"Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg
"Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr.“ Sagte Bill Shankly, der legendäre Trainer des
FC Liverpool. Und hat damit natürlich uneingeschränkt Recht. Fußball wohnt eine Größe inne, die normalerweise von Frauen, die aufgrund ihrer Gehirnentwicklung allem Abstrakten wenig abgewinnen können, nicht erkannt werden kann. Philosophen versuchten sich an der Deutung, Jean-Paul Sartre etwa: „Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Oder Otto Rehhagel, Europameistertrainer, mit der Aussage: „Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen.“ Wobei zu bemerken wäre, dass Rehhagel den Punkt exakter trifft als sein kurzsichtiger französischer Kollege.
Das Wort Fußballspiel ist irreführend. Es handelt sich nicht um ein Spiel, um Leichtigkeit, um Experimente, die eben mal glücken oder nicht, sondern die Kiste ist bitterernst. Unfassbar grausam haben sich in mein Bewusstsein die Minuten nach dem Ausscheiden der Schweizer Mannschaft bei der WM vor geraumer Zeit gegraben. Meine kleine Heimatstadt Zürich lag begraben unter einem Mantel des Entsetzens. Wir waren ein Volk von Verlierern geworden. Das ist Fußball. Wer behauptet, es sei ein Spiel, hat den heiligen Ernst nicht begriffen. Fußball hat nichts Erheiterndes. Es gibt in einem Kampf keinen Raum für Humor, denn es ist ernst. Versuche, die Situation aufzulockern: „Im Training habe ich mal die Alkoholiker meiner Mannschaft gegen die Antialkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1. Da war’s mir wurscht. Da hab ich g’sagt: Saufts weiter.“ Max Merkel, Meistertrainer. Oder Beckenbauer, der den berühmten Satz prägte: „Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.“
Gelacht wird draußen. Oder auch drinnen, bei den Frauen, die sich nicht entblöden, Fußball allein nach sexuellen Kriterien zu bewerten. Luca Toni sieht scharf aus, Schweinsteiger hat was Animalisches. Schwer aus dem Tierreich auch Loddar: „Ein Lothar Matthäus lässt sich nicht von seinem Körper besiegen, ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal“, sagte er, und natürlich ist das purer Sex! Das ist das Ursystem. Mann bekämpft anderen Mann. Macht ihn tot. Kriegt die heißeste Schnitte, und das wirst du, fußballschauende Hausfrau, nie sein. Fußballer verkehren mit dem weiblichen Ende der Nahrungskette: mit Models. Der Nervosität vor dem nächsten Spiel vermag ich nur mit einem letzten Satz der Fußballphilosophen zu begegnen: „Grau ist alle Theorie, wichtig ist auffem Platz.“ Adi Preißler, Dortmunder Fußballlegende. (Sibylle Berg, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 9. Juni 2008)
Zur Person:
Sibylle Berg, geb. in Weimar, lebt in Zürich. Buchautorin (zuletzt „Die Fahrt“) und Theaterautorin.
Link:
www.sibylleberg.ch