"Auschwitz ist im Tiefschlaf"

Julia Schilly, 10. Juni 2008, 18:16
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    foto: der standard/ robert newald

Die Autorin, Malerin und Sängerin Ceija Stojka hat die Gräuel dreier Konzentrationslager überlebt - Sie wird nicht müde, ihre Geschichte weiterzugeben

Ihren Durst stillte sie notdürftig durch den Morgentau am Stacheldraht. Die Rinde eines Baumes war ein Festmahl. Die Leichen wurden zu ihren Spielkameraden. Während des Erzählens schließt sie fest die Augen. Einerseits muss es schmerzhaft für Ceija Stojka sein, an die Orte ihrer Kindheit zurück zu kehren. Andererseits sieht man ihr die Anstrengung an, kein Detail auszulassen, auch wenn es noch so grausam ist. Die Romni hat drei Konzentrationslager überlebt, als sie mit vierzehn Jahren von den Engländern aus Bergen-Belsen befreit wurde, waren nur noch rund sieben von 200 Verwandten einer großen Roma-Familie der Lovara (übersetzt Pferdehändler) am Leben. Heute schreibt sie Bücher, malt, singt traditionelle Roma-Lieder und leistet engagierte Öffentlichkeitsarbeit.

"Hätten die Alliierten noch 14 Tage gewartet, wäre auch über uns letzten Überlebenden Gras gewachsen. Die Grube, in der wir hätten begraben werden sollen, mussten wir bereits ausheben", erzählt Stojka einer Schulklasse im Amerlinghaus. Das Treffen organisierte der Verein Exil. Die Jugendlichen sind um die sechzehn Jahre alt und hören aufmerksam zu. "Haben Sie den Eindruck gehabt, dass die SS-Leute das freiwillig gemacht haben, oder doch großteils eingeschüchtert waren?", fragt eine Schülerin. "Ich denke schon, dass viele das gerne und mit Leidenschaft gemacht haben", antwortet Stojka und berichtet von einem vierjährigen Mädchen, das vor ihren Augen von einem SS-Offizier erschossen wurde. Das Kind hatte einen Apfel in der Hand, der ihr nach dem tödlichen Schuss wegrollte. Der SS-Mann hob ihn auf und aß ihn.

"Am Anfang waren meine Buchstaben noch riesengroß"

Die Romni ist eine elegante Erscheinung. Ihre Haare sind blond gefärbt und in einem Zopf zurück gebunden. Sie schildert den Jugendlichen die Zeit, in der sie heran wuchs: "Menschen saßen zuvor miteinander am Tisch und plötzlich haben sie sich gegenseitig umgebracht. Das entstand durch schlimme Erziehung und schlechte Aufklärung." Viele Jahre hatte Stojka nicht über ihre Erlebnisse während des Nazi-Terrors gesprochen, doch Ende der 80er Jahre, mehr als 40 Jahre nach der Befreiung, brach es aus ihr heraus. Sie begann zu schreiben. "Egal was ich tat, immer waren die Blätter zum Schreiben mit dabei", sagt Stojka.

Der Schulbesuch wurde den Roma-Kindern von den Nationalsozialisten verboten, daher ging sie nach Kriegsende freiwillig in die zweite Klasse zurück. Rechnen konnte sie gut, Schreiben hatte sie sich hauptsächlich selbst beigebracht, weshalb ihre Schrift und die Rechtschreibung nicht sattelfest wurden. "Eigentlich wäre das Geschriebene für meine Kinder gewesen, denn die eigenen Kinder bekritteln ja nicht", erinnert sich Stojka. "Am Anfang waren meine Buchstaben noch riesengroß, das war ich so von der Schule gewohnt."

