Gehorchen oder kicken

Redaktion, 11. Juni 2008, 18:43

Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

Josef Hickersberger wurde, wie ich auch, in den 1950ern sozialisiert. Viele Lehrer waren von der NS-Ideologie geprägt, denn es war ja nicht so, dass nach 1945 das Personal an den Schulen komplett ausgetauscht hätte werden können, es unterrichteten jene weiter, die gerade noch über „Herrenmenschen“, über das „Recht des Stärkeren“ und das „bedingungslose Dienen“ fantasiert hatten. Unsere Fußballlehrer ließen uns strammstehen und redeten mehr über Härte und Disziplin als über Technik und Spielwitz.

Erst in den 1970er-Jahren lehnte sich die Jugend gegen die autoritären Narren auf. Wir akzeptierten nicht länger einen sinnentleerten Begriff von Unterwerfung als höchsten Wert und verweigerten uns unsinnigen Befehlen und geistigem Schutt. Der wirtschaftliche Erfolg Österreichs, der Aufbau moderner Strukturen wäre im Übrigen mit der verstaubten Ideologie niemals möglich gewesen.

Auch der junge Hickersberger war kein Braver. 1975, er spielte in der deutschen Bundesliga, holte ihn Teamchef Branko Elsner zwar zum Länderspiel, setzte ihn dann aber nicht ein. Eine Entscheidung, die der Spieler nicht akzeptieren wollte. Er erklärte erbost seinen Rücktritt aus dem Nationalteam. Der Nachfolger von Elsner, Helmut Senekowitsch, drehte ihm allerdings keinen Strick daraus, sondern berief ihn schon nach einem Jahr wieder ein. Und Elsner selbst machte Hickersberger später zu seinem Assistenten. Großzügige, sachlich denkende Respektpersonen.

Im Vorfeld der EURO verhielt sich der Teamchef plötzlich so, als wäre er selbst immer nur ein heiliges Lamperl gewesen. Dass er Paul Scharner nicht einberufen wollte, mag ja noch angehen. Die Aussage „Der Teamchef macht, was er will“ schon weniger. Aber in aller Öffentlichkeit zu sagen, Scharner hätte dem Teamgeist nicht gutgetan, ist eine arge, menschlich inakzeptable Hinrichtung eines jungen Menschen.

ÖFB-Chef Stickler meinte in einem derStandard.at-Chat, wir dürften schrille Spieler, wie vergleichsweise Wayne Rooney, nicht verlieren. Der Teamchef aber sieht als höchste Werte vor allem Pünktlichkeit, die er selbst dem Vernehmen nach als Spieler nicht immer eingehalten hat, und Disziplin, und er sagt: „Ich kann streitende Spieler einfach nicht mehr einberufen.“ So haben wir also gut angepasste Kicker, die sich brav und pünktlich den Hals waschen, dem Teamchef nicht widersprechen, immer parieren und nette Interviews führen. Aber war da nicht noch etwas? (Peter Menasse; DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 10. Juni 2008)

Zur Person:

Peter Menasse, Kommunikationsberater in Wien, Chefredakteur des Magazins NU. www.nunu.at

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

    Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

    Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

  • Der doppelte Boden [6]

    Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

    Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

    Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

  • Gehorchen oder kicken [11]

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

    Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

    Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

Kommentar posten
11 Postings
Ultra
00
IN DER TAT

es ist unerträglich, wie sich diese durch und durch disziplinierten profi-kicker benehmen (müssen) heutzutags unter so einem trainer!°

black jack
00
10.6.2008, 00:11
Naja, die brauchen nur aufzustehen und zu sagen:"Nein danke!"

Aber den Mut brachte nur Paul Scharner bzw dessen Mentalcoach auf.

gistof
21
unglaublich

Manche Autoren kommen noch auf das Nazithema wenn Sie über ihren morgentlichen Stuhlgang berichten. Keine Ahnung was das soll.

invodaseibua
00
10.6.2008, 20:02
Ich vermute, die österreichische Erbschuld ...

bis zum St. Nimmerleinstag.
"Ich bin schuldig, ich bin schuldig, ich bin schuldig, ich bin schuldig, ich bin schuldig, ich ....

J.J
53
Mal wieder

so ein Nazi-Schrott-Geschwafel.
Grässlich.

Hans Müller1
 
09
Die NS Referenz ist völlig überflüssig, da haben Sie recht

Die inhaltliche Kritik (Anpassung vor Erfolgshunger) an Hicke's Führungsstil trifft's aber auf den Punkt

Muni
02
bei hicke wirds kritisiert ...

... bei happel wäre es sein erfolg bringender stil gewesen - jedenfalls ein beitrag zum vergessen ...

Hans Müller1
 
01
10.6.2008, 11:47
ja, weil er auch gleichzeitig erfolgreich und kompetent war

im übrigen kann ich mich nicht erinnern dass Happel aufmüpfige Spieler aus der Mannschaft geworfen hätte; Wenn das seine einzige Strategie gewesen wäre wäre er nie dieser Erfolgreiche Trainer geworden; Im Gegensatz zum Hicke konnte Happel schwierige Spieler wohl trotzdem integrieren

mutation
00

da hast du recht, aber der happel ist halt schon lange tot. wir leben in einem neuen jahrzehnt, jahrhundert, jahrtausend.

hickersberger ist eh lieb, aber wenn meine kinder so einen lehrer hätten, würde ich sie aus der schule nehmen.

unter bilic, van basten, donadoni, würde der ivanschitz nie und nimmer kapitän sein. unterm hickersberger gibts keinen besseren.

black jack
12
Unter Happel, Donadoni, Van Basten und Bilic

wär ein Scharner, ein Maierhofer oder Ibertsberger in der Startelf und Ivanschitz dürfte den Lehrbuben, der er ist, auch im Team spielen.

cannery row
00
dann.

ist er aber kein fussballtrainer, tut mir leid. ich hör ihn grad schon wieder: "das ergebnis ist schade, aber die leistung war in ordnung." stimmt de facto eh - aber, wie wir z.b. am match italien/niederlande gesehen haben: das ist keine eislaufkür. ein bissl realitätssinn wär schon ok.

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