Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schultern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse
Josef Hickersberger wurde, wie ich auch, in den 1950ern sozialisiert. Viele Lehrer waren von der NS-Ideologie geprägt, denn es war ja nicht so, dass nach 1945 das Personal an den Schulen komplett ausgetauscht hätte werden können, es unterrichteten jene weiter, die gerade noch über „Herrenmenschen“, über das „Recht des Stärkeren“ und das „bedingungslose Dienen“ fantasiert hatten. Unsere Fußballlehrer ließen uns strammstehen und redeten mehr über Härte und Disziplin als über Technik und Spielwitz.
Erst in den 1970er-Jahren lehnte sich die Jugend gegen die autoritären Narren auf. Wir akzeptierten nicht länger einen sinnentleerten Begriff von Unterwerfung als höchsten Wert und verweigerten uns unsinnigen Befehlen und geistigem Schutt. Der wirtschaftliche Erfolg Österreichs, der Aufbau moderner Strukturen wäre im Übrigen mit der verstaubten Ideologie niemals möglich gewesen.
Auch der junge Hickersberger war kein Braver. 1975, er spielte in der deutschen Bundesliga, holte ihn Teamchef Branko Elsner zwar zum Länderspiel, setzte ihn dann aber nicht ein. Eine Entscheidung, die der Spieler nicht akzeptieren wollte. Er erklärte erbost seinen Rücktritt aus dem Nationalteam. Der Nachfolger von Elsner, Helmut Senekowitsch, drehte ihm allerdings keinen Strick daraus, sondern berief ihn schon nach einem Jahr wieder ein. Und Elsner selbst machte Hickersberger später zu seinem Assistenten. Großzügige, sachlich denkende Respektpersonen.
Im Vorfeld der EURO verhielt sich der Teamchef plötzlich so, als wäre er selbst immer nur ein heiliges Lamperl gewesen. Dass er Paul Scharner nicht einberufen wollte, mag ja noch angehen. Die Aussage „Der Teamchef macht, was er will“ schon weniger. Aber in aller Öffentlichkeit zu sagen, Scharner hätte dem Teamgeist nicht gutgetan, ist eine arge, menschlich inakzeptable Hinrichtung eines jungen Menschen.
ÖFB-Chef Stickler meinte in einem derStandard.at-Chat, wir dürften schrille Spieler, wie vergleichsweise Wayne Rooney, nicht verlieren. Der Teamchef aber sieht als höchste Werte vor allem Pünktlichkeit, die er selbst dem Vernehmen nach als Spieler nicht immer eingehalten hat, und Disziplin, und er sagt: „Ich kann streitende Spieler einfach nicht mehr einberufen.“
So haben wir also gut angepasste Kicker, die sich brav und pünktlich den Hals waschen, dem Teamchef nicht widersprechen, immer parieren und nette Interviews führen. Aber war da nicht noch etwas? (Peter Menasse; DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 10. Juni 2008)
Zur Person:
Peter Menasse, Kommunikationsberater in Wien, Chefredakteur des Magazins NU. www.nunu.at