Aus dem Verborgenen heraustreten

Stojkas Aufzeichnungen waren nicht zur Veröffentlichung gedacht, doch es kam anders: Eines Tages rief die Filmemacherin und Historikerin Karin Berger an, da sie an einem Widerstandsbuch arbeitete und an einem Interview interessiert war. "Ich habe mich für meine Schrift und meine Rechtschreibung geschämt", erzählt Stojka. Dank hartnäckiger Überzeugungsarbeit stimmte die Autorin zu, ihre Aufzeichnungen herzugeben. Schließlich wurde "Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin", ihr erstes von mittlerweile insgesamt drei Büchern und einem Gedichtband, veröffentlicht.

Bilder eines Lebens

Später kam die Malerei dazu, die sich Stojka auch autodidaktisch beibrachte. Ihre Arbeiten werden international ausgestellt, Ausstellungen führten sie bereits bis nach Japan. Ihre Bilder signiert sie fast immer mit einem Ast, als Erinnerung an jenen Baum, dessen Rinde sie im Konzentrationslager aß und der sie und andere Gefangene vor dem Hungertod rettete.

Nach Stojkas Bericht haben die SchülerInnen die Möglichkeit, das Gehörte durch Zeichnungen zu reflektieren. Nach einer Stunde sind die weißen Blätter verschwunden, zu sehen ist der dichte Wald von Birkenau, Stiefel von Nazis, Konzentrationslager, Gitter, aber auch grüne Wiesen und Pferde, die den schönen Teil von Stojkas Kindheit widerspeigeln. Aus den Bildern wird deutlich: Die Romni hat mit den SchülerInnen ihre Erinnerungen nicht nur geteilt, sondern sie weitergegeben.

"An erster Stelle steht der Hunger"

Im Laufe des Tages spricht sie mehrmals die Themen Toleranz, Respekt und gegenseitiges Verständnis an. Denn Roma und Sinti werden weiterhin diskriminiert. Stojka hat durch ihre Geschichte ein eigenes Bild der aktuellen Debatte um bettelnde Roma und Sinti: "Uns Nachkriegskindern, um nicht lästig zu sein, ist das Hausieren geblieben. Wir haben zum Beispiel die Trümmerfrauen von ihren Elendskleidern befreit und mit schönen Stoffen versorgt. Das funktionierte sehr gut, aber wir hatten dabei mehr mit Menschen zweiter Klasse zu tun, denn die Erste Klasse hätte uns nichts gegeben."

"An erster Stelle steht immer der Hunger. Wer nichts geben will, der soll wegschauen", meint Stojka. Von den Cents, die man erbetteln kann, könne man sich keinen Mercedes und kein Haus kaufen. Aber man könne Semmeln und Brot kaufen. "Wenn ein Kind nicht betteln darf, hat es Hunger. Man hat ihnen die Chance verwehrt, dass sie so weit studieren konnten wie andere Kinder", sagt Stojka.

Die Romni lebt heute in Frieden mit ihren Verwandten in Österreich, doch immer wieder kommen Momente des Zweifels auf, ob die Sicherheit andauern wird: "Heute schreien die Menschen wieder 'Auschwitzlüge', dabei habe ich Auschwitz auf der Hand", sagt Stojka und zeigt auf die eintätowierte Nummer auf ihrem Arm. "Wie sollen wir, die Opfer, weiteratmen, wenn die Jugend heute teilweise wieder danach lechzt, 'Heil' zu schreien?" Stojka macht eine Pause und fährt dann fort: "Wir leben, wir sind frei und können frei entscheiden. Es wartet kein SS-Mann mehr auf uns. Ganz zufrieden kann man jedoch nicht sein, denn es gibt immer noch die andere Seite der Politik. Auschwitz ist im Tiefschlaf, aber es ist alles an Ort und Stelle und die Menschen gibt es auch noch dazu." (Julia Schilly, derStandard.at, 10.6.2008)

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solange es Zeitzeugen gibt, sollen sie reden

eines verstehe ich aber nicht, wieso wurden Menschen verfolgt, die schon Jahrhunderte ansässig waren - können wir für die Zukunft etwas daraus lernen?

tolle frau! hab sie mal persönlich getroffen und war tief beeindruckt.

auch der artikel ist gut verfaßt, danke an die journalistin!

