Arbeiten einer der letzten Tapisserie-Manufakturen Mitteleuropas sind derzeit im Waldviertel zu sehen
Jindřichův Hradec – Altrosa in all seinen Schattierungen, Lindgrün, Petrolblau, Kupfer, Perlweiß. Die Wollspulen sind, sorgfältig sortiert, auf Holzrahmen gesteckt. Ansonsten eine fensterlose, farblose Halle. Frauen beugen sich über Flachwebstühle. Unter ihren Händen eine Renaissancearbeit aus dem 17. Jahrhundert, eine Jagdszene aus dem Schwarzenberg’schen Schloss Hluboka.
Das Restaurieren alter Arbeiten hält die Tapisserie-Werkstatt über Wasser. Gegründet wurde die Manufaktur vor 100 Jahren in Prag. Die Textilkünstlerin Marie Hoppe-Teinitzerová wollte die Moderne in die Tradition des Handwerks hineintragen. Ebenso war es, wie Direktor Jan Fiedler erklärt, Teinitzerovás Anspruch, „zur Ehre der ganzen Nation“ die künstlerische Eigenständigkeit innerhalb der k.u.k. Monarchie zu demonstrieren.
Schon 1910 übersiedelte die Werkstatt ins südböhmische Jindřichův Hradec (Neuhaus) in eine ehemalige Gerberei unterhalb der imposanten Schlossanlage. Die Zusammenarbeit mit tschechoslowakischen Künstlern zeigte schon bald internationalen Erfolg. Der Zyklus „Remesla“ (Handwerk) von František Kysela wurde 1925 bei der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes in Paris mit der Goldmedaille ausgezeichnet.
Dieser achtteilige Zyklus wurde in Jindřichův Hradec in der Folge zweimal kopiert. Das erste Mal, weil das Original die Farbintensität verliert und daher im Depot lagert. Die Kopie ist im Obečni Dům in Prag ausgestellt. Das zweite Mal für den Filmproduzenten John Silver aus Hollywood („Matrix“). „Der Auftrag hat uns geholfen, eine neue Generation von Weberinnen auszubilden“, so Direktor Fiedler. Doch so ein Onkel aus Amerika kommt nicht alle Tage.
Auch österreichische Künstler wie Hubert Araytm haben in Jindřichův Hradec weben lassen. Die Ausdrucksstärke der Arbeiten strahlt auch in der ungemütlichen Werkshalle. „Neben einem Gobelin kann man das Bild, nach dem er gefertigt wurde, wegschmeißen. Der Stoff hat Struktur, er hat Farbintensität, er lebt“, schwärmt die österreichische Textilkünstlerin Vesna, die die Arbeiten derzeit im Schüttkasten Primmersdorf bei Raabs an der Thaya im Waldviertel ausstellt (noch bis 26. Juni).
Nach dem Tod der Gründerin 1960 wurde die Manufaktur verstaatlicht. Mit dem damaligen Leiter Josef Müller kam ein innovativer Designer zum Zug, der mit einer neuen Technik variierende Farbtöne im Gewebe umsetzte.
In den 1990er-Jahren wurde die Werkstatt an Marie Teinitzerovás Nichte restituiert. Doch als die kinderlose Frau nach ihrem Tod die Werkstättengebäude an die Kirche vermachte, war die Miete für den Betrieb bald nicht mehr zu zahlen. Seitdem sind die 15 beschäftigten Frauen in die Halle einer ehemaligen Spirituosenfabrik übersiedelt. Die Unterstützung des tschechischen Staates für dieses aussterbende Handwerk hält sich in Grenzen. Doch es gibt Hoffnung. Das Kulturministerium will ein historisches Gebäude in Jindřichův Hradec ankaufen und dort neben einer Galerie auch Werkstätten Heimat geben. Die Qualität, so ist Jan Fiedler überzeugt, lässt sich nur dann erhalten, wenn die Kunstfertigkeit von Generation zu Generation weitergegeben wird. (Mella Waldstein/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. Juni 2008)