wenn auch nur ein kurzes aufflackern ..

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.