@redaktion:
roma, lowara, sinti sind seit jahrhunderten hier verwurzelt. diesen beitrag im integrationsresort unterzubringen ist aber wirklich derb daneben!

600 Jahre Sinti in Deutschland und Österreich - aber von Integration war nie die Rede - bis heute.
Wir Sinti wollen mit den Gadsche nichts mehr zu tun haben, wir wollen unter uns bleiben - es reicht uns nämlich, ständig eine in die Goschn zu kriegen. Die Zeiten sind heute andere, aber die Gadsche sind noch wie früher, sie werden sich nie verändern. Ich werde das sicher nicht mehr erleben, als "Zigeuner" ein willkommener, gern gesehener Gast zu sein.

Danke für den Artikel. Eine sehr sympathische Frau und es wird immer wichtiger die letzten Überlebenden noch zu interviewen, zu Wort kommen zu lassen.
PS: Es gibt folgende Kategorie von Postings die die Standardredaktion besser löschen sollte.

1) Poster die sich darüber beschweren dass man gelöscht wurde weil man was sagt was sich alle anderen Menschen einschließlich der umliegenden Planeten denken
2) Poster die sich wundern warum ausschließlich und nur, 24 Stunden am Tag und 7 mal die Woche nur über dieses Thema geschrieben wird und alles andere unerwähnt bleibt
3) Poster die sich es verbieten persönlich und unangesprochen für das Ganze verantwortlich gemacht zu werden
4) Poster die sich jetzt fragen wieviel sie jetzt zahlen müssen

Ihre Anregung wurde von der Redaktion dankbar aufgegriffen.

ich habe viel über KZ gelesen und auch einige filme gesehen

und jedesmal stellts mir die haare auf, ich hab gänsehaut vor entsetzen und tränen der trauer in den augen... es ist mir immer noch unvorstelbar das diese verbrechen menschen begangen haben, die genau wie ihre opfer familien (ich meine mütter, kinder, schwester und brüder) hatten und "menschlich" von ihren müttern erzogen wurden (die episode mit dem apfel erschütert mich sehr)...
mfg

und sie müßten sich umbringen

wenn sie zur kenntnis nehmen würden,daß auf der welt immer noch viele menschen genauso schäbig behandelt werden wie die juden im 3.reich.

zwar nicht bei uns in österreich aber in asien, afrika, mittelamerika werden immer noch menschen aufgrund von rassistischen motiven gezielt und in massen umgebracht.

aber das wird totgeschwiegen bzw. nicht wahrgenommen und man redet lieber über 70 jahre vergangenes an dem man nichts mehr ändern kann.

Freilich. Das ist doch sehr bequem in der Geschichte rumzugurken, sich selbst durch späte Geburt einen persilschein ausstellen und auf die anderen mit dem Finger zeigen.

Wenn die menschen also aus der Geschichte noch immer nichts gelernt haben,

IST DIES NICHT UMSO MEHR EIN GRUND, IMMER WIEDER AUF DIE GESCHICHTE HINZUWEISEN ?

zuerst gratulation für den Nick ;-) ; der hat was.

Obs was nützt, den Mensch auf den WKII darauf hinzuweisen?

Geh mal in ein Mac oder Linux Forum und poste, dass Windows das Beste OS ist. (oder umgekehrt) Dasselbe bei Fussball, Politik oder was weiss ich noch wo überall. Da wirst voll zur -²³³²"$"$§ gemacht.

Was hat dies mit dem Holocaust zu tun?
Bei einer Arbeitslosenquote von 40%, einer extremen Hyperinflation und einem Staat ohne Geld kannst du dir ausmalen was passieren wird, wenn Mensch "anders" ist.

nein

wenn die leute kollektiv so ein unrechtsbewußtsein für aktuelle probleme haben würden, dann wäre es besser.
es würde also viel mehr sinn machen die leute an aktuelle menschenrechtsverbrechen immer wieder zu erinnern.

dies wird aber nicht getan.

