Dass die Mannschaft von Slaven Bilic ihre Zelte in Bad Tatzmannsdorf aufschlug, ist kein Zufall
Tarca – Wer Fred Hergovich dieser Tage treffen möchte, wird ihn wohl oder übel irgendwo abfangen müssen. So sehr reißt es den ansonsten ruhigen, umsichtigen Mann herum. Denn Fred Hergovich ist Chef der Volksgruppenredaktion im
ORF-Landesstudio Burgenland und deshalb – genau.
DER STANDARD hat Hergovich gerade noch im Eisenstädter Funkhaus abfangen können, da war er aber quasi schon auf dem Sprung in den Landessüden, wo ihm dann aber auch nichts anderes widerfahren würde als das Herumreißen. Bad Tatzmannsdorf (also Tarca) sowieso, aber Stegersbach (also Santalek) detto, denn ein wichtiges journalistisches Vorhaben führt ihn aus Sprachgründen auch ins österreichische Teamcamp: „Ich möchte Ivica Vastic interviewen.“
Vielleicht täuscht ja der Eindruck, aber Fred Hergovich scheint das Herumreißen durchaus zu genießen. Wie jeder gute Journalist hat auch er einen Nerv für gute Geschichten. Und wenn der Aufenthalt der kroatischen Nationalmannschaft für die sonst so beschauliche Volksgruppenredaktion keine gute Geschichte ist – was wäre dann eine?
Dass das Team des Slaven Bilic sich im Burgenland einquartiert hat, verdankt sich, so jedenfalls deutete es der frühere Rapidtrainer und jetzige Verbandschef, Vlatko Markovic, an, den Burgenlandkroaten. Es sei „selbstverständlich“ gewesen, hier die Zelte aufzuschlagen, immerhin gebe es „jahrhundertealte Verbindungen“. Die in die Waagschale zu werfen, hat das Burgenland auch einige Anstrengungen unternommen. Martin Ivancsics – der zuweilen nicht ganz grundlos kritisch beäugte Büroleiter von Landeshauptmann Hans Niessl – hat in Zagreb diesbezüglich seine Zagersdorfer Zunge auf Schnellfeuer gestellt.
Martin Ivancsics ist aber auch ein Symbol fürs Problem der Volksgruppe. Er ist der Chef des „Kroatischen Kultur- und Dokumentationszentrums“, und das ist rot. Daneben gibt es den „Kroatischen Kulturverein“, der aber schwarz ist und also in der offiziellen Akquisitionsgeschichte nicht vorkommt. Dabei macht sein Chef, Mate Klikovits, seit langem schon einschlägige Werbung in Zagreb. Der Kulturverein veranstaltet alljährlich den burgenländischen Kroatencup, dessen Sieger jeweils ein Trainingslager an der Küste bekommt. Mit wohlwollendem Segen des kroatischen Verbandes.
Rund 19.000 Burgenländer haben sich bei der Volkszählung 2001 zur kroatischen Volksgruppe bekannt, auf etwa doppelt so groß wird sie geschätzt. Allerdings tritt sie kaum geschlossen auf. Tief geht der Graben zwischen Rot und Schwarz.
Dass im Burgenland immer noch Kroatisch gesprochen wird, verdankt sich zu einem guten Teil der Kirche, wo eben immer auch auf Kroatisch – um nicht zu sagen: das Kroatische – gepredigt wurde. Nun natürlich auch für die kroatischen Fußballer. Treibende Kraft dahinter ist – sozusagen – der Pfarrer von Martin Ivancsics, der von Cogrštof (also Zagersdorf) aus das österreichische Priester-Nationalteam auf die Beine gestellt hat. Im Juni wird er die wöchentliche religiöse Sendung der Volksgruppenredaktion gestalten. Erstmals am Samstag ab 18.22 Uhr. Inhalt: ein Gespräch mit Kroatiens Kapitän Niko Kovac.
Eines mit dem österreichischen läge – „läge“ auf Grund mangelnder Sprachkompetenz – diesbezüglich auch auf der Hand. Immerhin kommt Andreas Ivanschitz aus Pajngrt. Von da ist es nur ein Katzensprung hinüber nach Cogrštof. Nur für den Fall, dass Ivanschitz mittlerweile griechisch-orthodox geworden ist: Dann macht das Interview eben Daniela Szaffich, die für den ORF-Sport in Bad Tatzmannsdorf stationiert ist. Ihr Handwerk erlernt hat sie in der Eisenstädter Volksgruppenredaktion. So gut, dass sie unlängst als Einzige ein TV-Interview mit Teamchef Slaven Bilic bekam.
Das erzählt man sich jedenfalls nun in Željezno (also in Eisenstadt) mit jenem Gefühl, das die Lebensgrundlage wohl jeder Minderheitenvolksgruppe ist: der aus Selbstgewissheit gewachsene Stolz auf sich selbst. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 6. Juni 2008)