Der Platz vor dem Burgtor

9. April 2008, 19:00
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An einen autofreien Ring, meinte die Dame, könne sie sich gewöhnen

Es war am Freitag. Da verstand ich, wieso es doch keine billige Phrase ist, wenn einem an jedem Eck und aus jedem Medium entgegenhallt, dass die EURO tatsächlich ein Segen ist. Aber vermutlich liege ich damit trotzdem falsch. Wieder einmal.

Am Freitag hatte ich nämlich kurz so etwas wie Überblick. Ich stand auf jener Plattform, die der Kaffeeröster mit dem Mohren so elegant zwischen die beiden Museen am Ring gequarrt hat und schaute hinunter. Auf den Ring, zum Burgtor – und überallhin, wo das Auge noch etwas anderes als übermannshohe Zäune vorgesetzt bekommt. Hinter mir versuchte G., die Moderatorin, verzweifelt die Aufmerksamkeit der Eröffnungsgäste der Kaffeewelt auf irgendwelche Kaffeeexperten zu lenken. Ohne großen Erfolg: nach etwa zehn Minuten hatte wohl auch der höflichste Gast sich geistig verabschiedet – und schaute auf die Straße.

Autofrei

Denn der Ring war autofrei. Und er wurde überall dort, wo er nicht zugezäunt ist, von den Menschen in besitz genommen. Und zu dem umfunktioniert, was dann seit Samstag auch – aber eben kommerziell und straff durchorganisiert – in den abgesperrten Regionen passiert: Der Ring war Fußgängerzone. Darüber konnten auch die Liefer-, Einsatz und Funktionärswägen nicht hinwegtäuschen. Und genau vor dem Burgtor, auf den Betonwänden, die auch das letzte Auto noch davon abhalten sollten, in die Fanzonenzäune zu rauschen, saßen ein paar Kids und picknickten.

Radfahrer, Flaneure, Pärchen mit Kinderwägen, Kinder und Hunde spazierten, radelten oder tollten herum – und auch die Polizisten, die da unten darauf achten sollten, dass ja alles gesittet zuging, wirkten entspannt und fröhlich. Es war fast so, als wäre es nicht Wien. Das meinte jedenfalls die Dame, die da im eleganten Businesskostüm neben mir am Geländer stand und auf den Ring und den Platz vor dem Tor schaute. Daran, meinte sie und zeigte hinunter, könne sie sich gewöhnen.

Zäune abbauen

Ihr Begleiter wollte widersprechen, wurde aber übergangen: Wenn dann noch jemand die Zäune abmontieren und die Zu- und Übergänge in die Innenstadt wieder freigeben würde, meinte die Dame, dann wäre fast so etwas wie ein Idealzustand von Stadt erreicht. Eine Fußgängerzone am Ring – und wenn in Amsterdam die Straßenbahn durch so was fahren könne ohne scharenweise Passanten nieder zu mähen, dann… und so weiter – und jetzt dürfe ihr Begleiter sagen, was er dagegen einzuwenden habe: Stau, schloss die Frau, gebe es nämlich ohnehin immer. Egal, wie viele Straßen gesperrt oder ausgebaut würden.

Der Begleiter gab sich geschlagen: Eigentlich, meinte er, habe die Dame ja eh recht. Und ihm sei gerade noch etwas Anderes aufgefallen. Das sage er jetzt ab nicht, um des lieben Frieden willens, sondern weil es so sei: die Stadt rieche hier gerade anders. Nicht mehr nach Abgasen – und noch nicht nach Bierzelt und Pissoir. Das, meinte der Mann, sei etwas, was er wirklich als positiven EURO-Effekt verbuche.

Vorspiel

So, meinte er, könne die Stadt wirklich bleiben. Aber das werde sie nicht. Schließlich sei das hier ja nur das Vorgeplänkel. Darum, meinte der Mann, sei es gut, dass er das alles hier jetzt so gesehen habe – und er und seine Begleiterin dann für dreieinhalb Wochen die Stadt verlassen könnten: Die Spiele werde er sich im Fernsehen ansehen. Eventuell auch bei seinem Wirten in der Nähe des Ferienhauses im Salzkammergut – und allen, die das nicht könnten, wünsche er viel Spaß. Und gute Nerven.

Er nickte mir zu, reichte seiner Begleiterin den Arm und ging. Kurze Zeit später sah ich sie unten, auf dem Platz vor dem Burgtor auftauchen. Hand in Hand. Die Dame deutete zwei Tanzschritte an. Dann blieben die beiden stehen, umarmten einander und küssten sich. Mitten auf der Ringstraße. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 9. Juni 2008)

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