WOS heisst totgeschwiegen? WOS heisst nicht wahrgenommen? Nachdem Sie diese Info wohl nicht nur durch göttliche Erleuchtung erfahren haben, wird diese scheinbar öffentlich zugänglich sein, es gibt Hilfsorganisationen, amnesty international, Ärzte ohne Grenzen und etliche andere, die am Thema dran sind. Es gibt Diktaturen, die gestürzt werden. Es gibt Flüchtlingshilfe. Das alles hat es, bittschön, im dritten Reich nicht gegeben, auch gab es bis dato eine solch industrialisierte Tötungsmaschine NIRGENDWO weltweit. Ich seh schon, dass Sie krampfhaft suchen, zu relativieren, aber das wird Sie auch nicht wirklich entspannen.

Schau, ich sehs so:

mir gehts nicht ums relativieren oder um div. NGO's.

Mensch kümmert sich um Fussball, die neueste Mode, IPhone, PC etc. Alles gerechtfertigt, keine Frage.

Wenn man nun aber gross über WK II redet (wie kann so was passieren...) und gleichzeitig sein Lebensstil nicht ändert um heutigen Mist zu ändern (Klamotten aus Asien, Individualverkehr (in Afrika wüten die Öl Konzerne richtig deftig)) dann passt dies meiner Meinung nach nicht zusammen.

Aber so wird hin und wieder mal eine Online Petition unterschrieben, bei Licht ins Dunkel 10€ gespendet oder mit einem Posting sein bedauern ausgedrückt.

ich bin nicht die gesamte menschheit

das heißt wenn ich über etwas bescheid weiß, ändert das nichts daran, daß die große mehrheit tatsachen a) nicht weiß oder b) weiß,aber es egal ist.

und ich versuche nicht zu relativieren - nur würde ich es als menschliche größe betrachten, wenn man nicht über vergangenes soviel zeit verwendet sondern sich um inhumane dinge in unserer jetzigen welt kümmert.

die aussagen:"sowas darf nie mehr geschehen" sind einfach blödsinn.
denn von reden verhindert man garnichts - und solche grausliche dinge geschehen auch weiterhin - wenn auch geographisch nicht bei uns.

und an gegenwart/zukunft kann man noch was ändern - an vergangenem nicht.

verwechseln sie bitte nicht äpfel mit birnen! ich würde schon meinen das die KZ als menschenvernichtungsfabriken in dem ausmass bis jetzt einmalig waren.

umbringen würde ich mich nicht, aber genau so vor entsetzen gänse haut kriegen und tränen in den augen vor trauer.
mfg

Allerhöchsten Respekt vor dieser wunderbaren, mutigen und starken Frau !

Wer hier ein rotes Stricherl gibt, muss ziemlich krank sein!!!

Einer der Menschen, die man sich wünschen würde, wenn man sich ein gemeinsames Abendessen aussuchen könnte.

Ich höre und lese seit 1950

von Ausschwitz & Co. - und kann das alles nicht mehr hören.
Niemand von den armen, gemarterten Leuten macht sich Gedanken, dass sie mit der Zeit genau das Gegenteil von dem was sie eigentlich wollen, erreichen!

wissen sie was ich nicht mehr hören kann?

diese aufhetzer-parolen eurer oberindianer!
dieses schlechtmachen jeder kultur (ausgenommen die wirtshauskultur), dieses aufwiegeln und dieses angst schüren.
das kann ich nicht mehr hören!

ihr "nicht mehr hören woller"

seits genau der grund warum das thema unbedingt in den medien bleiben muss.

tag für tag .. stunde um stunde.

in den medien

sollte man lieber über aktuelle menschenrechtsverbrechen berichten gegen die man noch was tun könnte.

noch nie etwas von aufarbeitung gehoert?

die in der gegenwart vergangenes klaert und fuer die zukunft schlimmeres vermeiden hilft

Wenn man dafür sorgt, dass Verbrechen und deren Entstehungsweise nicht vergessen werden, auf dass sie sich nicht wiederholen, tut man genau das. Zukünftiges verhindern.

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