Für das 0:1 der ÖFB-Elf zum Auftakt waren verantwortlich: Schwerfälligkeit, Hektik, Harmlosigkeit - eine Netzwerkanalyse
Die Analyse der drei wichtigsten Passbeziehungen der Österreicher im Spiel gegen Kroatien zeigt, dass man endlich damit aufhören sollte, vermeidbare Niederlagen schönzureden.
Auf den ersten Blick lässt sich ein in allen Mannschaftsteilen robustes Netzwerk ausmachen: Sowohl auf dem linken (Gercaliu-Säumel-Ivanschitz) als auch auf dem rechten Flügel (Standfest-Aufhauser-Harnik) formieren sich stabile Dreiecke mit einer Tendenz zur finalen Integration in die Spitze (Linz). Erstaunlich auch die massive Reziprozität (Säumel/Gercaliu, Standfest/Harnik, Aufhauser/Ivanschitz) und das verhältnismäßig geringe Quergeschiebe in der Defensive – ein bedeutender Unterschied zur Performance der Schweizer, deren Spiel gegen Tschechien vergleichbar verlief.
Dennoch gelang es nur in der letzten halben Stunde, die sowohl körperlich als auch spielerisch schwächelnden Kroaten unter Druck zu setzen. Der Grund dafür lag nicht nur im frühen Gegentor und der sich dadurch potenzierenden Nervosität, sondern auch in der grundlegenden Ausrichtung des Spiels. Lange Zeit war das Team von einer unproduktiven Mischung aus zu hektischem und zu schwerfälligem Spiel in die Spitze befallen. Wie schon in den beiden letzten Tests konnte Andreas Ivanschitz kaum beschleunigende Impulse setzen. Joachim Standfest und Ronald Gercaliu zeigten sich auf den Flügeln defensiv überfordert und offensiv harmlos.
Erst als das Team mit steilen Diagonalpässen die Schnelligkeit und unorthodoxe Spielweise von Martin Harnik aktivierte, begann die altertümliche kroatische Defensive zu schwitzen. Überragende Akzente konnte schließlich Ümit Korkmaz setzen: Sowohl seine Dribblings als auch seine Zuspiele und Schüsse brachten Österreich zumindest in die Nähe eines Punktgewinns. Nicht nur die Fehlbesetzung an den Flügeln, sondern auch der bizarre Auftritt von Roman Kienast verweisen auf die entscheidende Mitverantwortung der Personalpolitik von Teamchef Hickersberger an der Niederlage. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 10. Juni 2008)
MEISTE PÄSSE/PASSVERSUCHE
1. Standfest–Harnik 17
2. Gercaliu–Säumel 15
3. Prödl–Harnik 11
3. Säumel–Ivanschitz 11
3. Standfest–Linz 11
6. Harnik–Standfest 10
6. Stranzl–Standfest 10
8. Gercaliu–Ivanschitz 9
8. Säumel–Gercaliu 9
8. Pogatetz–Stranzl 9
8. Gercaliu–Linz 9
AM ÖFTESTEN ANGESPIELT
1. Harnik 61
2. Ivanschitz 60
3. Linz 52
4. Aufhauser 51
4. Standfest 51
6. Säumel 36
7. Gercaliu 29
8. Pogatetz 27
9. Stranzl 25
10. Prödl 22
11. Vastic 18
12. Korkmaz 13
GABEN DIE MEISTEN PÄSSE
1. Standfest 57
2. Pogatetz 53
3. Aufhauser 52
4. Ivanschitz 46
5. Stranzl 42
6. Gercaliu 40
7. Prödl 38
8. Säumel 37
9. Harnik 36
10. Macho 17
11. Vastic 14
12. Korkmaz 13
13. Linz 12
SCHLÜSSELSPIELER*
1. Standfest 108
2. Ivanschitz 106
3. Aufhauser 103
4. Harnik 97
5. Pogatetz 80
6. Säumel 73
7. Gercaliu 69
8. Stranzl 67
9. Linz 64
10. Prödl 60
11. Vastic 32
12. Korkmaz 26
13. Macho 21
14. Kienast 14
*Gegebene und angenommene Pässe
ERFOLGREICHE PÄSSE IN %
1. Korkmaz 92,31 (12 von 13)
2. Vastic 85,71 (12 von 14)
3. Linz 83,33 (10 von 12)
4. Aufhauser 82,69 (43 von 52)
5. Säumel 81,08 (30 von 37)
6. Stranzl 80,95 (34 von 42)
7. Gercaliu 77,50 (31 von 40)
8. Ivanschitz 76,09 (35 von 46)
9. Pogatetz 71,70 (38 von 53)
10. Standfest 68,42 (39 von 57)
11. Harnik 66,67 (24 von 36)
11. Kienast 66,67 ( 2 von 3)
ANTEIL ERFOLGREICHER PÄSSE
1. Aufhauser 12,43
2. Standfest 11,27
3. Pogatetz 10,98
4. Ivanschitz 10,12
5. Stranzl 9,83
6. Gercaliu 8,96
7. Säumel 8,67
8. Prödl 7,23
Der Ansatz
Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert, der Codierprozess dauert drei bis vier Stunden, dann beginnt die statistische Erfassung. Der Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird interpretiert. Zwei Software-Programme visualisieren ein Netzwerk, das dann quasi noch durch den Illustrator geschickt wird.
In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten Passpartnern jedes Spielers verdeutlicht, wobei schon der intendierte Pass, sozusagen der Passversuch, in der Wertung berücksichtigt wird.
Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen der jeweils angekommenen und abgegebenen Pässe.
Die Analytiker
FAS.research, in Wien und New York ansässig und schon bei der WM-Endrunde 2006 in Deutschland im Einsatz, beobachtet sämtliche Länderspiele der österreichischen Nationalmannschaft sowie – nach der Vorrunde – jedenfalls fünf weitere EURO-Spiele exklusiv für den Standard.
Mannschaft: Ruth Pfosser, Harald Katzmair und Helmut Neundlinger.
Im FAS-Web-Shop gibt’s die Netzwerkanalysen zu kaufen, Format A1, 39 Euro.
Die Galerie KoKo (1060 Wien, Mittelgasse 7) stellt die Netzwerk-Visualisierungen aus.