La Coupe Henri Delaunay: Die Unerreichbare ist zurück in Österreich
Er ist das Ziel aller Männerträume. Denn natürlich hat er auch eine erotische Ausstrahlung, jedenfalls für Fußballspieler. Wer das Glück hat, ihn in Händen halten zu dürfen, herzt und drückt und kost und küsst ihn innig, leidenschaftlich, hemmungslos. Manche, so sagt man, versuchen ihn gar ins Bett zu kriegen. Und bei manchen hat er tatsächlich schon übernachtet.
Homophobe brauchen keine Angst zu haben. Nur im holprigen Deutsch heißt es: der Pokal. Der ums Eigentliche Bescheid wissende Franzose nennt "ihn" logischerweise "la coupe". Und wer sieht, welchen und welche Tanz um "ihn" herum aufgeführt werden, erkennt, dass alle europäischen Kicker zumindest in diesem Fall französisch denken. La Coupe Henri Delaunay - um sie dreht sich ab Samstag der ganze Kontinent.
Dabei ist sie ein weitgehend unbekanntes Wesen. Ihre Vorgängerin, um die 2004 zum letzten Mal auf Teufel komm raus gebalzt wurde, war in die Jahre gekommen. Ihren Dienst als Wanderin von Sieger zu Sieger hatte sie immerhin schon 1960 angetreten. Was wunder also, dass sie da schon ein wenig derangiert war.
Ihre Nachfolgerin ist größer, schöner, teurer, wertvoller. Liebreizender womöglich. 60 statt 42,5 Zentimeter hoch, 7,6 statt 10 Kilo schwer. Den "Materialwert" gibt die UEFA mit 15.000 Euro an. Aber das auch nur zu erwähnen, wäre despektierlich, weshalb es mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückgenommen wird. Sie ist ja unbezahlbar. Für Österreich noch mehr, nämlich unerreichbar.
Dabei hat sie durchaus österreichische Beziehungen, um nicht zu sagen Wurzeln. Ihr Namensgeber, Henri Delaunay, von 1954 bis zu seinem Tod im November 1955 erster UEFA-Generalsekretär, war ein enger Vertrauter und Mitstreiter von Hugo Meisl, der 1927 den Europacup der Nationen ins Leben gerufen hatte. Unter genau diesem Namen hat Delaunays Sohn, Pierre, die EURO initiiert. Die Trophäe benannte der damalige UEFA-Generalsekretär nach seinem Vater.
Dessen Verbundenheit mit Österreich belegt am deutlichsten der Umstand, dass Frankreich, dessen Verbandschef er war, schon 1945 ins Wiener Stadion kam und sich dort 1:4 vorführen ließ. Zu dieser Gelegenheit meinte Henri Delaunay: "Der Österreicher stößt den Fußball nicht, auch wenn er mit Kraft und Energie schießt. Der Wiener streichelt den Ball und erzählt mit ihm Witze auf dem Spielfeld." Letzteres tut er tatsächlich bis heute.
(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 7. Juni 2008)