Hickersberger nach 0:1-Auftakt: "Das Schlimmste, was im Fußball passieren kann"
Stegersbach – Es war eine lange Nacht für das österreichische Team. Nach der 0:1-Niederlage gegen Kroatien hatte man sich im Kursalon das Match Polen gegen Deutschland zu Gemüte geführt und kam erst gegen zwei Uhr zur Ruhe - Und während sich Teamchef Josef Hickersberger dank einer "gewissen senilen Bettflucht" schon in den frühen Morgenstunden auf dem Golfplatz einfand, durften die Akteure ausschlafen.
Trotz schmerzlicher Niederlage am Vorabend und nicht berauschendem Golfspiel (1 Birdie) fühlt sich "Hicke" aber schon wieder "großartig, auch wenn alle enttäucht waren, ein derart wichtiges Spiel vor so einer tollen Kulisse verloren zu haben."
"Gerechter Elfmeter"
Die Zeitungen hat sich der Teamchef am Morgen erspart, er wollte unbelastet in die Pressekonferenz gehen, wie er sagte.
Das Spiel wurde noch nicht analysiert, das wird aber selbstverständlich nachgeholt. Man hat erwartet, dass Kroatien viel Druck erzeugen wird. Gerechnet hat man auch damit, dass die Gäste versuchen würden, das ÖFB-Team einzuschüchtern und zu beeindrucken. Nicht gerechnet aber habe man trotz perfekter Einstimmung auf den Gegner damit, dass es schon in der dritten Minute einen "gerechten Elfmeter" geben könnte.
"In der zweiten Halbzeit dominiert"
Trotz dieses traumatischen Beginns entschloss sich der Teamchef, "die Marschroute zumindest bis zur Halbzeit beizubehalten". Positiv vermerkte der Teamchef, dass die "Situation gar nicht so schlecht gemeistert" wurde und man "in der zweiten Halbzeit sehr gut ins Spiel fand und schließlich sogar dominierte".
Dabei vergaß Hickersberger nicht, zu betonen, dass Österreichs Team irgendwo um Platz 90 der FIFA-Weltrangliste herumgrundelt und die Kroaten immerhin um Platz zehn zu finden sind.
"Einige Spieler nicht in Topform"
Blöderweise befinden sich "ausgerechnet jetzt einige Team-Spieler nicht in absoluter Bestform", aber dass das Team als solches funktioniert, sei sehr erfreulich, so ein stets gefasster Hickersberger, der journalistische Versuche, die Stärke der Kroaten in Frage zu stellen, erst gar nicht zulassen wollte.
Neues Rätsel
Der Teamchef hatte nach diversen kryptischen Aussagen in den letzten Tagen auch am Montag wieder ein Rätsel für die Öffentlichkeit parat. Es soll Expertenlob und sogar Interesse von Gerard Houllier (Ex-Liverpool-Coach) an einem Hickersberger-Schützling gegeben haben, über den Namen aber hüllte der Teamchef wieder einmal den Mantel des Schweigens. Er verriet nur soviel, dass hierzulande wohl niemand an diesen Herrn denken würde.
Gercaliu statt Fuchs
Dass er Gercaliu gegenüber Fuchs den Vorzug gab, obwohl Letzterem das 3-5-2-System von Mattersburg bestens vertraut sein dürfte, war keine leichte Entscheidung. Schließlich brachten die bessere Trainings-Verfassung und Gercalius Defensiv-Qualitäten die Entscheidung.
Für den kommenden Gegner Polen fand der Teamchef lobende Worte. Die Beenhakker-Truppe hat "sehr gut gegen eine sehr gute deutsche Mannschaft gespielt, auch wenn in manchen Situationen einfach das Glück fehlte." Mit den Polen hat man gemeinsam, dass ein Sieg nun Pflicht ist, was die Sache nicht erleichtert, aber doch für beide gleichen Druck bedeutet.
Der Plan
Wenn das ÖFB-Team noch einmal gegen Kroatien antreten dürfte, würde Hickersberger wieder genauso defensiv aufstellen. "Wir sind schließlich nicht Brasilien". Geplant war, tief zu stehen, die Kroaten-Defensive herauszulocken, um schnelle Gegenstöße forcieren zu können. Das Rezept hat allerdings erst, bedingt durch die Ereignisse, in der zweiten Halbzeit funktioniert. Zurückzuführen sei dies nicht zuletzt auf die starke Physis, die gute Vorbereitung. "Die Kroaten wirkten nach dem Spiel nicht mehr ganz so fit", gab der Teamchef zu bedenken.
Überhaupt sei "die zweite Halbzeit die beste des ÖFB-Teams - zumindest unter mir - gewesen", erklärte Hickersberger und strich gleich auch noch die tolle Stimmung im Happel-Stadion heraus: "Für diese Spiele lohnt es sich, Teamchef zu sein."
Aber "gut spielen und trotzdem verlieren, ist das Schlimmste, was einem im Fußball passieren kann, weil man leicht den Eindruck gewinnen könnte, man sei mit Niederlagen zufrieden. Das ist ganz schlimm, weil dann die Spieler vielleicht zu wenig überlegen, was sie noch besser hätten machen können", so Hickersberger. Lieber wäre ihm gewesen, "wir hätten katastrophal gespielt und zum Beispiel durch einen geschenkten Elfer gewonnen." (Thomas Hirner für derStandard.at aus Stegersbach)