Das ÖFB-Team hat gegen Kroatien verloren, aber Sympathien gewonnen
Wien - Nun ist also eingetreten, was unter dem Diktat des Realimus zu erwarten war. Österreichs Nationalteam hat sein erstes Spiel bei einer Europameisterschaft verloren. Noch gibt es kein Wiener Wunder, dafür aber etwas vermutlich ohnehin Gesünderes: Weiterentwicklung.
Denn was war das für eine Niederlage, im Vergleich zu jener 1:4-Verächtlichmachung aus dem letzten Aufeinandertreffen mit Kroatien vor fast genau zwei Jahren?
80 Minuten lang war das Team Josef Hickersbergers am Sonntag dem hoch eingeschätzten Gegner mindestens ebenbürtig, 50 eher überlegen - davon 20 drückend.
Doch beginnen wir mit dem Anfang, der dank René Aufhausers eigenartig lustlosen Eingreifens gegen Olic nicht hätte schlimmer ausfallen können. Wenn überhaupt eine Intervention gegen den sich Richtung Toraus bewegenden Kroaten notwendig gewesen sein sollte, sie hätte entschieden gegen den Ball geführt werden müssen.
Nach dem folgenden Rückstand konnte es dem Beobachter zunächst Angst und Bang um die Österreicher werden, denen der Mangel an Turnier-Erfahrung aus allen Poren drang.
Hickersberger war nicht über seinen Schatten gesprungen. Das Ergebnis seiner Risikoabwägung materialisierte sich in einer sehr konservative Formation: Sebastian Prödl, Martin Stranzl und Emanuel Pogatetz formierten eine Dreierkette, davor agierte mit Aufhauser und Jürgen Säumel eine Doppel-Sechs im Mittelfeld. Und schließlich wurden Joachim Standfest und Ronald Gercaliu (die Überraschung im Aufgebot) auch eher zur Einhegung der kroatischen Flügel installiert.
Das gelang nach dem Elferschock weniger als unzureichend. Der auf der rechten Seite vermutete, aber immer wieder links daherkommende Olic (im Verbund mit Petric) war nicht greifbar. Modric, der sehr einer klassischen Zehn ähnlte, dominierte im Zentrum. Gercaliu brachte Srna nicht unter Kontrolle. Zentnerschwer schien die Last des Anlasses auf den Schultern der ÖFBler zu lasten. Unsortiert und zögerlich waren sie immer mindestens einen Schritt zu spät dran.
Auf der linken Seite vermochte es das Duo Säumel/Gercaliu, eine konsistentere Beziehung zu etablieren als Aufhauser und Standfest. Eine zwar nur relative Stärke, aber immerhin. Der Mann von Austria Wien war von Eifer aufgeladen, dieser brach sich jedoch oft in Form von Hast Bahn, dem der Ballverlust auf dem Fuße folgte.
Roland Linz und der offensiver als in den Frühjahrstests operierende Martin Harnik litten an Isolation, konnten sie dann einmal in die Partie eingreifen wurde ihr eigentliches Potential umso schmerzlicher sichtbar.
Es dauerte bis zur 39. Minute, als erstmals ein Österreicher (ausgerechnet der ansonsten offensiv völlig wirkungslos bleibende, sowie technische Schwächen offenbarende Standfest) bis zur gegnerischen Grundlinie durchging und prompt eine gute Flanke für Gefahr sorgte.
Nach einer halben Stunde - Kroatien hatte sich zu diesem Zeitpunkt dankenswerter Weise selbst etwas aus dem Spiel genommen - begann das Team langsam, seine Befangenheit abzulegen. Österreich bekam Oberwasser, das Tempo wurde sukzessive angezogen. Der hinter den Spitzen rochierende Andreas Ivanschitz baute im Verbund mit dem robusten Säumel immer mehr Druck nach vorne auf. Prödel gelangen mit weiten vertikalen Passes auf Gercaliu einige konstruktive Spieleröffnungen. Trotzdem blieb ein Kopfball des Bald-Bremers die einzige Andeutung einer Torgelegenheit.
Ein fulminantes Solo von Ivanschitz gab gleich nach Seitenwechsel den Ton für den Rest des Geschehens vor. Dem ungeheuer agilen Kapitän gelang einer seiner besten Auftritte im Teamdress, sogar taktische Fouls orchestrierte er meisterhaft. Einzig mangelnde Torgefahr könnte als kleiner Fleck auf seiner weißen Weste ausgemacht werden. Österreich trug das Spiel in die gegnerische Hälfte und zwang die Kroaten durch jetzt autoritatives Auftreten zu immer mehr Fehlern. Das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten wuchs minütlich, das Spielerische mischt sich immer häufiger in die Herangehensweise des Teams. Endlich macht sich Harnik bemerkbar, der seine nach gut 50 Minuten im Stakkato vorfallende Hereingaben aber zu sehr unter dem Motto hop oder drop exekutierte.
Die inzwischen längst stabilisierte Defensive agierte zunehmend proaktiv und unterband kroatische Ansätze noch bevor diese überhaupt entstehen konnten. Allein Pogatetz unterliefen immer wieder Schnitzer. Er, der nach einem Foul an Olic und seiner großen Aufregung nach dem Elfmeter am Rande des Ausschlusses gewandelt war, fand bis zum Ende die Ruhe nicht so recht wieder.
Nachdem Hickersberger den lautstark geforderten Ivica Vastic (61.), sowie Ümit Korkmaz (69.) statt Säumel und Gercaliu gebracht hatte, gruppierte sich das Team in ein 4-4-2 um. Standfest wich in die Viererkette zurück. Ein immens fittes Österreich schnürte Kroatien immer fester ein. Und zwar in bemerkenswert nonchalanter und immer konstruktiver Weise. Korkmaz verzichtete auf Anlaufzeit und heizte Corluka sofort ordentlich ein. Er kannte nur eine Richtung: vorwärts. Vastic begann bedächtiger brachte dann jedoch ein deutliches Plus an Spielkultur. Beide, besondes jedoch der couragierte Rapidler, lieferten durch ihren Auftritt gute Argumente für einen Platz in der Startelf. Phasenweise roch es fast nach Hollywood, als im Vorwärtsdrang der Abwehrverband fast völlig aufgelöst wurde und Standfest als einzig übriges Glied der ehemaligen Kette alleingelassen stand.
Dem für den harmlos gebliebenen Linz gekommene Roman Kienast, der als erste Aktion einen das Stadion-Rund verblüffenden Mehrfach-Übersteiger wählte, blieb es vorbehalten, für die tornahste Aktion der Österreicher zu sorgen. Sein Kopfball in der Nachspielzeit strich recht knapp am langen Pfosten vorbei. Und Jürgen Macho? Die so spät aufgedeckte Nummer eins, bekam in 90 Minuten keinen einzigen Europass zu halten. Schade, dass trotzdem einer den Weg in sein Netz gefunden hatte. (Michael Robausch - derStandard.at, 8.6. 2008)