Raum einmal anders

Redaktion, 7. Juni 2008, 18:30
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Unser Begriff von Raum ändert sich mit jeder neuen Medientechnologie, analysiert eine medienwissenschaftliche Diplomarbeit

"Räume des Medialen. Zum spatial turn in Kulturwissenschaften und Medientheorien" lautet der Titel der Diplomarbeit von Thomas Schindl, der damit einen akuten Bedarf zu stillen vermag. Wenigstens zeitweise, denn die Fragen, denen er sich widmet, fordern eine immer wiederkehrende Diskussion: die mangelnde Auseinandersetzung mit der Thematik Raum gerade im Hinblick auf Information, Kommunikation und Medien ist prekär. Schindl will den Spuren, die Medien und Kommunikation im Raum setzen, folgen, um neu entstandene Räume bewusster wahrzunehmen und um auf die Möglichkeiten der Nutzbarkeit dieser Räume für den Menschen und sein Umfeld hinzuweisen.

So wie Medien Veränderungen und Entwicklungen entfachen und sich selbst daraus erschließen, so sind auch die daraus entwachsenen Räume keine unveränderbaren Schatzkästchen, sondern bewegliche Möglichkeiten der Kommunikation.

Die Tauschbarkeit des Raum- und Medienbegriffs

Eine spannende Hypothese liegt der Arbeit zugrunde, die Tauschbarkeit des Raum- und Medienbegriffs. Raum und Medium sind auf dem ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Termini, die nicht viel miteinander zu tun haben. Doch der Schein trügt, denn Raum und Medium bedingen sich nicht nur wechselseitig, sondern sind eben auch austauschbar. Was Raum und Medium verbindet ist die Vermittlung. Die Entwicklung eines neuen Mediums birgt auch die Entwicklung eines neuen Raumes in sich, den es zu erkunden gilt. Und auch umgekehrt fördert die Entstehung eines neuen Raumes die Entstehung neuer Medien.

Die kulturelle Größe des Raumes

Unter Spatial turn ist jene Wende in den Human- und Kulturwissenschaften zu verstehen, die die kulturelle Größe des Raums erkennt und diese effizient für die Gesellschaft nutzen will. Das wirft die Fragen auf, mit denen sich der Autor befasst: Welche Räume müssen aufgebaut werden, damit Kommunikation funktioniert? Wie stehen globalisierte Räume in Beziehung zu digitalisierten Medien?

Dabei seilt sich Thomas Schindl von der medialen Geopolitik zur globalen Raumökonomie, ohne dabei die gewissen Größen zu vergessen. So nimmt der Wirtschaftshistoriker und spätere Medientheoretiker Harold A. Innis als Verfechter des Raum-Zeitverhältnisses eine wichtige Rolle in dieser Arbeit ein. Dieser hatte in den 40er Jahren den Zusammenhang zwischen Medientechnologie und Herrschaft ("Communication and Empire") von der Antike bis ins 20. Jahrhundert untersucht. Heute bringt die weitere Öffnung des Medienzugangs als wichtiger Sprössling der Globalisierung eine neue Form der sozialen Organisation mit sich. Auch in der modernen Architektur und Stadtplanung ist es offensichtlich, dass die Gestaltung der Räume die soziale Interaktion und Kommunikation verändern und neu entstehen lassen.

Global Cities

Von der medialen Geopolitik geht Schindl weiter zur globalen Raumökonomie und zu Saskia Sassens "Global Cities", die ohne Telematik undenkbar wären. Es sind Städte, die im Zusammenschluss mit anderen funktionieren. Der urbane und globale Raum der Global Cities lässt andere Räume wachsen. Neue Räume der gesellschaftlichen Organisation und Interaktion werden geboren und die bestehenden räumlichen Ordnungen relativiert.

Politik, Wirtschaft, Technik und Kultur begegnen sich in diesen Räumen und verlangen nach Auseinandersetzung. Basierend auf Vernetzung gewinnt Vermittlung eine ganz neue Wertigkeit, womit auch die Kernthese der Arbeit umrissen wäre.

Globale virtuelle Räume

Wenn Thomas Schindl vom Raum schreibt, verliert die Begrenzung nach Länge, Breite und Höhe ihre Spannkraft. Hier wird Tiefe gewonnen, denn die Räume des Medialen begreifen sich nicht durch Begrenzung, sondern im verbindenden Element. Bevorzugter Weise sind es die virtuellen Räume, von denen Thomas Schindl schreibt. Dass dabei der Prozess der Globalisierung als Spielhof der virtuellen Räume herhält, ist verständlich. Gerade in diesem Kontext ist die Verlautbarung von Räumen, die Medien und Kommunikation schaffen, von höchster Bedeutung: für unser gesellschaftliches Zusammenleben und für unsere menschliche Existenz, die sich durch Kommunikation bestimmen lässt.

Die Diplomarbeit "Räume des Medialen. Zum spatial turn in Kulturwissenschaften und Medientheorien" (2007) ist in Auszügen auf textfeld nachzulesen.

Der Volltext ist als Buch im Verlag Werner Hülsbusch erschienen. Die Präsentation des Buches findet am Dienstag dem 10. Juni um 18.30 in der Cafeteria der Akademie der Bildenden Künste statt.

