Es wird nun wirklich Zeit, dass sich die EURO aus ihrer Höhle traut und sich den Menschen zeigt
Abgesehen davon, dass die Zeit nie geworden, immer schon da gewesen ist, es sei denn, man imaginiert sich eine zeitlose Zeit, in der noch keine Zeit vergangen ist, was dann aber auch wieder eine Art von Zeit oder eben doch keine Zeit gewesen wäre, wird es nun wirklich Zeit, dass sich die EURO aus ihrer Höhle traut und sich den Menschen zeigt. Es gab aber auch einmal eine Zeit, in der eine Europameisterschaft noch nicht so wichtig gewesen ist, sich nur acht Mannschaften daran beteiligten, und es gab auch einmal eine Zeit, in der ein Ingeborg-Bachmann-Preis noch von Dienstag bis Sonntag gedauert hat und nicht auf zwei fernseherträgliche Tage und 14 (von damals 22) Autoren zusammengekürzt worden ist.
Mittlerweile leben wir in einer Zeit der völligen Verfußballisierung, einer Fußballokratie, in der ein Hans Krankl zugeschriebener Spruch ("Was halten Sie von Toulouse-Lautrec? - Sehr viel, das sind zwei hervorragende Mannschaften. Ich tippe auf ein Unentschieden.") traurige Realität geworden ist. Eine Zeit, in der der Fußball alles andere mit sich selbst paniert - so wie es das Promi-Team der Herzen von "Das Match" den pünktlichen, auf ihre Uhren stolzen Schweizern angekündigt hat. So wie die österreichische Küche schon von jeher dazu neigt, alles zu panieren: Emmentaler, Karfiol, Fleisch, Fisch, Champignons, wird momentan alles in die Panade Fußball eingetunkt und rausgebacken. Da wird es Zeit, sich auf das "Alles andere ist primär" zu konzentrieren, den Kern der EURO-Zeit, das Spiel, das keine Regeln außer seinen eigenen kennt.
Die Zeit ist eine seltsame Angelegenheit, wie ein Wandverputz umgibt sie uns tagtäglich, bis wieder einmal ein großes Stück herunterbricht. Eine unendlich lang erscheinende Zeit werden die Spiele sehnsüchtigst herbeigesehnt, um dann in 90 Minuten relativ schnell zu vergehen - obwohl es auch hier Phasen gibt, die einem wie eine Ewigkeit erscheinen oder viel zu kurz sind. Die Zeit vor der EURO jedenfalls war nun schon viel zu lang. Wie ein unendlich langes Vorspiel kam sie mir vor, die sich nun mit Vorrunde und Viertelfinale zu einer Klimax hochschraubt, entlädt, um im Halbfinale und Finale rasch wieder zu erschlaffen.
So wird es also Zeit, dass es endlich Zeit wird, auch wenn die Zeit nie geworden, schon immer da gewesen ist. Wie ein Fluss ist sie, und das Letzte, was sie uns entgegengetrieben hat, ist also diese EURO, das größte Sportereignis Österreichs und der Schweiz für absehbare Zeit. Und auch wenn sie keine Überraschung zeitigt, steht schon fest, Österreich und auch die Schweiz werden bei dieser EURO nicht so schnell nach Hause fahren. Das hört sich nach was an, nach großer Zeit. (Franzobel, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 7. Juni 2008)