Der Autor
Thomas Schindl (Jg. 1981, Mag.phil) hat Kommunikations- und Medienwissenschaft in Wien und Paris studiert. Neben seiner derzeitigen Tätigkeit als freiberuflicher Redakteur im Bereich audiovisuelle Medien arbeitet Schindl an zahlreichen kreativen Projekten in den Bereichen Film, Musik, Theater, Kunst und Literatur.

Die Rezensentin
Ingrid von Schlechtleitner (Jg. 1981) steht kurz vor dem Abschluss ihres Studiums der Kommunikations- und Medienwissenschaft in Wien, wobei sie sich als Diplomarbeitsthema mit Walter Benjamins Rundfunkarbeiten beschäftigt hat. Neben dem Verfassen von Buchrezensionen arbeitet sie für ein Onlinemagazin.

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18 Postings
superstring
00
27.9.2008, 18:56

Ja Metrik ist das Schlagwort, aber dass passt nicht hierher...

Mr. Anderson
00
22.9.2008, 21:58

Also anhand der Rezension werde ich nicht wirklich schlau worum es in dieser Arbeit geht. Ich glaube, vielen die aus der Naturwissenschaft oder Technik kommen sind solche Arbeiten zu wenig greifbar.

Friedrich Schiller
00
11.6.2008, 15:18
a²+b²=c²

April O'Neil
 
00

mein dipl. arbeit ist weitaus interessanter...

che guevara1
00
was

ich interessant finde, ist die überbetonung des raumes in allen diversen arbeiten.
doch das konzept geht ausdrücklich von raum zeitlichen konfigurationen aus. zeitlichkeit in seiner stratifizierung spielt aber zumeist nur eine geringere rolle oder wird als fixum angenommen, ohne seinen gesellschaftlichen charakter näher zu beleuchten.

fanni sing
00
...

es geht ja scheinbar um den abstrakten raumbegriff. will man die zeit einbauen, wird das ganze viel komplexer. dann müsste man diese imaginationsräume in den zeiträumen ihrer entstehung definieren, also diachron betrachten. virtuelle räume entstehen aber mitunter nicht in der zeit, sondern plötzlich und zufällig.
um ehrlich zu sein: ich bewundere das, sich mit so einem thema so intensiv auseinander zu setzen. mir wäre der erwartbare erkenntnisgewinn den aufwand nicht wert.

che guevara1
00
10.6.2008, 08:21
und genau2

... basis für hegemoniale strategien auf globaler ebene begründen.
so einmal grob die überlegungen.
lg

che guevara1
00
10.6.2008, 08:19
und genau 1

darum geht es mir unter anderem in meiner diplomarbeit. wenn man raum betrachtet ist dieser nie von zeit zu trennen, noch dazu wenn man von unterschiedlichen scales ausgeht die sich artikulieren.
Gerade wenn man räume als gesellscaftlich konstruiert begreifen will und dabei versucht zu verstehen wie in einer globalisierten welt, die für unterschiedliche akteure differenzierte potentiale hervorbringt, wirkmächtigkeit entsteht muss man zeitlichkeit hinzuziehen. Nicht nur zeit in seiner abstrakten bestimmung, man benötigt auch einen begriff von geschwindigkeit gesellschaftlicher entwicklungen. Dabei kann man mit Braudel unterschiedliche Geschwindigkeiten der Zeit herausarbeiten. Geschwindigkeiten der Zeit können transräumlich wirken und die

Joe Bazooka
 
00
'nicht in der zeit, sondern plötzlich und zufällig'

interessanter Zeit-Begriff, by the way: die Zeit besteht also nicht aus lose aneinander gereihten Augenblicken; gehören diese demnach der Ewigkeit an?

fanni sing
00
genau.

macht sie nicht [nur]. :-)

die griechen hatten noch ein wort dafür.

Joe Bazooka
 
00
10.6.2008, 04:12

Hm, Sie meinen den Kairos? Oder die historische Zeit? War es für die Griechen nicht ganz undenkbar, dass Augenblicke für immer verschwinden bzw. selbstverständlich, dass sie à la longue wieder ins Haus standen, - von Natur aus, also ganz ohne Zeitmaschine? - Kaum noch nachvollziehbar heutzutage...

Frapel
11
Ich empfehle zur Lektüre das Buch

"Eleganter Unsinn-Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaft mißbrauchen" von Alan Sokal und Jean Bricmont. Damit ist eigentlich alles zu der im Artikel beschriebenen Publikation gesagt.

Joe Bazooka
 
03

hehe, gut gebrüllt, auch nicht weniger unsinnig, aber schon bei Nietzsche nachzulesen: die Wahrheit ist ein Weib; sie liebt immer nur einen Kriegsmann... - was gäbe es da zu schänden?

fanni sing
00
...

nette nietzsche-modifikation. es war aber die weisheit, soviel ich weiss ... :-)

Joe Bazooka
 
00

schon möglich, dass mir da der christliche Weisheitsbegriff ('in der Wahrheit leben') dazwischen gefunkt hat - aber ich würde Sie doch niemals anlügen ;-)

fanni sing
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soso.

zwischen nietzsche und unbewussten christlichen weisheitsbegriffen lebt es sich bestimmt ganz spannend ... :-)

Joe Bazooka
 
00
10.6.2008, 04:03

Ja, zwischen dem 'Weltgeist' und den 'freien, sehr freien Geistern', da tun sich Abgründe auf, treten Sie nicht zu nahe :)

°L
00

Gruppense. ?

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